Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B

(Dr. Jörg Sieger)

      

5. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr B (Mk 1,29-39)

In jener Zeit ging Jesus zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett, Sie sprachen mit Jesus über sie, und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie. Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war. In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus. (Mk 1,29-39)

Heute sind es drei Dinge, die wir aus dem Evangelium direkt für unseren Alltag mitnehmen können; drei Dinge, die uns Jesus von Nazareth mit auf den Weg geben möchte.

Es ist nichts Neues. Sie kennen sie alle. Nichtsdestoweniger sind sie unendlich wichtig - manchmal sogar lebensnotwendig.

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus macht es uns vor: Er nimmt sich eine Auszeit, selbst da - oder besser: gerade da - wo ihm die Arbeit über den Kopf zu wachsen droht. Wo wir normalerweise zu sagen versucht sind: Jetzt geht es aber wirklich nicht! Jetzt muss in Gottes Namen halt alles andere zurückstehen! Da muss ich jetzt halt durch! Gerade da lässt er alles stehen und liegen und zieht sich zurück.

Und er macht das offenbar, weil er weiß, dass es anders gar nicht geht. Wer zu lange auf Hochtouren läuft, läuft über kurz oder lang gar nicht mehr, weil er dann nämlich auf der Nase liegt.

Jesus nimmt sich die Auszeit und er nutzt sie. Und das ist das Zweite, was wir heute mitnehmen können: Er nutzt sie, um sich wieder neu zu vergewissern, ob er überhaupt noch das richtige Ziel verfolgt, ob er nicht vor lauter Aktivismus, vor lauter Tätigkeiten, die für sich genommen alle richtig und wichtig sind, das eigentliche Ziel längst aus dem Blick verloren hat.

Das bringt die alltägliche Tretmühle nämlich viel zu schnell mit sich: dass man sich plötzlich an Orten wiederfindet, an die man gar nicht gehört und an die man auch gar nicht wollte.

Und dann macht dieser Jesus etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, was aber leider Gottes in aller Regel die ganz große Ausnahme darstellt: Er zieht aus seiner Einsicht tatsächlich die Konsequenz. Er orientiert sich neu, stellt entsprechend die Weichen anders und setzt das um, was er letztlich neu erkannt hat.

Das ist bemerkenswert, denn häufig geschieht das ganz anders - und zwar ganz gleich, ob im privaten, im gesellschaftlichen oder im kirchlichen Bereich.

Natürlich wissen wir ganz schnell, wenn wir auch nur ein wenig nachdenken, was uns gut täte und was wichtig ist. Meist sind es so ganz einfache Dinge, wie weniger trinken, weniger rauchen und sich mehr bewegen. An der Einsicht mangelt es nicht. Häufig ist es einfach die Bequemlichkeit, die dazu führt, dass der Erkenntnis keine Taten folgen.

Oder es ist die Angst: die Angst nicht mehr gewählt zu werden zum Beispiel; dann nämlich, wenn man unbequeme Maßnahmen, von denen man eigentlich genau weiß, dass sie unabdingbar notwendig wären, einfach nicht ergreift, weil sie eben unpopulär sind und von den Menschen wenig gelitten. Und mit den Wählerinnen und Wählern will man es sich ja schließlich nicht verscherzen.

Oder noch schlimmer: Man hat Dinge richtigerweise erkannt und man weiß auch, was es jetzt umzusetzen gilt, um das Klima gerade noch zu retten, um Millionen von Menschen die Altersarmut zu ersparen und um Tausenden von Kindern eine Perspektive zu eröffnen, obwohl sie in prekäre Verhältnisse hineingeboren wurden. Man weiß, welche Maßnahmen zu ergreifen wären, aber man geht sie einfach nicht an, weil man dadurch denjenigen, die haben - und bei uns sogar nicht selten unermesslich viel haben -, ein Stück vom Kuchen wegnehmen müsste. Aber mit der Hand, die einen füttert, verdirbt man es sich halt nicht besonders gern.

Und ganz besonders perfide wird es, wenn man Dinge nicht umsetzt, weil man bewusst oder unbewusst den Populisten nachläuft. Immer wieder wurde in den letzten Wochen etwa bestätigt, wie wichtig Familie ist, um Menschen wirklich zu integrieren und vor allem, um Spannungen zu vermeiden und neue soziale Brennpunkte zu verhindern. Aber genau das wird nicht umgesetzt, sondern man verkauft es auch noch wie eine Großtat, dass man den Familiennachzug weiter aussetzt und dadurch das Elend von Vätern, Müttern und Kindern auch noch verlängert.

Es tut mir leid - Politiker, die das tun, können noch so viele "Cs" vor ihren Parteinamen malen, mit Jesus Christus hat diese Politik wahrlich nichts mehr zu schaffen.

Und noch viel weniger, wenn reiner Profit der Auslöser ist. Oder was soll sonst der Grund dafür sein, dass man wider besseres Wissen immer mehr Waffen exportiert. Hier ist die Weigerung, die richtigen Konsequenzen zu ziehen, am Ende tatsächlich tödlich - "leider" halt nur wieder einmal für die anderen.

An den Einsichten mangelt es nicht. Sie werden nur nicht umgesetzt.

Das gilt im Übrigen genauso für unsere Kirche. Denn manchmal verhindert auch falsch verstandene Frömmigkeit und ein fehlgeleitetes Verständnis von überkommener Tradition bis hin zu einer eigenartigen Vorstellung vom "Willen Gottes", dass man wirklich tut, was man doch eigentlich schon längst erkannt hat.

Da wissen die Verantwortlichen in unserer Kirche sehr genau, dass wir in der veränderten gesellschaftlichen Situation vor allem Nähe und Beziehung brauchen. Und als Reaktion darauf vergrößern wir die Seelsorgeeinheiten immer weiter und schaffen nur noch immer unpersönlichere Gebilde.

Und die Gemeinden lassen das auch noch nahezu widerspruchslos mit sich machen.

Da wissen wir, dass der direkte Kontakt zu den Menschen das A und O der Pastoral ist. Und da lassen Kirchenleitungen zu, dass Pfarrer immer mehr zu Managern verkommen.

Wenn man aber schon zulässt, dass Pfarrer immer mehr zu kleinen Bischöfen werden, dann darf man - wenn man die eigene Theologie ernst nimmt -, denjenigen, die die Seelsorge dann tragen, also all unseren pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das eigentlich Rüstzeug für diese Tätigkeit, die Weihe nämlich, am Ende nicht verweigern.

Und das besonders dann, wenn aus Rom auch noch das Signal kommt, vor Ort mutig wirklich Neues zu probieren. Allzu viel Zeit sollten sich Bischofskonferenzen heute nicht mehr lassen, dieses Angebot beherzt aufzugreifen. Sonst macht am Ende wirklich einmal der Letzte dann das Licht aus.

Ruhig zu werden ist wichtig, die Arbeit zu reflektieren und die Ziele wieder neu in den Blick zu nehmen ist notwendig. Daraus dann aber keine Konsequenzen zu ziehen, das Steuer nicht herumzureißen, wo man vom Weg abgekommen ist, ist töricht und falsch.

Und wenn man in Sackgassen unterwegs ist, dann ist die Lösung, einfach aufs Gaspedal zu treten und lediglich die Geschwindigkeit weiter zu erhöhen, da und dort am Ende sogar tödlich.

Es sind drei Dinge, die uns Jesus von Nazareth im heutigen Evangelium mit auf den Weg gibt. Innezuhalten, das Ziel neu in den Blick zu nehmen und die nötigen Konsequenzen daraus auch wirklich zu ziehen.

Er hat es getan.

Nur wenn wir es auch tun, folgen wir ihm wirklich.

Amen.

(gehalten am 4. Februar 2018 in St. Bernhard und St. Martin, Karlsruhe)

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