Predigten im Jahreskreis - Lesejahr C

(Dr. Jörg Sieger)

      

2. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr C (Joh 2,1-11)

In jener Zeit fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasst ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. (Joh 2,1-11)

Vor einigen Jahren, da schickte die NASA einen Satelliten – ich glaube zum Mars. Mehrere hundert Millionen Dollar kostete die Aktion, Hunderte von Wissenschaftlern waren daran beteiligt. Wie erwartet lief auch alles wie am Schnürchen. Der Start klappte. Die Freisetzung des Satelliten außerhalb der Erdatmosphäre, die Zündung der Triebwerke im All - alles lief genauso ab, wie es geplant war. Ein gewaltiges Computerprogramm steuerte den Verlauf der Mission.

Dann aber, der Satellit war schon mehrere Wochen unterwegs, dann plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, verlor die NASA die Verbindung mit ihm. Keinerlei Kontakt, keinerlei Funkverbindung mehr - Ende der Mission, der Satellit taumelte ziellos im All. Mehrere hundert Millionen US-Dollar waren verloren.

Keiner konnte sich vorstellen, was passiert war. Man suchte fieberhaft und checkte alle Systeme immer wieder durch, bis man dann tatsächlich des Rätsels Lösung fand. Im Computerprogramm, im Quellcode des Programmes, der immerhin mehrere Millionen Zeilen umfasste, fehlte an einer Stelle, irgendwo zwischendrin ein Komma. Bei der Programmierung der Steuerbefehle, hatte jemand ein Komma übersehen. Und als das Programm nun schließlich an diese Stelle kam, stürzte der Computer ab. Programmfehler – mehrere hundert Millionen US-Dollar waren verloren und das wegen eines Kommas! Kleine Ursache große Wirkung!

Liebe Schwestern und Brüder,

ausgerechnet ein Komma, eines der unscheinbarsten Zeichen, das wir überhaupt haben, eines von denen, das sowieso meistens vernachlässigt wird – ausgerechnet ein Komma, hat das Scheitern dieser Mission verursacht. Wenn es sich jetzt um irgendetwas gewaltiges gehandelt hätte, um etwas wirklich bedeutsames, dann hätte man das Desaster ja noch verstehen können. Wenn Sabotage am Werk gewesen wäre, oder ein gewaltiger Konstruktionsfehler vorgelegen hätte, das wäre ja alles noch einsichtig gewesen. Aber nein, es war alles in Ordnung, nur ein Komma, so ein winziges und unbedeutendes Komma, das hat gefehlt.

So kann man sich täuschen! Ein Komma, das in unseren Augen so klein und unscheinbar ist, genau dieses vernachlässigbare Etwas, das war plötzlich ungeheuer wichtig und letztlich entscheidend geworden. So kann man sich in der Einschätzung der Dinge manchmal täuschen! Das, was wir oftmals für klein und vernachlässigbar halten, das, was wir oft nicht einmal für Wert erachten, dass man ihm auch nur die geringste Beachtung schenkt, das kann dann am Ende das eigentlich wichtige und letztlich entscheidende sein.

Beim heutigen Evangelium, da ist das für mich ganz ähnlich. Als die Diener im Hochzeitssaal die ja wussten, dass kein Wein mehr da war, als die diesen gewichtigen und geheimnisvollen Satz hörten - "Was er Euch sagt, das tut!" -, ich glaube, die haben mit allem gerechnet, die haben sich ausgemalt, was dieser Jesus jetzt alles an besonderen Zutaten braucht, was sie alles an gewaltigen Hilfestellungen leisten sollten, damit er mit einem großen Zauber das Problem löse - die haben mit allem gerechnet, nur nicht, mit diesem lapidaren Satz: "Füllt die Krüge mit Wasser!"

Das banalste von der Welt, das, was sie sowieso tagtäglich tun mussten, ihre ganz alltägliche, so monotone und bedeutungslose Arbeit, das sollten sie tun: die Krüge mit Wasser füllen. Krüge mit Wasser zu füllen, das hat bei der Hochzeitsvorbereitung einen Stellenwert, wie etwa ein Komma in einem riesigen Computerprogramm. Man braucht es halt, aber besonders wichtig, bedeutend ist das absolut nicht. Wer nun, und wie der nun die Krüge mit Wasser füllt, das macht an der Atmosphäre eines solchen Festes wirklich nichts aus.

So kann man sich täuschen! So kann man sich in der Einschätzung der Dinge manchmal täuschen! Hätten die Diener bei dieser Hochzeit zu Kana, hätten die damals gesagt: "Also, das ist nun aber doch wirklich zu banal! Wir füllen jetzt doch keine Krüge mit Wasser!" - Jesu erstes Wunder wäre dann ausgefallen. Es hätte keinen Wein bei diesem Fest mehr gegeben.

So kann man sich täuschen! Manchmal ist dieses Krüge mit Wasser zu füllen, das wichtigste und bedeutendste, was Menschen überhaupt tun können. Damals war es die Voraussetzung für das erste Wunder Jesu Christi. So unscheinbar manches wirkt, so unbedeutend es in unseren Augen auch sein mag, welche Rolle es tatsächlich spielt, welche Bedeutung einer Sache wirklich zukommt, das entscheidet sich nicht daran, wie sie von uns eingeschätzt wird und welches öffentliche Ansehen sie unter uns genießt.

Die Bedeutung eines Kommas wird manchmal erst dann deutlich, wenn es eben fehlt, und wenn niemand da gewesen wäre, der die Krüge in Kana mit Wasser gefüllt hätte, dann wäre – so wie die Dinge nun einmal liegen – das erste Wunder Jesu wohl ausgefallen.

Nehmen wir diese Gedanken um das heutige Evangelium in die nun begonnene neue Woche mit hinein und vor allem in diese Stunden, in denen uns das, was wir tun, wieder einmal so unwichtig, so banal und so belanglos vorkommt, in denen wir uns selber so unwichtig vorkommen.

Das Komma im Computerprogramm ist genauso wichtig, wie der ausgefeilteste Steuerbefehl. Das Füllen von Steinkrügen mit Wasser, ist manchmal die Voraussetzung für ein regelrechtes Wunder. Und jeder von uns, auch wenn er es selbst manchmal schon gar nicht mehr glauben kann, jeder von uns ist mit dem was er tut, so banal und einfach es auch aussehen mag, so unscheinbar es uns selber manchmal vorkommt, jeder von uns ist an dem Platz, an den er hingestellt ist, so wichtig wie ein Erzengel an seinem Platz.

Amen.

(gehalten am 17./18. Januar 1998 in der Peterskirche, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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