Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

10. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 7,11-17)

In jener Zeit ging Jesus in eine Stadt namens Naïn; seine Jünger und eine große Menschenmenge folgten ihm. Als er in die Nähe des Stadttors kam, trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe. Und viele Leute aus der Stadt begleiteten sie. Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht! Dann ging er zu der Bahre und fasste sie an. Die Träger blieben stehen, und er sagte: Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf! Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Alle wurden von Furcht ergriffen; sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sich seines Volkes angenommen. Und die Kunde davon verbreitete sich überall in Judäa und im ganzen Gebiet ringsum. (Lk 7,11-17)

Wenn man ein Bild gut kennt, dann weiß man, wo man hinzuschauen hat. Man sieht es dann immer wieder auf die gleiche Weise. Es sind die selben Personen, die einem sofort ins Auge springen, die selben Hände, die gleichen Farben. Wirklich Überraschendes gibt es da kaum noch zu entdecken. Man kennt das Bild ja und hat sich an seinen Anblick gewöhnt.

Und dann fällt eines Morgens das Licht ein wenig anders, der Blick fällt zufällig von einem anderen Winkel auf das Werk, oder jemand sagt einen Satz, der alles noch einmal in anderem Licht erscheinen lässt.

Da denkt man, man kennt ein Bild in und auswendig und plötzlich erscheint es ganz anders, plötzlich eröffnet es ganz neue ungeahnte Perspektiven und man schaut wieder darauf, als hätte man es an diesem Tag zum ersten Mal gesehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich weiß nicht, ob Ihnen ähnliches schon wiederfahren ist. Bei Bildern passiert mir das immer wieder einmal.

Aber nicht nur bei Bildern, es geschieht auch bei Texten. Die sind oft ja ganz ähnlich, wie solche bekannten Bilder: Man liest sie immer wieder und glaubt alles zu kennen. Man weiß, was passiert und wie es ausgeht.

Einer dieser Texte, bei denen es mir so ergangen ist, ist dieser Bericht von der Erweckung des Jünglings von Naïn aus dem heutigen Evangelium.

Sie kennen ihn alle und er hat eigentlich nichts Überraschendes mehr. Er ist wunderschön: Da ist eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, da ist der Gottessohn Jesus von Nazareth, der vor Mitleid vergeht und dieser Frau ihr Kind wiedergibt. Es ist ein Bild voller Intimität, voller Rührung und eine der schönsten Stellen aus dem Lukasevangelium überhaupt. Eine Mutter bekommt ihr Kind zurück.

So kennen wir den Text und so hat er auch seine ganz große Bedeutung. Nichts davon soll weggenommen werden, das ist eine ungeheuer tiefe Dimension dieser Geschichte. Aber die kennen Sie.

Ich möchte heute das Licht ein wenig verändern, die Perspektive noch einmal anders angehen und dieses Bild doch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Das wird an seiner großartigen Erscheinung nichts verändern - ganz im Gegenteil -, es wird aber möglicherweise noch einmal eine andere Dimension dazulegen. Denn schauen Sie noch einmal hin: Es geht hier ja nicht nur um eine Mutter und die Liebe zur ihrem Sohn.

Es geht um eine Frau, von der ganz ausdrücklich gesagt wird, dass sie Witwe ist. Und das muss aufhorchen lassen. Witwen und Waisen gehörten nämlich zu den Gruppen in Israel, die fast am Ende der sozialen Leiter in der damaligen Gesellschaft standen. Unter ihnen gab es eigentlich nur noch Bettler und Aussätzige.

Wenn eine Frau geheiratet hatte, war sie aus dem Haus ihrer Eltern entlassen. Sie hatte jetzt nämlich eine eigene Familie, eine, in der sie versorgt und abgesichert war. Darin bestand das damalige soziale Netz. Der Familienvater sorgte für das Auskommen der Frau und garantierte auch ihre Absicherung in Alter und Krankheit.

Wenn er aber starb, wenn sie Witwe geworden war, dann blieb ihr nur noch eines: die Kinder. Die mussten dann für den Unterhalt der Mutter aufkommen und für die Versorgung und Pflege der alten Mutter garantieren.

Das war nicht immer eine beruhigende Aussicht. Die Propheten beklagen aller Orten, wie sich Kinder dieser Aufgabe entziehen. Und die Sorge für die Witwen in Israel war eine der ganz großen sozialen Herausforderungen. Immer wieder wird das Schicksal der Witwen in den Texten des Alten Testamentes angemahnt. Immer wieder wird daran erinnert, dass man diese schwächsten Glieder der Gesellschaft nicht vergessen darf.

Und ganz besonders drängend war dieses Problem im Blick auf Witwen, denen auch noch die letzte Absicherung fehlte: die Kinder nämlich. Fast ganz ohne Chance waren Frauen, die Witwen wurden, ohne Kinder zu haben.

"Da trug man gerade einen Toten heraus. Es war der einzige Sohn seiner Mutter, einer Witwe."

Hier berichtet das Evangelium nicht nur von einer Tragödie einer Mutter, die ihren Sohn verloren hatte. Hier geht es um eine Frau, die jetzt durch alle Maschen eines fast nicht vorhandenen sozialen Netzes hindurchzufallen drohte. Sie hatte niemanden mehr, der für sie sorgen würde. Schon jetzt würde sie zum Betteln gezwungen sein und in wenigen Jahren, wenn sich Krankheit und Schwäche einstellen würden, wäre sie zu einem langsamen und qualvollen Sterben verurteilt.

Nicht nur um eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat, geht es hier, es geht um eine ganz gewaltige soziale Schieflage in Israel, um einen Menschen, der in Not und Elend abzurutschen drohte. Um soziale Gerechtigkeit geht es und darum, dass die erst dann erreicht ist, wenn alle, wirklich alle versorgt sind.

Jesus hatte Mitleid mit ihr, er gab ihr den Sohn zurück, und er gab ihr damit eine Perspektive für ein menschenwürdiges Alter, ein menschenwürdiges Leben zurück.

In den Tagen von Heiligendamm ist dies eine ganz wichtige Dimension dieser Erzählung von der Erweckung des Jünglings von Naïn. In einer Zeit, die voller Möglichkeiten ist, in einer Welt, in der es absolut nicht mehr sein müsste, dass immer noch Menschen Hungers sterben oder kein Dach über dem Kopf haben, in einer Welt, in der es eigentlich nur an uns liegt, dies zu ändern, in solch einer Welt ist diese Dimension der Erzählung ganz besonders wichtig.

Denn ein Beispiel hat er uns gegeben, ein Beispiel, damit auch wir Menschen wieder eine Perspektive geben, damit auch wir so handeln, wie er es getan hat.

Amen.

(gehalten am 10. Juni 2007 in der Peters- und Pauluskirche Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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