Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Neh 8,2-4a. 5-6. 8-10)

In jenen Tagen brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten. Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes. Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. Esra öffnete das Buch vor aller Augen; denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde. Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, so dass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. Der Statthalter Nehemia, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn, eures Gottes. Seid nicht traurig, und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Dann sagte Esra zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl, und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke. (Neh 8,2-4a. 5-6. 8-10)

Wir essen mit Messer und? - Gabel.

Eine belehrende Geschichte mit Tieren heißt? - Fabel.

Und wer erschlug seinen Bruder?

Nein,

liebe Schwestern und Brüder,

das war natürlich nicht der Abel. Kain erschlug seinen Bruder. Abel wurde schließlich erschlagen.

Aber das wissen Sie ja. Sie kennen schließlich Ihre Bibel. Im Schulunterricht hat man die biblischen Geschichten ja vorwärts und rückwärts gelesen - vor allem die aus der Ur- und Patriarchengeschichte. Das gehört zur Allgemeinbildung: Kain und Abel, Abraham Isaak, Jakob und Esau und Josef in Ägypten - Man kennt diese Geschichten.

Man hat sie im Kindergarten erzählt bekommen oder in der Grundschule, im Kommunionunterricht. Und sie sind deshalb auch zu Geschichten geworden, die einen an die Kindheit erinnern. Sie sind zu Geschichten der Kindheit geworden - Geschichten, mit denen viele deshalb heute auch gar nichts mehr anzufangen wissen.

Was soll man auch mit den Tieren, die zwei und zwei in ein riesiges Boot hineinziehen, oder einem Propheten, der von einem Walfisch verschlungen wird anfangen. Für bare Münze kann man so etwas ja nicht nehmen. Und deshalb legen viele diese Geschichten auch ganz schnell zur Seite, so wie man ab einem bestimmten Alter auch seine Märchenbücher zur Seite legt.

Bei vielen Menschen bleibt das auch dabei.

Andere nehmen die Bibel dann in späteren Jahren wieder aus dem Regal. Und sie gewinnen einen neuen Zugang. Sie verschlingen sie richtiggehend. Aber sie wissen mit den Texten auch nichts anderes anzufangen, als sie ganz einfach zu lesen - so wie sie dastehen. Und sie nehmen sie dann einfach beim Wort. Sie lesen die biblischen Texte, als würden sie in einem Geschichtslexikon blättern oder einen Zeitungsartikel anschauen.

Und so glauben ja mittlerweile schon fast die Hälfte der Amerikaner wieder, dass die Welt tatsächlich in sechs mal vierundzwanzig Stunden erschaffen worden sei. Und auch in Europa sind Menschen erneut versucht, dieser Vorstellung aufzusitzen. Und wenn Naturwissenschaftler dabei den Kopf schütteln, gibt man ihnen zu verstehen, dass Glaube wichtiger sei als die Vernunft und man seinen Verstand gleichsam an der Garderobe abgeben müsse, um wirklich glauben zu können.

Zwischen beiden Extremen bleibt dann eigentlich nur noch große Verunsicherung. Und die wird vielerorts ja in Sätzen deutlich, wie man sie da und dort ja auch bei uns hören kann. Da sagen Menschen dann im Blick auf biblische Texte: "Gell, das darf man halt alles nicht mehr wörtlich nehmen. Das ist halt alles nur noch symbolisch." Und damit schwingt dann zwischen den Zeilen mit, dass dies halt alles nicht mehr so ernst zu nehmen sei.

Dabei ist die Bibel sehr ernst zu nehmen! Sie ist die eigentliche, die wirkliche Grundlage unseres Glaubens. Und ihre Aussagen sind sehr präzise. Und selbst wenn ab und an der Anschein entsteht, dass heute ja jeder etwas anderes erzählen würde - die Auslegung der Schrift hat nichts mit Willkür zu tun. Es gibt Zusammenhänge, die man einfach einmal verstehen muss, dann wird deutlich, dass der Text recht klar und vor allem sehr eindeutig ist.

Dazu braucht es leider ein klein wenig mehr, als das Buch einfach in die Hand zu nehmen und zu lesen.

Ganz so einfach ist es leider nicht. So einfach war es noch nie. Selbst zu den Zeiten, in denen die Texte entstanden sind, konnte man sie nicht einfach nehmen, herunterlesen und verstehen. Schon vor zweieinhalbtausend Jahren brauchte es dazu eine Hilfestellung.

In der heutigen Lesung haben wir davon gehört. Sie handelt von der Zeit, als Israel nach dem babylonischen Exil sein Staatswesen neu ordnete. Die Zurückgekehrten fanden in der Bibel - damals den sogenannten fünf Büchern Mose, der Thora, oder zumindest einem Teil davon - die Zurückgekehrten fanden darin erneut die Grundlage ihres Zusammenlebens. Man kam zusammen und der Priester Esra trug den Text der versammelten Gemeinde vor. Und er erklärte ihn!

Das ist wichtig zu hören. Schon damals reichte das alleinige Lesen und Hören offenbar nicht aus. Die Bibel musste schon vor zweieinhalbtausend Jahren den Menschen erklärt werden. Wie können wir dann heute davon ausgehen, man müsse sich nur hinsetzen, lesen und das Verstehen käme dann schon von alleine.

Wer so rangeht, wird bestenfalls den Text als unverständlich bald wieder auf die Seite legen. Wenn's aber dumm läuft, wird er Dinge herauslesen, die absolut nicht drinstecken, die dann aber da und dort dazu geeignet sind, Leben eng und schwer zu machen und einen in Glaubensdingen völlig auf den Holzweg zu führen. Das darf nicht passieren.

Wir müssen die Grundlage unseres Glaubens kennen und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Allein schon deshalb, damit uns andere nicht so leicht ins Bockshorn jagen können. Und auch deshalb, damit Menschen nicht jedes Mal vom Glauben abfallen, wenn in "Stern" und "Spiegel" und "Focus" angeblich neueste Erkenntnisse verkauft werden, die 'noch angeblicher' alles über den Haufen werfen würden, und dabei doch nichts anderes als alte Kamellen sind, die schon seit Jahrzehnten die exegetischen Seminare der theologischen Fakultäten prägen.

Ich weiß, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen ist nicht ganz einfach. Das macht schon ein wenig Mühe. Man muss dabei eintauchen in eine manchmal recht fremde Gedankenwelt. Aber ich will Ihnen und ich werde Ihnen diese Mühe nicht ersparen. Es lohnt sich nämlich.

Wir sollten nicht nur, wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen, um miteinander uns dieses weithin unbekannte Land nach und nach zu erschließen. Und ich werde auch weiterhin nicht müde werden, in den unterschiedlichsten Kreisen und bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten zur Auseinandersetzung mit unseren biblischen Grundlagen zu werben.

Es lohnt sich nämlich, schon um unseretwillen. Vor allem aber im Blick auf andere. Damit wir nämlich Rede und Antwort stehen können. Rede und Antwort jedem und jeder, die uns nach der Hoffnung fragen, die uns erfüllt. Nicht zuletzt dafür lohnt es sich, jede Mühe auf sich zu nehmen - nicht zuletzt dafür scheint es mir sogar dringend geboten zu sein.

Amen.

(gehalten am 20./21. Januar 2007 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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