Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

3. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Lk 1,1-4; 4,14-21)

Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen, um es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben. So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest. In jener Zeit kehrte Jesus, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen. So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. (Lk 1,1-4; 4,14-21)

"Allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen!"

Liebe Schwestern und Brüder,

schon am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts scheint das für den Evangelisten notwendig geworden zu sein. Es waren gerade einmal 50, 60 Jahre vergangen seit Jesus als Mensch in Palästina gelebt hatte, gerade einmal zwei Generationen, und schon scheint es notwendig geworden zu sein, "allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen", genau hinzuschauen, sauber nachzuprüfen, was denn eigentlich von Jesus her nun wirklich überliefert ist, was er denn jetzt tatsächlich getan und gepredigt hat und was er den Menschen letztendlich hat sagen wollen.

Offensichtlich musste man schon wenige Jahrzehnte nach Ostern die Überlieferung in den christlichen Gemeinden auf ihre Zuverlässigkeit prüfen, offensichtlich hatten sich schon damals wieder eine Reihe von Traditionen, Auffassungen, Praktiken und Vorstellungen eingeschlichen, die mit Jesus reichlich wenig zu tun hatten. Um zuverlässig das zu berichten, worauf es Jesus wirklich ankam, dazu musste offensichtlich schon der Evangelist "allem von Grund auf sorgfältig nachgehen".

Und wenn das schon damals der Fall war, wenn das schon wenige Jahrzehnte nach Ostern erforderlich war, um wie viel mehr wird das dann heute zweitausend Jahre danach notwendig und geboten sein! Es war eine der großen Einsichten des zweiten Vatikanischen Konzils, dass Kirche immer wieder sehr kritisch, den Dingen sorgfältig von Grund auf nachzugehen habe. Es geht sehr schnell, dass sich Dinge, Meinungen, Praktiken und ein gewisser Schlendrian in unseren kirchlichen Alltag einschleichen, Dinge, die uns dann vielleicht sogar lieb werden, zur lieben, vertrauten Gewohnheit werden, die aber mit dem, was Jesus wollte, absolut nichts mehr zu tun haben.

Wenn das schon wenige Jahrzehnte nach Ostern eine ernstzunehmende Gefahr gewesen ist, um wie viel mehr wird das dann heute so viele Jahrhunderte danach nicht nur Gefahr, sondern tatsächlich auch der Fall sein.

Ich bin mir ganz sicher: Wenn Jesus heute, wenn er unter uns, jetzt leben würde, er würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er mit ansehen müsste, was wir aus seiner Botschaft manchmal machen und gemacht haben.

Was würde Jesus denn sagen, wenn wir davon sprechen, dass jemand ein praktizierender Christ ist, und wenn wir damit meinen, dass er am Sonntag eben zum Gottesdienst geht? Wie wenn das schon alles, wie wenn das, das eigentlich Wichtige wäre! Jesus war doch zuallererst wichtig, dass man den Hungernden zu essen gibt, Frierende bekleidet, und Kranke pflegt und besucht! Gottesdienst allein ohne den Menschendienst – für Jesus wäre das etwas Undenkbares.

Und genauso würde er die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn er die am Rande unserer Kirche immer noch tobende Diskussion über Hand- oder Mundkommunion miterleben müsste. Wie wenn das entscheidende Fragen wären! Christus kam in die Welt, wie Mutter Teresa einmal gesagt hat, um zu zeigen, was wahre Nächstenliebe ist, die Menschen waren ihm wichtig, das füreiander-da-Sein! Wie kann man glauben, dass es ihm, der die jüdischen Gottesdienstvorschriften um der Menschen willen so oft mit Füßen getreten hat, wie kann man glauben, dass es ihm um irgendwelche Riten und Formen ginge?

Er ist gekommen, damit wir Menschen das Leben haben, und damit wir es in Fülle haben. Riten, Prinzipien, ja selbst Gebote standen für ihn nie im Vordergrund. Der Mensch war ihm wichtig! Deshalb ist es auch vollkommen richtig, wenn sich Kirche für jedes ungeborene Kind uneingeschränkt einsetzt und engagiert; aber genauso wichtig ist es die Frau, die in eine wie auch immer geartete Not gerät, unter keinen Umständen im Regen stehen zu lassen!

Was hätte Jesus getan? Was war ihm wichtig? Diese Fragen gilt es als Kirche immer wieder zu stellen, an diesen Fragen gilt es sich zu orientieren.

Wenn wir allem, was unseren Glauben ausmacht, von Grund auf, von Jesus Christus her sorgfältig nachgehen, dann wird uns immer deutlicher werden, dass ein Glaube, der sich auf den Gott beruft, der Mensch geworden ist, zuallererst ein Glaube sein muss, der sich durch Menschlichkeit und durch Barmherzigkeit auszeichnet.

Wir werden immer tiefer einsehen, dass Amtsträger, die ihren Dienst auf Jesus Christus gründen, keine Würdenträger sind, sondern zuallererst Menschen, Menschen, denen es dabei um alles gehen darf, nur nicht um persönliche Karriere, Einfluss oder Macht.

Und wir werden immer tiefer begreifen, dass eine Kirche, die sich auf Jesus Christus und seine Botschaft gründet, zuallererst eine Kirche mit menschlichem Antlitz sein muss. Sie darf nie sich selber, sie muss immer dem Menschen dienen! Denn wenn die Kirche nicht dient, dann dient sie zu nichts!

Amen.

(gehalten am 25. Januar 1998 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

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