Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A-C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Predigt an Fronleichnam

   

Was zeichnet einen Christen aus?

Liebe Schwestern und Brüder,

vor fünf Jahren wurde ich mit dieser Frage konfrontiert.

Es war auf einer Fortbildungsveranstaltung im Kollegenkreis. Da saßen wir ein starkes Dutzend gestandener Pfarrer, alle über 15 Jahre im Dienst und wurden von Professor Gotthard Fuchs, einem der großen Dogmatiker unserer Zeit, mit dieser Frage gelöchert.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat nämlich nicht locker gelassen - drei Tage lang. Immer wieder hat er gefragt: Was zeichnet Christen aus?

"Christen, das sind Menschen, die sich für andere einsetzen!" hat einer von uns zu antworten versucht. "Das können Atheisten auch!" war die niederschmetternde Antwort.

"Christen orientieren sich in ihrem ganzen Leben an Gott und seinem Willen!" versuchte es ein anderer. "Das tut ein Jude auch!" warf Prof. Fuchs ein.

Es war schon fast peinlich: Das waren alles Fachleute in Sachen Religion und Christentum, die tagein, tagaus über den Glauben predigen - meinen Sie irgendeiner von uns, hätte eine Antwort zustande gebracht, die Gotthard Fuchs zufrieden gestellt hätte?

Nach drei Tagen hat er uns seine Antwort gegeben - und die ist gleichsam genial. Ich habe sie mir zu eigen gemacht und werde sie wohl nie mehr vergessen. Wie hat Gotthard Fuchs es formuliert?

"Christen sind Menschen, die eine Vor-Liebe für Jesus Christus haben!"

Eine Vor-Liebe für Jesus Christus - und er hat das auch mit Bindestrich geschrieben, eine Vor-Liebe. Kann man es besser sagen?

Jesus Christus, der "Zimmermannssohn" aus Nazareth, der menschgewordene Gottessohn, das am Kreuz geschlachtete Osterlamm, der zur Rechten des Vaters erhöhte Kyrios: Er ist es und die Vor-Liebe, die Liebe vor allem anderen, die einen Christen auszeichnet. An ihm misst sich unser Tun, an ihm misst sich unser Sprechen von Gott, an ihm und seinem Wort misst sich unsere Verkündigung, unser Glaube, unser Handeln. So wie er gehen wir auf Menschen zu, so wie er stellen wir die Menschlichkeit und das Wohl des Menschen über alle Vorschriften und noch so hehren Bräuche und Praktiken.

Andere mögen andere Zugänge haben, um ihr Leben zu deuten und ihm einen Sinn zu geben. Wir orientieren uns an ihm. Andere mögen einen anderen Zugang zu Gott haben, der sie trägt und erfüllt, wir vertrauen auf ihn. Andere mögen ihre Zuversicht und ihr Vertrauen in eine heilvolle Zukunft auf was auch immer gründen, und das mag gut und tragfähig sein - wir bauen allein auf Jesus Christus.

Und das muss in unserem Leben auch deutlich werden. Unser Leben muss ausstrahlen, dass Jesus Christus unsere Mitte und Maßstab unseres Lebens ist. Denn an ihm muss sich unser Leben messen lassen. Unser Leben muss sich an dieser Vor-Liebe zu Christus messen lassen.

Und deshalb ist für mich diese Vorliebe zu Christus auch zu einem Maßstab geworden, mit dem ich meinen eigenen Zugang zu Gott, zum Glauben und zur Kirche auf den Prüfstand stellen kann und auf diesen Prüfstand auch stellen muss. Und ein solcher Prüfstand ist notwendig. Denn der Grat zwischen Glauben und Aberglauben ist manchmal recht schmal.

Für einen Christen muss es eine Selbstverständlichkeit sein, dass uns Heil nur durch Christus vermittelt wird. Und das heißt: nie durch Bilder, nie durch Statuen, nie durch irgendwelche Orte, und mögen es auch noch so wichtige Wallfahrtsorte sein. All das mag hilfreich sein, hilfreich für unseren Glauben und auch hilfreich auf dem Weg zu Christus, aber es darf nie und nimmer an seine Stelle treten. Christus ist unser Mittler zum Vater, durch ihn und mit ihm und in ihm beten, leben und glauben wir, und er schenkt uns das Heil, nie irgendwelche Dinge, Figuren und auch kein Wasser aus irgendwelchen Quellen.

Quellen sind nie wundertätig. Wunder wirkt allein Gott. Und selbst wenn er sich des Wassers bedient, so ist nie und nimmer das Wasser die Ursache für ein Wunder, Gott ist es, der unser Leben trägt und hält und auf wundersame Weise immer wieder in es eingreift.

Christen sind Menschen, die eine Vor-Liebe für Jesus Christus haben. Und das äußert sich auch darin, dass kein Mensch, egal wer es auch sei, wichtiger sein kann, als er.

Da macht es mich schon ein wenig nachdenklich, als ich letzten Sommer in Rom erleben konnte, wie die Schlangen am Grab des verstorbenen Papstes kein Ende zu nehmen schienen, weit länger waren als die vor dem Grab des Petrus. Und vor dem Allerheiligsten war es im Vergleich dazu nahezu leer.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es Jesus Christus in den kommenden Urlaubswochen gut passieren könnte, dass er in Bayern am Straßenrand steht und einen Menschen anspricht, und zur Antwort bekommt: "Oh, gehen sie doch mal bitte auf die Seite, ich muss gerade das Geburtshaus des Papstes fotografieren!"

Christen sind Menschen, die eine Vor-Liebe für Jesus Christus haben. Und an dieser Vorliebe müssen sich unser Glaube und unsere Glaubenspraxis auch messen lassen.

Heute feiern wir das Fronleichnamsfest. Es ist wie kaum ein anderes ein Christusfest. Heute steht unser Glaube an ihn, in dem uns Gott auf unüberbietbare Art und Weise nahe gekommen ist, ganz im Mittelpunkt. Heute machen wir deutlich, was uns auszeichnet, heute machen wir es uns selbst wieder aufs Neue bewusst: Im Mittelpunkt unseres Glaubens steht unsere ganz persönliche Beziehung zum Menschen Jesus, zum menschgewordenen Gott, zum erhöhten Christus. In der Mitte hat niemand Platz außer ihm, denn das macht unseren Glauben aus: Wir sind Menschen, die geprägt sind von dieser Vor-Liebe zu Jesus Christus.

Amen.

(gehalten am 15. Juni 2006 beim zentralen Fronleichnamsgottesdienst, Bruchsal)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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