Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Jes 62,1-5)

Um Zions willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis das Recht in ihm aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel. Dann sehen die Völker deine Gerechtigkeit und alle Könige deine strahlende Pracht. Man ruft dich mit einem neuen Namen, den der Mund des Herrn für dich bestimmt. Du wirst zu einer prächtigen Krone in der Hand des Herrn, zu einem königlichen Diadem in der Rechten deines Gottes. Nicht länger nennt man dich "Die Verlassene" und dein Land nicht mehr "Das Ödland", sondern man nennt dich "Meine Wonne" und dein Land "Die Vermählte". Denn der Herr hat an dir seine Freude, und dein Land wird mit ihm vermählt. Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich. (Jes 62,1-5)

Haben Sie schon mal "'nem Ochsen ins Horn g'pfetzt?"

Liebe Schwestern und Brüder,

das müssen Sie jetzt nicht verstanden haben, das ist Dialekt - und für alle "Ri'gschmeckte" und "Hergloffene" heißt "'nem Ochsen ins Horn pfetzen" übersetzt soviel wie "einem Ochsen in sein Horn kneifen".

Klingt natürlich weit weniger schön, meint aber genau das gleiche: etwas völlig sinnloses nämlich. Sie können in ein Horn kneifen solange und soviel Sie möchten - das Tier wird nichts davon spüren. "Vergebliche Liebesmüh'" ist vielleicht die beste Übersetzung, auch wenn mir das, mit dem Ochsen weit besser gefällt.

Und an diesen Ochsen musste ich denken angesichts der heutigen Lesung. Von Recht und Gerechtigkeit und von Heil ist dort die Rede - von der Menschlichkeit letztlich.

Und setzen Sie sich mal dafür ein: für Menschlichkeit, dafür, dass nicht irgendwelche Vorschriften, dass der Mensch im Mittelpunkt steht. Setzen Sie sich mal ein für diejenigen, für die sonst kaum jemand spricht - und dann schauen Sie mal, was dabei herauskommt. Das ist, "wie wenn man 'nem Ochsen ins Horn pfetzt".

Deshalb hatte ich auch ein ziemlich schales Gefühl bei der Lesung aus dem Jesajabuch.

"Um Zions willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis das Recht in ihm aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel."

Wann denn soll das wirklich einmal sein? Wenn mir jemand von einer Zeit spricht, in der das Recht und die Gerechtigkeit, in der die Menschlichkeit leuchten wird wie ein helles Licht, dann bleibt mir kaum etwas anderes als zurückzufragen: Und wovon träumst du Nachts?

Recht und Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Glück sind auf dieser Welt immer schon auf der Strecke geblieben. Und um den Fortschritt an Menschlichkeit in der Geschichte festzustellen, muss man meist schon eine Lupe einsetzen, damit man überhaupt etwas ausmachen kann. Und da soll sich der Einsatz lohnen?

Jetzt gibt es natürlich das schöne Bild von dem Baum, der irgendwann einmal gepflanzt wird, der aber erst dann groß ist und Früchte trägt - oder gar erst zu Bauholz weiterverarbeitet werden kann -, wenn derjenige, der ihn gepflanzt hat, schon lange nicht mehr da ist. Aber irgendwie klingt für mich dieses Bild immer ein wenig arg nach Vertröstung und es trägt mehr zur Resignation bei, als dass es Hoffnung macht. Und noch viel weniger spornt es mich zum Einsatz an.

Ich wollte den Jesajatext deshalb auch schon Beiseite legen, als ich mich glücklicherweise noch einmal dazu entschlossen habe, ihn im Zusammenhang zu lesen. Und dabei fiel mir auf, dass die Liturgen beim Zusammenbasteln unserer Leseordnung das Ende dieses Abschnittes einfach weggelassen haben.

Aber genau dieses Ende, das müssen Sie einmal lesen - und das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen. Es heißt dort, gerade einmal ein paar Verse weiter: "Der Herr hat geschworen bei seiner rechten Hand und bei seinem starken Arm: Nie mehr gebe ich dein Korn deinen Feinden zu essen. Nie mehr trinken Fremde deinen Wein, für den du so hart gearbeitet hast. Nein, wer das Korn geerntet hat, soll es auch essen und den Herrn dafür preisen. Wer den Wein geerntet hat, soll ihn auch trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums."

Gott selbst verspricht das. Der, der erntet, der soll auch essen, der, der die Trauben eingebracht hat, der soll den Wein auch trinken. Wer sich anstrengt und einsetzt, der soll und der wird die Früchte auch genießen.

Also nicht: Säht einfach aus, irgendwann einmal in ferner Zukunft wird die Saat schon irgendwie aufgehen, sondern: Setzt euch ein, es lohnt sich nämlich - Ihr werdet es erleben! Es ist keine vergebliche Liebesmüh. Gott kämpft auf unserer Seite, er selbst wird es richten, wird unseren Einsatz zum Ziel führen. Und wir werden es erleben.

Wer gesät hat, wird auch ernten. Und wer geerntet hat, der wird die Früchte seiner Arbeit nicht nur sehen sondern auch genießen können. So zumindest hat es uns Gott versprochen. Und nicht nur das: Er schwört es bei seiner rechten Hand und bei seinem starken Arm.

Ich verlass mich drauf. Er hat es verheißen, und unter diesen Vorzeichen will ich mich gerne erneut einsetzen. Er hat versprochen, dass es sich lohnen wird. Ich lege ihn darauf fest. Und ich will es ihm glauben.

 Wenn ich es ihm nicht mehr glauben dürfte, wem sonst könnte ich dann noch trauen?

Amen.

(gehalten am 24./25. Januar 2004 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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