Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

9. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 7,1-10)

In jener Zeit, als Jesus seine Rede vor dem Volk beendet hatte, ging er nach Kafarnaum hinein. Ein Hauptmann hatte einen Diener, der todkrank war und den er sehr schätzte. Als der Hauptmann von Jesus hörte, schickte er einige von den jüdischen Ältesten zu ihm mit der Bitte, zu kommen und seinen Diener zu retten. Sie gingen zu Jesus und baten ihn inständig. Sie sagten: Er verdient es, dass du seine Bitte erfüllst; denn er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut. Da ging Jesus mit ihnen. Als er nicht mehr weit von dem Haus entfernt war, schickte der Hauptmann Freunde und ließ ihm sagen: Herr, bemüh dich nicht! Denn ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst. Deshalb habe ich mich auch nicht für würdig gehalten, selbst zu dir zu kommen. Sprich nur ein Wort, dann muss mein Diener gesund werden. Auch ich muss Befehlen gehorchen, und ich habe selber Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es. Jesus war erstaunt über ihn, als er das hörte. Und er wandte sich um und sagte zu den Leuten, die ihm folgten: Ich sage euch: Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden. Und als die Männer, die der Hauptmann geschickt hatte, in das Haus zurückkehrten, stellten sie fest, dass der Diener gesund war. (Lk 7,1-10)

Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie Ihren Führerschein bekamen?

Das war doch ein großartiges Gefühl. Endlich hatte man - langersehnt - die Erlaubnis zu fahren.

Die Erlaubnis, wohlgemerkt - Fahren können war schließlich etwas anderes. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Das erste, was ich nach Erhalt des Führerscheins getan habe, das war den Wagen meines Vaters beim Anlassen richtig abzuwürgen. Fahren können, war etwas anderes. Ich durfte zwar fahren, wirklich sicher fahren, das konnte ich aber noch lange nicht.

Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, deshalb nicht zu fahren. Ich hatte es ja schriftlich: Ich hatte schriftlich, dass man mir zutraute, ein Fahrzeug zu führen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben es schriftlich, man hat das Vertrauen zu uns. Nicht nur, was das Fahren angeht.

Heute meine ich eine ganz andere Sache: Wie viele Menschen etwa trauen sich nicht. Sie trauen sich nicht, Gott anzusprechen. Sie trauen sich nicht in der Kirche sich nach vorne zu setzen. Und sie begründen das dann damit, dass sie das doch gar nicht Wert seien. Sie seien doch gar nicht würdig genug, die vorderen Plätze einzunehmen, Und erst recht nicht würdig, Gott mit mir ihren Anliegen direkt anzugehen.

Sie bitten dann andere, bitten stellvertretend für sie zu beten. Sie meinen dazu einen Mittler zu benötigen. Bitten etwa den Pfarrer darum, dass er für sie bete.

Klammer auf: Sie bilden sich doch hoffentlich nicht ein, dass Pfarrer etwa würdiger wären! Klammer zu.

Und dabei hat Gott doch ein Wort gesprochen, ein Machtwort. Er selbst hat gesagt, dass er uns für wert hält, seine Freunde genannt zu werden, zu ihm zu gehören, die Seinen zu sein. Das, worum wir immer wieder bitten -, dieses: "... aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund" - er hat dieses Wort doch schon längst gesprochen.

Im Evangelium gibt er es uns sogar schriftlich. Er nennt uns Freunde, jeden und jede von uns. Und er versichert uns, dass wir uns in all unseren Anliegen direkt an ihn wenden können, dass wir keinen Mittler brauchen und es wert sind, ganz nah bei ihm zu sein.

Wenn Sie sich jetzt trotzdem nicht für würdiger halten, dann macht das gar nichts. Das ist wie beim Führerschein damals, wirklich sicher fahren konnte ich damals nicht. Wirklich würdig, werde ich nie sein. Darauf aber kommt es auch gar nicht an. Weit wichtiger ist es, dass da jemand ist, der es mir zutraut. Der mit traut, der mich für Wert hält, sein Freund zu sein. Nicht ob ich würdig bin oder nicht ist hier die Frage. Dass Gott mich für würdig hält, das ist das entscheidende.

Wir haben es schriftlich. Wir können es jetzt trotzdem lassen. Aber das wäre ja so, als wäre ich damals, trotz Führerschein einfach nicht gefahren, weil mich das Gefühl nicht los gelassen hätte, dass ich es doch noch nicht richtig konnte. Habe ich damals nicht getan, ich hätte es tun können. Wäre aber doch irgendwie doof gewesen - oder nicht?

(gehalten am 1./2. Juni 2013 in den Kirchen der Pfarrei St. Peter, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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