Predigten zu besonderen Anlässen

(Dr. Jörg Sieger)

      

"... auf der Spur Jesu" - Eröffnungsgottesdienst der "Spurensuche"

   

"Lumen gentium cum sit ecclesia", so beginnt ein gewichtiger Text. Es ist der Text, den die Vorbereitungskommission für das Zweite Vatikanische Konzil als Vorlage für die Konstitution über die Kirche vorgelegt hatte. "Weil die Kirche das Licht der Völker ist ...", so sollte dieser Text beginnen, so formulierte gängige Theologie, so hatten es die Gläubigen gelernt und so ist es wie selbstverständlich ja auch gelehrt worden.

Die Konzilsteilnehmer vor 50 Jahren haben diesen Text zur Überarbeitung zurückgewiesen und interessanterweise ist das Exemplar erhalten geblieben, das Karl Rahner in jenen Tagen bearbeitet hat *). Eine Fülle von Anmerkungen und Änderungen hat er damals auf diesen Seiten eingetragen. Und begonnen hat er gleich am Anfang. Gleich über diesen ersten Satz ist er offenbar gestolpert. Und wie aus einem ersten Impuls fügt er hinter dem Wort "ecclesia" das Wort "Christi" ein. "Licht der Völker ist die Kirche Christi".

Und dann, dann streicht er einfach den ganzen Ausdruck und schreibt darüber, wie der Text dann auch in der Konzilsaula angenommen wurde: Licht der Völker ist Christus!

Liebe Schwestern und Brüder,

das war eine Revolution! So selbstverständlich das für uns heute sein mag, so selbstverständlich wir heute davon sprechen, dass Christus unsere Mitte ist, es galt sich damals offenbar wieder neu darauf zu besinnen. Die Kirche strahlt nie von sich aus. Sie ist nicht selbst das Licht. Sie kann nur, wie der Mond, das Licht wiederspiegeln, das sie von der Sonne, von der eigentlichen Mitte, von Christus her erhält. Um ihn geht es. Von ihm her ist zu denken, wenn nicht alles völlig falsch werden soll. Darauf musste man sich damals erst wieder neu besinnen. Und darauf müssen wir uns zu jeder Zeit, immer wieder - und vor allem: immer wieder neu - besinnen. Denn das hat Konsequenzen! Diese Herangehensweise hat klare Konsequenzen.

Solange ich nur innerhalb der Kirche nachdenke, nur innerhalb meiner eigenen Glaubensgemeinschaft, solange denke ich in einem geschlossenen System, bleibt manches außen vor und ist so vieles überhaupt kein Problem, weil es zu denken, schlicht und ergreifend gar nicht vorgesehen ist. Wenn ich aber anfange von Christus her zu denken, darum weiß, dass das Licht allein von ihm ausgeht, und dass wir, dass unsere Kirche, nicht einfach identisch mit ihm sind, dann bekommt so vieles einen ganz eigenen Stellenwert und auch eine andere Bedeutung.

Das fängt damit an, dass ich dann ja schon eine Frage ganz neu stellen muss: Die Frage nämlich, was Kirche eigentlich ist. Und vor allem, wer diese Kirche ist! Ich werde dann ja mit diesem Jesus konfrontiert, der schon damals seine Jünger zurechtgewiesen hat, damals, als sie zu ihm kamen und sagten, da gibt es welche, die heilen in Deinem Namen, obwohl sie gar nicht zu uns gehören, und denen er ganz klar gemacht hat, dass man sie nicht daran hindern soll, dass er auch Schafe weidet, die nicht zu diesem Stall gehören. Es wird wieder ganz neu ins Bewusstsein gerufen, dass Kirche, "kyriaké" bedeutet, die, die zum Herrn gehören, und dass dieser Herr, dass Christus es ist, der letztlich definiert, wer zu ihm gehört und wer nicht - niemand anders.

Für die römische Kirche war das vor einem halben Jahrhundert noch einmal wie eine Offenbarung. Man hat daraufhin versucht den Glauben gleichsam noch einmal durchzubuchstabieren und zwar von Jesus her, und das heißt: von den biblischen Grundlagen her. Denn keine Quelle führt uns näher an die Mitte unseres Glaubens, als das Zeugnis der Schrift, der Evangelien und der Apostelbriefe.

Dabei war entscheidend, dass man mittlerweile ebenfalls gelernt hatte, diese Texte kritisch zu lesen. Sie waren schließlich keine Zeitungsberichte, keine Chronik im eigentlichen Sinne. Man musste durch die Texte hindurchfragen, um diesem Jesus von Nazareth wirklich nahe zu kommen. Und man musste zulassen, dass man auf diesem Weg von lieb gewordenen Bildern Abschied nehmen musste.

Mit diesem Prozess sind wir noch lange nicht zu Ende. Wir müssen immer wieder neu fragen, wo und wie wir diesen Jesus greifen können, was er uns wissen lässt und was von den vielen Auskünften, die wir vor uns liegen haben, die entscheidenden Hinweise sind.

Das lässt sich nicht einfach entscheiden. Darum gilt es zu ringen. Und dazu muss man den Mut aufbringen, Fragen zu stellen, Fragen zuzulassen und da und dort auch neue Antworten zu versuchen. Und man muss den Mut haben, Bilder, die sich so lange schon im Kopf festgesetzt haben, erst einmal los zu werden, zu schauen, was wird denn da wirklich überliefert.

Nicht wahr, ganz Jerusalem strömte am Palmsonntag, beim Einzug des Messias mit Palmzweigen vor die Stadt... So haben wir das alle vor Augen. So zeigen es 'zig Gemälde und so viele fromme Filme. Und was steht da? Diejenigen, aus der Pilgergruppe, mit der Jesus unterwegs war, diejenigen, die vorangingen und diejenigen, die folgten rissen Büschel ab und riefen "Hosanna!" Von wegen ganz Jerusalem - diejenigen, die vorangingen und diejenigen die folgten... Vermutlich hat da außer jener Reisegruppe kaum jemand etwas mitbekommen...

Was sich alles an Vorstellungen über diesen Jesus in unseren Köpfen festgesetzt! Als ob das Kind in der Krippe schon gewusst hätte, was ihm alles bevorstand. Als ob der kleine Jesus in der Werkstatt des Josef schon Wunder gewirkt hätte - nirgendwo in der Schrift wird etwas davon berichtet. Glauben wir denn wirklich dieser Jesus von Nazareth wäre allwissend gewesen. Der musste lernen, wie jedes Kind. Der musste seine Erfahrungen machen, wie jeder Mensch auch. Der musste sich an seine Sendung herantasten, wie Menschen eben erst langsam ihren Weg durch dieses Leben suchen müssen.

Das sagt ja schon unsere klassische Theologie: Dieser Gott ist uns in Jesus von Nazareth in allem gleich geworden, außer der Sünde. Lernen aber ist doch keine Sünde! Ganz im Gegenteil, nicht alles zu wissen, seine eigenen Grenzen zu spüren, das gehört konstitutiv zum Menschsein dazu. Und Gott wurde in Jesus von Nazareth ganz Mensch, mit allem was unser Menschsein ausmacht. Gott wurde wirklich Mensch!

Diesem Menschen Jesus von Nazareth, in dem uns Gott auf unüberbietbare Weise nahe gekommen ist, ihm wollen wir in den vor uns liegenden Wochen und Monaten nachspüren, ihm wollen wir uns zu nähern versuchen. Und wir wollen das tun, weil wir darum wissen, dass er unsere gemeinsame Mitte ist. Wir nähern uns ihm aus unterschiedlichen Richtungen, mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und je eigenen Fragen. Wir nähern uns ihm, als Menschen, die darum wissen, dass wir alle verschieden sind und kaum etwas gemein haben.

Wir könnten jetzt hingehen und vor uns ausbreiten, was jeder und jede von uns glaubt. Und dann könnten wir all die unterschiedlichen Anschauungen durchdiskutieren und nach Lösungen suchen - so wie das Theologen normalerweise tun und wie es unsere Kirchenleitungen seit Jahrzehnten versuchen. Man fragt nach unterschiedlichen Ansichten, versucht sich zu einigen, neue Formulierungen zu finden - und tritt seit Jahrzehnten auf der Stelle.

Machen wir es anders! Stellen wir uns als ganz unterschiedliche Menschen, mit all unseren Fragen und unseren verschiedenen Vorstellungen gleichsam im Kreis um unsere gemeinsame Mitte - wohl wissend, dass wir in vielen Punkten ganz unterschiedlicher Auffassung sind - und gehen wir auf diese Mitte zu; wie Menschen, die im Kreis stehen und alle einen Schritt auf die Mitte zumachen. Jeder und jede hat dabei nichts anderes getan als einen Schritt auf die Mitte zu. Genau dabei aber sind sich alle in diesem Kreis am Ende näher gekommen.

Es wird nicht viel bewegen, mit meinem Nachbarn all seine Fragen auszudiskutieren. Dann nähere ich mich ihm womöglich an, entferne mich dabei aber möglicherweise von einem anderen. Wir müssen uns gemeinsam unserer Mitte nähern, denn sie ist es, er ist es, dieser Jesus Christus allein ist es, der uns in all unserer Unterschiedlichkeit miteinander verbindet. Er ist es, der uns zu einer Gemeinschaft formt, der aus Individuen die Gemeinschaft derer macht, die eine Vor-Liebe - und das im wahrsten Sinne des Wortes , eine Vor-Liebe für diesen Jesus Christus haben, die Christen nicht nur heißen, sondern in Wahrheit sind.

Amen.

(gehalten am 17./18 November 2012 in der Paulus- und Peterskirche, Bruchsal)

*) Vgl.: Günther Wassilowsky, Als die Kirche Weltkirche wurde (München/Freiburg 2012) Seite 31

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