Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (1 Kor 12,4-11)

Brüder! Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern - immer in dem einen Geist - die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will. (1 Kor 12,4-11)

Charismen, Gnadengaben, die hat man - oder man bekommt sie verliehen.

Mit der Weihe zum Beispiel - mit ihr bekommt man eine ganze Reihe von Charismen verliehen. Und manchmal hat es sogar den Anschein, als bekäme man durch die Weihe sogar die Fülle der Gnaden: Vom Spenden der Sakramente, über die nötige Sensibilität in der Seelsorge, vom Fingerspitzengefühl bei Einstellungsgesprächen, über die rechtlichen Gegebenheiten bei Arbeitsverträgen, von der finanzspezifischen Qualifikation einer Verwaltungsfachkraft, über die planungstechnischen Fähigkeiten eines Managers - bis hin zur Entscheidungskompetenz über den Gasanschluss im Kindergarten scheint ein Priester durch die Weihe ja alle Fähigkeiten verliehen zu bekommen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ich karikiere natürlich. Obwohl diese Karikatur manchmal der Wirklichkeit erschreckend nahe kommt. Dem Pfarrer traut man zu, dass er eigentlich alles kann.

Zumindest entspricht dies dem klassischen Bild. Und es entspricht wenigstens in sofern der Realität, als in allen Dingen der Pfarrer immer noch die Letztverantwortung und damit natürlich auch das letzte Wort hat.

Und dabei kann ein Pfarrer - in aller Regel - auch nicht mehr als andere Leute. Er hat seine Fähigkeiten, seine Charismen, das, was ihm leicht von der Hand geht, aber natürlich genauso das, was ihm schwer fällt, seine Schwächen und seine handfesten Fehler - nicht mehr und nicht weniger, als alle anderen Menschen auch.

Jetzt mag es früher, als Gemeinden noch überschaubar gewesen sind, als Kirche vor Ort noch so schön heimelig und gleichsam familiär war, - jetzt mag es früher noch angegangen sein, dass ein Pfarrer für alles zuständig war. Wenn neben der Ordensschwester, eine Hilfskraft im Kindergarten und eine Schreibkraft im Büro die einzigen Angestellten der Pfarrei waren, war es nicht tragisch, wenn sich der Pfarrer im Arbeitsrecht nur rudimentär ausgekannt hat. Heute aber, wo jede Seelsorgeeinheit schon fast zum mittelständischen Unternehmen mutiert, ist beim klassischen Denken das Desaster eigentlich schon vorprogrammiert.

Da es auch unter den Pfarrern die "eierlegende Wollmilchsau" nicht gibt, gilt es einfach ernst zu nehmen, dass jeder - und wirklich jeder - nur über eine ganz bestimmte und sehr beschränkte Anzahl von Talenten verfügt.

Es gibt den Pfarrer, der alles kann, nicht - es hat ihn nie gegeben, es wird ihn nie geben und selbst von ihm zu träumen ist nicht im Sinne Jesu Christi.

Schon Paulus schärft seinen Gemeinden schließlich ein, dass es unterschiedliche Begabungen, ganz unterschiedliche Charismen gibt und dass es viele - nicht einen einzelnen - braucht.

Im 1. Korintherbrief sagt er es auf beinahe unnachahmliche Weise. Und er beschreibt wie all die unterschiedlichen Gaben auf die unterschiedlichsten Leute verteilt werden - auf keinen alle, auf niemanden keine, aber auf jeden und jede irgendeine andere.

Deshalb kann es auch nur funktionieren, wenn wir die Gaben, die die einzelnen durch Gottes Geist verliehen bekommen haben, zusammenbinden, bündeln und je fürs Ganze wirksam werden lassen.

Das heißt alles andere als: Der Pfarrer kann halt nicht mehr alles alleine machen, deshalb müssen wir ihm jetzt eben helfen. Das wäre völliger Quatsch. Es geht nicht darum, dem Pfarrer zu helfen, denn Christsein ist nicht Aufgabe des Pfarrers.

Es geht darum, meinen Platz und meine Aufgabe im Gefüge des Ganzen zu entdecken und auszufüllen.

Der Pfarrer hat seine Aufgabe und die umfasst nur einen ganz kleinen Teil des großen Spektrums an Diensten, die die Gemeinde aufbauen. Und jeder und jede hat eine andere - je nach ihren Fähigkeiten. Und nur wenn alle Fähigkeiten und Gaben, die in unseren Gemeinden verborgen sind, nur wenn sie alle zum Tragen kommen, nur dann wird Gemeinde wirklich blühen.

Dazu braucht es allerdings mehr, als diese unterschiedlichen Gaben lediglich zu entdecken. Es braucht vor allem zweierlei:

Diese Gaben müssen sich nämlich auch wirklich entfalten können.

Nicht nur Paulus würde mit der Faust auf den Tisch schlagen, wenn er hören würde, was manchmal bei uns geschwätzt wird. Da will sich jemand einbringen, übernimmt einen Dienst. Und wie heißt es dann?

"Was die jetzt wieder da vorne zu suchen hat!" - "Denkt die denn, sie sei was besseres!" - "Was die sich jetzt wieder wichtig machen will!"

Wenn solche Sätze - nicht nur gesagt - schon wenn sie gedacht werden, dann ist das der Tod eines jeglichen Engagements. Und wer sie denkt, denkt gegen die Heilige Schrift und versündigt sich letztlich nicht nur an Gottes Wort - vor allem an seinem Willen.

Und wenn Menschen dann Aufgaben übernommen haben, wenn sie sich dann für andere einsetzen und Verantwortung tragen, dann ist es mindestens genau so schlimm, wenn sie sich dann anhören müssen: "Von dir lass ich mir überhaupt nichts sagen!"

Wo so etwas geschieht, da ist unser Miteinander noch weit entfernt davon - weit entfernt wirklich christliche Gemeinde zu sein,

"Einem jeden teilt der Geist seine besondere Gabe zu, wie er will." sagt Paulus. Und der Geist tut es, damit wir diese Gaben nicht nur haben, sondern einsetzen füreinander.

Das Miteinander von Menschen in der Nachfolge Christi ist vielleicht das wichtigste Erbe, das uns Jesus Christus hier auf Erden hinterlassen hat. Sein Geist gibt uns dazu Gottes Gaben. Dass sie wirklich Nutzen bringen, dass sie nicht nur in der Luft verpuffen, sondern Frucht bringen können, das liegt ein gutes Stück weit, an uns, und zwar an jeder und jedem einzelnen.

Amen.

(gehalten am 18. Januar 2004 in der Peters- und Pauluskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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