Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (1 Kor 12,12-31a)

Brüder! Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern. Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib. Und wenn das Ohr sagt: Ich bin kein Auge, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört es doch zum Leib. Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn? Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. Wären alle zusammen nur e i n Glied, wo bliebe dann der Leib? So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir um so mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm. So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die dritten als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Wunder zu tun, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede. Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun? Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? Reden alle in Zungen? Können alle solches Reden auslegen? Strebt aber nach den höheren Gnadengaben. (1 Kor 12,12-31a)

Ich weiß es. Man sagt es mir nicht umsonst immer wieder: Ich sollte mehr Sport treiben. Und ich sollte mich auch gesünder ernähren. Und ausreichend zu schlafen, das wäre auch kein Schaden. Raubbau mit seiner Gesundheit zu treiben, das rächt sich schließlich irgendwann einmal.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich weiß es schon. Aber es zu wissen und Konsequenzen daraus zu ziehen, das ist eben zweierlei.

Dass ich einen Körper habe, der sein Recht einfordert, das merke ich - leider Gottes - meist erst dann, wenn dieser Körper nicht mehr mitmacht, was ich ihm abverlange, wenn er zu streiken beginnt, und mich wieder einmal deutlich spürbar in meine Schranken verweist.

Ich weiß wohl, dass ich Füße habe, Augen, Ohren, einen Magen und ein Herz. Und ich weiß auch, dass sie wichtig sind, dass ich ohne sie nicht auskomme, letztlich im wahrsten Sinne des Wortes nichts ohne sie bin. Aber es zu wissen, ist eben das eine. Das andere aber, das ist meist das entscheidende.

Deshalb glaube ich auch, dass uns Paulus, wenn er heute von den vielen Gliedern spricht, sehr viel mehr mitteilen möchte, als die Tatsache, dass es eben viele gibt, und dass jeder einzelne irgendwie wichtig ist. Das wissen wir schon, das ist keine Neuigkeit. Aber das allein zu wissen, ist eben noch nicht das entscheidende. 

Zu wissen, dass es unterschiedliche Menschen gibt und dass jeder und jede seinen Platz hat und auch wirklich wichtig ist, das ist wie mit meinem Magen: Es nützt kaum etwas, wenn ich lediglich um die Bedeutung weiß, aber ihn dann dennoch gedankenlos zuschaufle und keine Rücksicht auf seine Empfindlichkeiten nehme. 

Paulus will uns nicht nur sagen, dass es verschiedene Glieder an dem einen Leib gibt, und das jedes Glied seine eigene Fähigkeit hat und deshalb wichtig ist. Er will uns sagen, dass jeder Teil dieses Organismus Rücksichtnahme, Pflege und sorgfältigste Behandlung braucht. Und dass ihm diese auch wirklich zuteil werden muss, wenn der ganze Leib keinen Schaden nehmen soll.

Wenn in unserer Gesellschaft zum Beispiel immer wieder darauf abgehoben wird, dass jeder einzelne wichtig ist, dass es den Einsatz der Vielen braucht, und dass es ohne diesen ehrenamtlichen Einsatz gar nicht geht, dann reicht es eben nicht aus, dies immer wieder nur zu betonen. Und es ist auch nicht ausreichend einfach ein Jahr des Ehrenamtes auszurufen.

Wenn die, die noch bereit sind, etwas zu tun, im Gegenzug immer mehr aufgeladen bekommen, dann werden sie, wie der Kreislauf, dem einfach zuviel zugemutet worden ist, am Ende kollabieren, und dann liegt plötzlich alles am Boden.

Und wenn in Kirche und Gemeinde, von der Paulus im Bild ja eigentlich handelt, lediglich theologisch gescheit darüber gesprochen wird, dass jedem Mann und jeder Frau durch den Heiligen Geist verschiedenen Gaben verliehen worden sind, dann reicht das eben nicht aus.

Wenn jene, die die Richtung angeben, nach dem Geist, der in diesen Gliedern wirkt, gar nicht fragen, die Befindlichkeit all dieser Menschen nicht einmal zur Kenntnis, geschweige denn ernst nehmen, letztlich so tun, als käme der Kopf ohne Füße, Magen und Hände aus - und vor allem ohne Herz, dann wird der Organismus, der Idee nach, vielleicht hehr und rein bleiben, aber er wird immer blutleerer werden und er wird seine Lebendigkeit verlieren.

Was aber ist ein Organismus ohne seine Lebendigkeit? Es ist dann ein lebloser, ein toter Körper, den man nur noch in Ehren zu Grabe tragen kann. 

Der eine Leib, von dem Paulus heute spricht, besteht aus vielen Gliedern. Und jedes einzelne von ihnen ist notwendig, um das Leben und seine Qualität aufrechtzuerhalten. 

Paulus erinnert uns wieder daran, und er tut es nicht nur, damit wir es halt wieder einmal bedenken, und erneut ins Bewusstsein rufen. Er tut es, damit wir endlich anfangen, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich für mich und meinen Leib, und die, die für den Leib Christi die Verantwortung tragen, für diesen.

Amen.

(gehalten am 20./21. Januar 2001 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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