Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

11. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 7,36-50)

In jener Zeit ging Jesus in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch. Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit Öl. Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist. Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! Jesus sagte: Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht. Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet. Du hast mir zur Begrüßung keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst. Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre viele Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! (Lk 7,36-50)

Als ich in München studiert habe, wurde ich einmal gefragt, ob ich den Unterschied zwischen der Münchner Abendzeitung und der Bild-Zeitung kenne. Die Antwort lautete: Bei der Bild-Zeitung dürfe man lediglich das Datum und die Sportberichte ernst nehmen - bei der Münchner Abendzeitung nur das Datum.

Liebe Schwestern und Brüder,

eine Zeitung, die noch oberflächlicher, noch effektheischender und noch weniger ernst zu nehmen sei, als die Bild-Zeitung? Gibt es so etwas überhaupt?

Die Macher der Bild-Zeitung mögen mir jetzt verzeihen. Ich möchte niemandem zu Nahe treten und auch nichts Unwahres behaupten - aber dass die Bild-Zeitung den Ruf hat, nicht besonders seriös und wenig ernsthaft zu sein, ist ja kein Geheimnis.

Jetzt mag es für manchen schon schlimm genug sein, dass ein Nachrichtenblatt in solch einem Ruf steht. Für mich wiegt ein Aspekt sogar noch weit schwerer: dass dies nämlich mit dem Namen "Bild" verbunden ist.

Eigentlich hat "Bild", nämlich überhaupt nichts mit Oberflächlichkeit zu tun und erst recht nicht mit wenig Ernsthaftigkeit. Von unserem Wort "Bild" kommt nämlich Bildung. Unser Deutsches Wort "Bildung" beinhaltet noch die eigentliche Bedeutung, die mit einem Bild verbunden ist.

Als noch kaum jemand davon zu träumen wagte, dass Lesen und Schreiben zum Allgemeingut der Menschen werden würde, gab es nichtsdestoweniger Bildung. Es gab nämlich Bilder. Und diese Bilder waren lesbar, sie waren lesbare Verkündigung. All die Bildung, die ein Großteil der Menschen in den zurückliegenden Jahrhunderten erworben haben, hatten sie Bildern zu verdanken.

Und Bilder prägen auch uns heutzutage, weit mehr als wir uns manchmal vorzustellen vermögen. Ein Bild sagt oftmals mehr als tausend Worte.

Wenn sich die älteren Peterskirchler zurückerinnern, dann werden es wohl vor allem die Bilder in der Peterskirche gewesen sein, die ihren kindlichen Glauben geprägt haben. So wie Josef Mariano Kitschker die Geschichte von Petrus ins Bild gebracht hatte, so hatten sie es zu glauben gelernt. Alle Berichte, alle Erzählungen, alle Bücher und Katechismen haben keinen solch starken Eindruck hinterlassen wie die Bilder.

Sie haben sich ganz früh eingeprägt. Denn ein Bild sagt oftmals mehr als tausend Worte.

Deswegen verwendet Jesus Bilder, Gleichnisse. Das sind zwar keine gemalten Bilder, aber es sind Bilder mit Worten, Bilder, die sich viel tiefer eingraben, als alles, was an theoretischen Abhandlungen gesagt werden könnte.

Und wenn wir an diesem Sonntag in St. Anton Patrozinium feiern, dann denken wir dabei an einen Prediger, einen begnadeten Redner, der auf genau die gleiche Art die Herzen der Menschen erreicht hat. Wie einst Jesus, sprach er zu den einfachen Leuten in ihrer Sprache, mit einer Fülle von Bildern und Gleichnissen aus dem Alltag, die sich den Menschen unauslöschlich einprägten.

Und genau das brauchen wir auch heute wieder - nicht noch mehr wissenschaftliche Traktate, nicht noch mehr dogmatische Formulierungen, mit all ihren Spitzfindigkeiten die sowieso kein Mensch versteht - Bilder, die dazu geeignet sind, das Unaussprechliche anschaulich zu machen, Bilder, die Gott den Menschen nahe bringen, auf eine Art und Weise, die sie verstehen, die sie ergreift und die die Herzen der Menschen erreicht.

Es braucht Verkündiger, die wie Josef Mariano Kitschker die Menschen mit hineinnehmen in eine Bilderwelt, die ihnen von Gott kündet. Und Menschen, die wie Antonius von Padua in einer Sprache reden, die man auch versteht, wenn man keine Theologie studiert hat.

Das brauchen wir - nicht zuerst Verordnungen, was sein darf und was nicht, nicht zuerst Instruktionen, die verbieten und anordnen - Verkündigung, die Menschen klar macht, wer dieser Gott für uns ist, was wir an ihm haben und warum es sich lohnt, sich an ihn zu halten.

Wir brauchen Bilder - Bilder, die Menschen bilden.

Natürlich sind Bilder nicht messerscharf, natürlich zeigen Bilder nur Analogien, natürlich verkürzen manche Bilder so sehr, dass unsere Dogmatiker schon Bauchschmerzen bekommen. Aber was will man denn? Soll ich von Gottes Liebe korrekt, aber so sprechen, dass kein Mensch versteht, was damit gemeint ist? Ein einziges treffendes Bild, ob gemalt oder in Worten sagt mehr als tausend Abhandlungen.

Und solche Bilder, Bilder für heute und für die Menschen von heute, Bilder die treffen, solche Bilder brauchen wir wieder.

Von solchen Bildern - unsere Sprache weiß noch davon - kommt wirklich Bildung. Schon immer wurde mit ihnen religiöse Bildung vermittelt. Und dadurch wurde - Antonius von Padua gibt beredtes Zeugnis davon - auf diese Art und Weise wurde nicht zuletzt Kirche gebildet.

Amen.

(gehalten am 12./13. Juni 2004 in den Kirchen der Seelsorgeeinheit St. Peter, Bruchsal,
anlässlich der Ausstellungseröffnung über Josef Mariano Kitschker in der Peterskirche
und des Patroziniums in St. Anton)

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