Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A

(Dr. Jörg Sieger)

      

11. Sonntag im Jahreskreis - Lesejahr A (Mt 9,36-10,8)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden. Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthaus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat. Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. (Mt 9,36-10,8)

"America first!"

Liebe Schwestern und Brüder,

mit diesen Worten hat der derzeitige amerikanische Präsident sein Programm umrissen und wohl nicht nur auf mich damit ziemlich abstoßend gewirkt.
Letztlich klingt das auch nicht besser als "Deutschland, Deutschland über alles…" Und das glaubte ich doch eigentlich überwunden. Das passt nicht zu den vielbeschworenen westlichen Werten und es passt erst recht nicht zu einem "christlichen Abendland".

Sollte man meinen!

Aber dann schaut man ins Evangelium und liest, dass da eigentlich genau das Gleiche steht. Da sagt Jesus doch eigentlich nichts anderes als: "Israel first!"

Oder wie soll man das anders verstehen, wenn's da heißt: "Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel." Jesus hat die Zwölf nur zu den eigenen Leuten geschickt. Und das lässt sich nur schwer wegdiskutieren.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der historische Jesus von Nazareth zunächst wirklich davon überzeugt war, dass das Heil einzig und allein für die Juden bestimmt ist. Dass Gott unterschiedslos das Heil aller Menschen möchte, das musste dieser Jesus im Laufe seines Lebens erst lernen, es ist ihm - so wie es aussieht - erst recht spät wirklich bewusst geworden.

Ich weiß, dass solche Sätze oftmals für Verwunderung, wenn nicht gar heftigen Widerspruch sorgen. War Jesus denn nicht Gottes Sohn? Hat er nicht alles gewusst - und zwar von Anfang an?

Nein, das hat er sicher nicht! Denn wir glauben schließlich daran, dass Gott in diesem Jesus Mensch geworden ist und zwar in allem uns gleich - außer der Sünde. Und Irrtum, nicht auf Anhieb gleich alles zu wissen und Dinge erst langsam lernen zu müssen, ist mit Sicherheit keine Sünde. Das gehört zum Mensch-Sein dazu!

Und auch beim heutigen Evangelium war dieser Jesus vermutlich zunächst einmal zutiefst menschlich. Das steckt offenbar ganz tief in uns Menschen drin, dass man zuerst nämlich an sich selbst denkt, an die eigene Gruppe und nicht an die anderen.

Das ging kurze Zeit später ja auch den Jüngern Jesu so. Auch nach der Kreuzigung waren die meisten Jünger felsenfest davon überzeugt, dass nur Juden getauft werden könnten. Erst Paulus hat dem Bewusstsein, dass die Reich-Gottes-Botschaft für alle gedacht ist, langsam zum Durchbruch verholfen - und das gegen große Widerstände.

Und die Vorstellung, dass Gott wirklich das Heil aller Menschen möchte, ist ja bis heute für sehr viele echt starker Tobak.

Ökumenische Reformationsfeiern - vor wenigen Jahrzehnten wäre so etwas doch undenkbar gewesen. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatte Papst Bonifaz VIII. noch erklärt, dass es für jedwede Kreatur unabdingbar heilsnotwendig sei, dem römischen Papst untertan zu sein. Und noch für meine Großeltern war klar, dass evangelische Christen in die Hölle kommen.

Und jetzt, wo wir uns langsam daran gewöhnt haben, dass auch Christen anderer Konfessionen vielleicht doch nicht ganz so verkehrt sind, hängen viele an dem Gedanken fest, dass dann doch wenigstens das Christentum zuerst kommt. Wie oft musste ich in den letzten Monaten hören, wieso sich Kirchen denn unterschiedslos für alle Flüchtlinge einsetzen würden, wir müssten uns doch zuerst um die christlichen Flüchtlinge kümmern!

Wie schwer fällt es uns doch, unsere engen Grenzen zu überwinden! Wie schwer fällt es Menschen immer wieder, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass Gott weit größer ist als unser Herz und dass er in anderen Dimensionen denkt, als wir uns das mit unserem kleinen Geist meist vorstellen. Und um wie viel schwerer ist es dann noch, das auch wirklich ins eigene Leben zu übersetzen.

Selbst Jesus von Nazareth musste Gottes Anliegen erst langsam begreifen lernen.

Die Jünger mussten nach langen Jahren einsehen, dass Paulus wohl wirklich den Willen Gottes konsequenter umgesetzt hat als sie selbst.

Und wir schütteln heute den Kopf darüber, wenn wir uns vor Augen halten, wie Christen in der Vergangenheit die jeweils anderen - und das bis aufs Messer - verteufelt und verketzert haben, felsenfest davon überzeugt gewesen sind, dass nur sie allein seligmachend seien.

Und vielleicht werden einige von uns die Zeiten noch erleben, in denen Menschen nicht werden verstehen können, wie sich Angehörige unterschiedlicher Religionen, die allesamt nach der Erkenntnis ein und desselben Gottes streben, gegenseitig vorgeworfen haben, Ungläubige zu sein.

Der Gott, der das Heil aller Menschen möchte, versteht es vermutlich heute schon nicht.

Gott will das Heil aller Menschen - unterschiedslos. Und er geht allen Menschen nach, ohne irgendeine Gruppe zu bevorzugen. Denn er ist Gott und nicht ein Mensch.

Es mag menschlich verständlich sein, dass man die eigene Religion für die einzig richtige, die eigene Gemeinschaft für die letztlich wichtige hält. Man mag Wahlen damit gewinnen, indem man die eigene Gruppe an die erste Stelle setzt. Man mag auf diese Weise von vielen Menschen Beifall erhalten und die eigenen Leute mögen einem deshalb sogar zujubeln - auf Gottes Seite aber, auf Gottes Seite steht man dabei nicht.

Amen.

(gehalten am 18. Juli 2017 in St. Markus, Marxzell)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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