Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

6. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 6,17. 20-26 mit Jer 17,5-8)

So spricht der Herr: Verflucht der Mann, der auf Menschen vertraut, auf schwaches Fleisch sich stützt, und dessen Herz sich abwendet vom Herrn. Er ist wie ein kahler Strauch in der Steppe, der nie einen Regen kommen sieht; er bleibt auf dürrem Wüstenboden, im salzigen Land, wo niemand wohnt. Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte. (Jer 17,5-8)

In jener Zeit stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei. Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht. Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht. (Lk 6,17. 20-26)

"Gesegnet der Mensch, der auf den Herrn sich verlässt. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Er hat nichts zu fürchten und ist ohne Sorge...!"

Das ist eine Verheißung!

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn sie nur stimmen würde! Jeremia mag ein noch so bedeutender Prophet gewesen sein - was er hier verheißt ist leider Gottes für die meisten ein Wunschtraum.

Von wegen: wer sich an Gott hält, hat keine Sorgen. Das sag' mal jemandem, der seine Arbeitsstelle verloren hat, dessen Partnerschaft auseinandergegangen ist, der mit seiner Rente vorne und hinten nicht auskommt, jemandem, der vor Schmerzen nicht schlafen kann oder vor dem Grab eines geliebten Menschen steht.

Von wegen, wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist. Da ist kein Wasser, da ist Wüste angesagt - trotz allem "sich auf Gott verlassen". Da klingt das Wort vom Baum am Wasser, schon fast wie Spott und Hohn.

Und selbst das, was uns im Evangelium gesagt wird, scheint da wenig hilfreich zu sein. Es klingt vielleicht gut, dass den Armen das Reich Gottes gehört und die Unterdrückten großen Lohn im Himmel haben werden. Was hilft dem Armen aber das Reich Gottes, wenn er jetzt Hunger hat? Dem Obdachlosen, der an der Tür klingelt und ein paar Mark möchte, soll ich ihm sagen: "Selig bist Du, wenn Du jetzt nichts hast, denn Dir gehört das Reich Gottes!" Ich glaube nicht, dass ihm das helfen würde. Und noch viel weniger glaube ich, dass er damit zufrieden wäre.

Die Botschaft vom Reich Gottes, vom Lohn, den man dort erhalten wird, für diejenigen, denen es jetzt dreckig geht, ist sie kaum ein Trost, viel eher eine Vertröstung. Und manchmal klingt sie sogar wie billige Jenseitsvertröstung.

Will uns Christus aber nur billig vertrösten? Vertröstet uns Gott etwa?

Ich will und ich kann das nicht glauben. Ich glaube nicht an einen Gott, der zu Menschen sagen würde: "Das Leben ist zwar ein Jammertal, aber da kann man nichts machen, das muss man halt aushalten. Bleibt nur ruhig sitzen und wartet auf bessere Zeiten!" Ich kann und ich will nicht an einen Gott glauben, der uns vertröstet.

Denn der Gott, von dem mir die Bibel berichtet, vertröstet nicht. Und er verteilt auch keine billigen Durchhalteparolen. Als Israel in Ägypten in der Sklaverei war, wurde offensichtlich dass Gott nicht zuschaut, wenn Menschen in Not geraten oder unterdrückt werden.

Gott hat gerade nicht gesagt: "Seid still, haltet aus und wartet ab!" Er hat dazu aufgerufen alles Menschenmögliche zu tun, um die Verhältnisse zu ändern: "Steht auf, schüttelt Eure Fesseln ab und brecht auf. Brecht auf aus dem Haus der Sklaverei und folgt mir in das Land, in dem Milch und Honig fließen."

Gott schaut nicht zu, wenn Menschen leiden. Und er will noch viel weniger, dass wir es tun. Er will, dass wir alle Anstrengungen unternehmen, um Krankheiten zu bekämpfen. Er will, dass wir uns mit all unserer Kraft für Gerechtigkeit, Frieden und menschenwürdige Lebensbedingungen einsetzen. Und er steht auf der Seite derer, die dies tun.

Aber er tut es -, und das kann ich ebenso aus der Bibel ablesen, auch wenn ich es gerne anders hätte - er tut es eben nicht so, dass er einfach mit den Fingern schnippt und alles Leid von heute auf Morgen davongeblasen ist. So einfach ist es nicht.

Als Israel aufbrach aus der Sklaverei, da begann das gelobte Land nicht schon an den Grenzen des Sklavenhauses. Zwischen Ägypten und dem Land der Verheißung lag ein Weg - und der, der führte durch die Wüste. Und er war zu gehen, um das Land zu erreichen.

Wer ihn nicht geht, wird nie dort ankommen. Wer nicht aufbricht wird im Sklavenhaus sitzen bleiben. Am Weg durch die Wüste, führt offensichtlich nichts vorbei. Aber mit Jesus Christus sind wir schon auf diesem Weg. Wir haben das Ziel zwar noch nicht erreicht - das ist für jeden offensichtlich, aber wir sitzen auch nicht mehr im Jammertal, wir sind zumindest auf dem Weg zum Ziel - und mit Christus sind wir auf dem besten Weg dorthin.

Amen.

(gehalten am 10./11. Februar 2001 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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