Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A-C

(Dr. Jörg Sieger)

      

Predigt an Fronleichnam

   

"Abrakadabra" und "Simsalabim" und dann noch "dreimal schwarzer Kater", das alles sind die Sprüche, die Sie sicher noch aus Kindertagen kennen. Und dann fehlt eigentlich nur noch einer und das ist der bedeutendste - und darüber hinaus ist es auch noch der bekannteste Zauberspruch überhaupt: "Hokuspokus" nämlich.

Liebe Schwestern und Brüder,

"Hokuspokus", das ist der Inbegriff für Zauber schlechthin.

Viele wissen schon gar nicht mehr, woher dieses eigenartige Wort eigentlich kommt. Was steckt hinter diesem "Hokuspokus"?

Dabei ist die ursprüngliche Wurzel Ihnen allen bestens bekannt. "Hoc est enim corpus meus." - "Dies ist mein Leib" Das ist der Ursprung für diese Verballhornung, aus der dann das "Hokuspokus" wird. "Hoc est corpus" - das ist mein Leib.

Die Wandlungsworte, von ihnen hat man den Zauberspruch schlechthin abgeleitet, denn im Mittelalter galten die Wandlungsworte als das zaubermächtigste Wort überhaupt.

Und stimmte es etwa nicht? War es nicht etwa das mächtigste Wort, das es gab? Hatte man mit diesem mächtigen Wort nicht sogar Macht über Gott selbst? Mit dieser Formel konnte man ja machen, dass sich Brot in Gott verwandelt - wenn das nicht der Inbegriff allen Zauberns ist!

So wurde aus dem "Hoc est corpus" das "Hokuspokus".

Und Sie spüren schon, dass sich bereits beim Hören solcher Gedanken innerlich alles sträubt. Wie kann man auch so denken. Wie kann man hinter den Wandlungsworten, hinter der Eucharistie auch nur im Entferntesten einen Zauber vermuten.

Die Eucharistie ist Feier unseres Glaubens. Gott schenkt uns seine Gegenwart, er ist immer und überall bei uns.
Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter uns. Und er schenkt uns das Zeichen der Eucharistie, sein Sakrament, damit wir diese Gegenwart, die unsichtbar - und manchmal auch wenig spürbar - immer und überall gegeben ist, in sinnfälligen Zeichen - hautnah, ausdrücklich - spüren und erleben können.
Das ist Eucharistie, Gottes Geschenk aus dem Glauben - alles andere als ein Zauber.

Das wissen wir alle.

Und trotzdem gibt's da und dort Missverständnisse, falsche Vorstellungen, Praktiken, die dazu geeignet sind, diesen Glauben zu verdunkeln, die letztlich der Vorstellung von Zauber und Magie Vorschub leisten.
Solche Gefahren gilt es zu entdecken. Und es gilt ihnen zu wehren.

Die Liturgiereform hat deswegen beispielsweise ganz bewusst eine Praxis in ihre Schranken verwiesen: die vielen liebgewordene Übung nämlich, am Ende des Gottesdienstes, das Allerheiligste in der Monstranz noch einmal kurz auszusetzen, um damit den eucharistischen Segen zu erteilen. Das sollte nicht mehr sein. Nur zum Zwecke des Segnens solle das Sakrament nicht mehr ausgesetzt werden.

Das hat seinen Grund genau darin, solchen magischen Vorstellungen zu wehren. Denn, wenn man das so handhabt, dann könnte man ja auf die Idee kommen, dass dies nun ein ganz besonders wirkmächtiger Segen ist, ein besserer Segen, als wenn jetzt lediglich "normal" gesegnet würde.

Aber beim Segnen geht es doch nicht um eine bestimmte Technik, da geht es nicht darum, dass es wirksameren und weniger wirksamen Segen gibt.

Es gibt keinen besseren oder schlechteren Segen. Gott segnet nämlich. Und segnet Gott einmal besser und das andere Mal schlechter?

Wenn Menschen Gottes Segen auf uns herabrufen, dann tun sie nichts anderes, als uns auf den Kopf hin zuzusagen, dass Gott uns mit seiner Güte umgibt. Und das tut er nicht einmal besser und das andere Mal schlechter.

Gott tut dies, wenn der Priester am Ende der Messe den Segen auf die Gemeinde herabruft, und er tut es genauso, wenn eine Mutter ihrem Kind, bevor sie es zu Bett bringt, noch einmal das Kreuz auf die Stirn zeichnet, und genauso, wenn die Vorsteherin in einem Wortgottesdienst am Ende das Segenswort spricht, und in der gleichen Weise, wenn mit der Monstranz ganz feierlich der eucharistische Segen gespendet wird. Gott tut es. Und er tut es nicht einmal besser und das andere Mal schlechter.

Könnte Gott schlecht segnen oder weniger wirksam?

Wenn Gott uns unter seinen Segen stellt, dann tut er es immer gleich - egal, wie wir uns dieses Segens vergewissern. Es gibt keinen besseren und keinen schlechteren Segen. Und es gibt erst recht keine Art und Weise, wie wir den besten Segen gleichsam herbeizwingen könnten.

Das nämlich wäre Zauberei, das wäre Magie. Magie aber hat nichts mit Glaube zu tun.

Zauber sucht Techniken, Techniken, um sich das Unbekannte, das Geheimnisvolle gefügig zu machen, um das Göttliche beherrschbar zu machen. Das aber ist das genaue Gegenteil von Glaube.

Ein Sakrament, und allem voran das Sakrament der Eucharistie, ist kein Mittel, mit dem wir das Heil erst auf die Erde zwingen müssten. Denn das Heil ist uns in Christus schon lange gegeben. Und das Sakrament ist nichts anderes, als das große Zeichen unseres Glaubens, dass Gott uns dieses Heil immer wieder neu schenkt.

Zauber ist Unglaube, ist das genaue Gegenteil von Sakrament. Sakrament nämlich ist Geschenk, sinnfälliges Zeichen, Zeichen für das Heil, das wir nicht erst auf die Erde herabholen müssen, um das wir nicht einmal erst bitten müssen, weil es uns in Jesus Christus nämlich, weil es uns von unserem Gott schon lange geschenkt worden ist.

Amen.

(gehalten am 19. Juni 2003 in der Antoniuskirche, Bruchsal)

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