Predigten an den Festtagen des Kirchenjahres

(Dr. Jörg Sieger)

      

24. August - Fest des Apostels Bartholomäus

 

Eigentlich hatten die Ettenheimer damals vieles richtig gemacht.

Als man den Patron der Stadtpfarrkirche auswählte, nahm man den Heiligen Bartholomäus. Das war einerseits der Schutzheilige der Gerber - und damit zuständig für einen der größten Berufszweige der Stadt - und gleichzeitig einer der vierzehn Nothelfer: bewährter Heiler bei allen Arten von Hautkrankheiten.

Damit hatte man einen Heiligen in die Pflicht genommen, der so ziemlich den größtmöglichen Effekt garantierte und in vielerlei Belangen der Ettenheimer zuständig war.

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich das so formuliere, dann klingt das irgendwie komisch und auch ein wenig schal. So klingt das nicht nach Frömmigkeit und Glaube, sondern viel eher nach Berechnung und Kalkül.

Und solche Formulierungen sind Wasser auf die Mühlen derer, die Katholiken immer ein wenig argwöhnisch beäugen, die behaupten, im Katholizismus hätte sich vieles an Praktiken erhalten, was mit Christentum eigentlich gar nichts zu tun habe. Und dazu gehört für sie, dass Katholiken für alles und jedes einen Heiligen hätten, der Dinge wieder in Ordnung zu bringen habe.

An dieser Kritik ist aber durchaus was dran - und zwar in zweierlei Hinsicht

Sie kennen das ja auch, das mit den Zuständigkeitsbereichen, die die einzelnen Heiligen haben. Man wusste früher genau, an wen man sich in welchem Fall zu wenden hatte. Und mit der Hilfe der entsprechenden Heiligen konnte man ja auch durchaus rechnen - und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Viele von Ihnen kennen ja noch den Tarif, der für den Heiligen Antonius etwa galt. Fünf Mark versprach man ihm gemeinhin, wenn es darum ging, Verlorenes wiederzufinden - eine Übung, die es ja durchaus bis heute gibt. Muss man ihm dann aber jetzt Zwei-Euro-Sechsundfünfzig versprechen?

Ich weiß, ich karikiere jetzt. Und wenn man es so darstellt, dann klingt es nicht nur lächerlich, sondern auch wie ein regelrechter Handel - und damit wie etwas, was mit Glauben letztlich gar nicht viel zu tun hat. Und das ist ja auch die große Gefahr dabei.

Sehr häufig geht es hier nämlich nicht mehr um Glauben. Sehr häufig erinnert das sehr viel mehr an magische Praktiken, regelrecht an Magie. Vor allem, wenn dann auch noch Dinge und Gegenstände mit ins Spiel kommen: wenn Menschen etwa von wundertätigen Bildern sprechen, Bäumen, Medaillen oder auch Quellen. Das hat mit Glauben an Jesus Christus kaum noch etwas zu tun. Menschen wie Bonifatius oder auch Landelin sind ja gerade gegen diese heidnischen Praktiken ins Feld gezogen und haben nicht selten ihr Leben dafür gelassen.

Noch nie hat eine Quelle nämlich ein Wunder gewirkt, noch nie hat ein Bild oder eine Figur jemanden geheilt. Kein Heiliger hat je ein Wunder vollbracht.

Wunder wirkt nämlich einzig und allein unser Gott. Und wenn Heilige mit Wundern in Verbindung gebracht werden, dann nur mit Wundern, die Gott auf ihre Fürsprache hin vollbracht hat. Wo man dies vergisst, hat man den Pfad rechter Heiligenverehrung bereits verlassen und sitzt regelrechtem Aberglauben und magischen Praktiken auf.

Das ist die größte Gefahr, die von einer falsch verstandenen Heiligenfrömmigkeit ausgeht.

Es gibt aber auch noch eine andere. Und die wurzelt nicht einmal in einer falschen Verehrung von Heiligen. Die hat ihre Wurzel in einer falschen Scheu vor Gott.

Viele Menschen trauen sich nämlich gar nicht, sich direkt an Gott zu wenden. Wer wäre ich denn auch, dass ich kleiner Mensch mit meinem kleinen Anliegen mich an den großen Gott wenden könnte. Und dann wendet man sich an Fürsprecher, an Mittelsmänner und -frauen, denen man sein Anliegen anvertraut, damit sie es weiterverfolgen.

Aber das ist eine falsche Scheu und nimmt wirklich nur wenig ernst, was uns Jesus von Nazareth letztlich zugesagt hat: Dass nämlich jeder und jede ihren ganz direkten Zugang zu Gott hat, dass keiner einen Mittler braucht, um bei Gott Gehör zu erhalten, dass kein Anliegen so klein ist, als dass es bei Gott keinen Platz habe. Wenn wir einen Nothelfer suchen, wenn wir Hilfe brauchen, dann finden wir sie direkt in Gott, der uns in Jesus Christus auf Augenhöhe entgegengekommen ist und zu dem jeder und jede Vater und Mutter sagen darf.

Ich weiß, das ist für manche einfach zu abstrakt. Viele hätten's halt gerne ein wenig konkreter, brauchen etwas, an dem man sich festhalten kann, etwas, was man in Händen halten kann.

Dazu aber braucht man nicht zu Bildern oder Gegenständen zu greifen. Dazu braucht man sich nicht an Zauberwasser festzuhalten. Dafür hat uns dieser Gott etwas sehr viel Sinnvolleres hinterlassen, so etwas wie die Notrufsäulen, die sie vom Straßenverkehr her kennen. Ja, es gibt ein regelrechtes Notruftelefon oder Notrufnummern, die man immer nutzen kann, wenn man sie braucht oder sich auch nur vergewissern möchte, dass da wirklich jemand ist, an den man sich wenden kann.

Eine dieser Nummern können Sie sich ganz sicher ganz einfach merken. Sie lautet ganz ähnlich wie unsere Eins - Eins - Zwei. Gut, nicht ganz gleich, aber fast. Es ist die Eins - Zwei - Eins. Wenn Sie einen wirklichen Nothelfer brauchen, dann empfehle ich Ihnen diese Eins - Zwei - Eins.

Sie benötigen für diese Nummer kein Telefon und auch kein Smartphone. Es reicht Ihnen eine ganz normale Bibel. Dort werden Sie diese Nummer auch ganz leicht finden. Es gibt nämlich nur ein Buch der Bibel, das über 100 Kapitel hat: das Buch der Psalmen nämlich.

Schlagen Sie es auf, dann, wenn Sie das Gefühl haben, diesen Gott ganz dringend zu brauchen. Und suchen Sie den Psalm mit der Notfallnummer Eins - Zwei - Eins. Und dort können Sie lesen:

"Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe?"

Und Sie finden auch gleich die Antwort:

"Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er lässt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht. Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht."

Hier finden Sie die seit Jahrhunderten gültige Zusage des Psalmisten schwarz auf weiß immer wieder zum Nachlesen zur ständig neuen Vergewisserung:

"Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite. Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht. Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben. Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit."

Wenn Sie wieder einmal Hilfe benötigen, wenn Sie das Gefühl haben, völlig allein zu sein und es den Nothelfer braucht, dann erinnern Sie sich einfach an die Eins - Zwei - Eins, nehmen Sie Psalm 121 und lassen Sie sich von der Bibel aufs Neue versichern, dass dieser Gott für Sie eintritt, weit zuverlässiger als alle magischen Praktiken der Welt, dass er alle Wunder der Welt wirkt und Sie nie allein lässt:

Der Herr behütet dich vor allem Bösen, er behütet dein Leben. Der Herr behütet dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit.

Amen.

(gehalten am 27. August 2017 in der Kirche St. Bartholomäus, Ettenheim)

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, D-76131 Karlsruhe,
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