Ansprache zum 3. Abend des Projekts "... auf der Spur Jesu"
am 20. Februar 2013 in der Antoniuskirche

Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt. Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich. Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein. Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen mußte. Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein. Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf. Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt. Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Evangelium nach Lukas 19,1-10)

   

"Und der Mensch heißt Mensch

Weil er irrt und weil er kämpft

Und weil er hofft und liebt

Und weil er mitfühlt und vergibt"

so hieß es in Herbert Grönemeyers erfolgreichem Song "Mensch" aus dem Jahr 2002.

Liebe Gemeinde,

Marieluise Gallinat-Schneider Der Mensch heißt Mensch, weil er mitfühlt und vergibt. Für mich sind diese Aussagen Programm für den heutigen Abend. Jesus von Nazareth hat diese Fähigkeiten wie kaum ein anderer, er hatte Mitgefühl und vergab den Menschen. Im Sondergut des Evangelisten Lukas, also in den Texten, die er nicht gemeinsam mit Markus und Matthäus hat, finden wir einige Berichte, die dies verdeutlichen, wie eben unseren Zachäus, den Abschnitt, den wir gerade gehört haben.

Jesus entdeckt diesen kleinen Mann, der ihn unbedingt sehen will, sofort auf dem Baum über der Menge, er weiß seinen Namen und spricht ihn direkt an. Er signalisiert Interesse. Und Zachäus lässt sich ansprechen. Jesus erklärt: "Noch heute werde ich bei Dir zu Gast sein". Zachäus freut sich riesig über diesen Besuch, die anderen aber, die das hören, sind empört. Mit wem lässt sich Jesus da bloß ein! Im Judentum gibt es Aufnahme in die Mahlgemeinschaft erst nach der Vergebung, bei Jesus wird dies nicht zuerst gefordert.

Jesus setzt sich mit Menschen an einen Tisch, mit denen man als Jude keine Gemeinschaft hat. Jesus tat so etwas! Heute dagegen sagen wir, erst wenn wir völlig eins sind, dann, ja dann, können wir miteinander Mahl halten Und mit Sündern geht Mahlgemeinschaft schon gar nicht! Würde Jesus. das so machen? Muss ich wirklich erst bis zum endzeitlichen Heilsmahl warten, um mich mit allen an einen Tisch setzen zu dürfen?

Im letzten Satz dieser Erzählung wird auch die Sendung Jesus deutlich …"der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist". Jesus versteht es als seinen Auftrag, die Sünder zur Umkehr aufzurufen. Und er will zu denen kommen, die verloren sind, er will retten, er will helfen, er will heilen. Denken wir an den eingangs zitierten Satz, "Der Mensch heißt Mensch, weil er mitfühlt und vergibt"! Für mich ist diese Beschreibung Grönemeyers zutiefst jesuanisch. Jesus liebt und vergibt, er hat Mitgefühl, er stellt die Menschen in den Mittelpunkt.Zöllner sind nach dem Verständnis der damaligen Zeit wirklich Gauner, Halunken, das Letzte! Was ist das für eine Gesellschaft, in der Jesus sich da befindet!. Was ist das für ein bunter Haufen, der da mit ihm zieht, wenn er sich mit Frauen abgibt, die er aufwertet, wenn er Kinder, die damals keinen Stellenwert hatten, in den Mittelpunkt stellt, wenn er Arme, religiös Unwissende, Weinenden, Hungernde, in das Zentrum seines Handelns stellt. Diese Menschen scharen sich um ihn, sie hören seine Worte und an diese Menschen richtet er seine Bergpredigt. Sie zielt auf die Mühseligen und Beladenen ab, denen braucht Jesus seine Worte nicht zu erklären, sie fühlen sich angesprochen. Er setzt sich mit den Menschen, die am Rand stehen nicht nur auseinander sondern zusammen. Er steigt nicht herab zu den Sündern, sondern zieht sie zu sich hinauf Ihnen verspricht er das Reich Gottes, aber eines, das nicht erst im Jenseits anfängt. Jesus will uns damit keine neuen Gesetze und Pflichten auferlegen, es geht nicht darum, aus Gesetzeserfüllung zu handeln. Es geht darum, immer zuerst den konkreten Menschen zu sehen. Jesus wendet sich ohne Vorleistung, ohne Vorbedingung den Menschen in ihren konkreten Nöten zu und hilft ihnen. Das macht uns deutlich, dass wir eigentlich gar nicht anders handeln können, wenn wir seinem Beispiel folgen. Auch wir müssen schauen, was unsere Mitmenschen brauchen, nicht, um uns damit etwas zu verdienen, sondern einfach, weil es zutiefst menschlich ist.

Was aber, wenn sich das an den Gesetzen stößt? Was, wenn sich das nicht schickt, wenn wir damit in Konflikte geraten mit der scheinbaren Normalität, vielleicht sogar mit der Legalität?

Im Begleitheft habe ich die Episode geschildert, als ich im Urlaub in einer Synagoge war, in der der Aufzug wie von Geisterhand ohne Betätigen eines Knopfes vom Erdgeschoss in den ersten Stock fuhr und ich dann das Schild "Sabbataufzug" las. Klar, dachte ich, am Sabbat da dürfen ja keine elektrischen Geräte bedient werden und so trickst man das aus! Damals habe ich noch ein wenig überheblich darüber gelächelt, dass Juden es sich mit ihrer Religion und den Gesetzen so kompliziert machen. Mittlerweile denke ich, wir sind auch oft wie die Pharisäer.

Wie mag es den Frauen gehen, die in Köln nach einer Vergewaltigung in katholischen Krankenhäusern abgewiesen wurden, weil Ärzte Angst um ihren Arbeitsplatz haben, wenn sie in die Situation kommen, möglicherweise nach der Pille danach gefragt zu werden?

Wie fühle ich mich, wenn ich in einem Gottesdienst an Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit eigentlich keine glutenfreien Hostien austeilen darf, weil es feste Richtlinien gibt, woraus Hostien bestehen müssen? Als ob zur Zeit Jesu für Mazzen "Mehl Typ 405" verwendet worden wäre!

Und dann kommt noch das gesellschaftliche Ansehen hinzu. Wie oft denken wir, die anderen würden komisch gucken, wenn wir uns mit bestimmten Personengruppen solidarisieren. So wie damals die Menschen auch geschaut haben, als Jesus zu Zachäus ins Haus ging.

Ich kann meinen Vater verstehen, der nicht erfreut reagiert hat, als ich mich mit Missbrauchsopfern solidarisiert habe, die seelsorgerliche Betreuung der Frauen übernommen habe. Er sagte, was denken denn die Menschen von unserer Familie, nachher meinen die noch, Du engagierst Dich in diesem Bereich, weil Du selbst so etwas erlebt hast. Nein, habe ich nicht, ich fühle mich einfach für diese Frauen verantwortlich, denen es darum geht, gehört zu werden, die um einen Platz in unseren Gemeinden kämpfen. Aber ich kann verstehen, dass es ihm unangenehm ist. So ist es immer, wenn wir uns für Menschen einsetzen, kann das sehr unangenehm werden oder es kann auch falsch verstanden werden, es kann bei anderen Irritationen auslösen. Es kann Konsequenzen für uns und unser Leben haben. "Helfen verändert", aber es verändert nicht nur mein Inneres, so dass ich mich dadurch gut fühle, weil ich wie ein Pfadfinder meine gute Tat vollbracht habe, sondern es verändert auch mein Leben in dem Sinne, dass ich dadurch möglicherweise bei anderen Kreisen mein Ansehen verliere, weil ich mich mit den vermeindlich falschen Menschen abgebe.

Auch meine Kinder waren oft nicht amüsiert, wenn ich forderte, dass sie sich um die Mitschülerinnen kümmern müssen, die gemobbt werden, die nicht so cool sind, die die falsche Klamotten tragen. Sie hatten Angst, so selbst auch als uncool zu gelten. Heute ist das Wort "Opfer" im Jugendjargon ein Schimpfwort für Jugendliche, die am Rande stehen, für die, die auf der Verliererseite des Lebens sind.

Jesus steht auf der Seite dieser Verlierer, der Opfer, der Outlaws, der Outcasts, der Ausgestoßenen, da werden uns die Ehebrecherin, die Prostituierte und einige Zöllner genannt, von denen wir drei sogar mit Namen kennen. Überlegen Sie mal wie viele Menschen aus der Bibel Sie mit Namen kennen. Da gibt es "den" Hauptmann, "die" Witwe, "den" Gelähmten, "den" Aussätzigen, "die" Frau usw. Markus dagegen berichtet uns ausgerechnet über den Zöllner Levi und nennt uns seinen Namen. Erst durch ihre Namen werden Menschen einzigartig. Und dann wird hier über so einen Gauner wie einen Zöllner namentlich berichtet. Die Evangelien werten die Zöllner noch auf, indem sie ihre Namen erwähnen. Zachäus und Levi werden dadurch mit ihrer ganzen Persönlichkeit für alle Zeiten verewigt.

Jesus macht sich verdächtig, wenn er solche Menschen in den Mittelpunkt stellt. Damit gerät er möglicherweise in Konflikt mit dem Gesetz. Er heilt nämlich am Sabbat, wenn es sein muss, er fragt zuerst, was die Menschen brauchen und nicht, was man darf, was andere denken. Jesus ist es dabei egal, ob er dadurch Gesetze bricht, weil er Menschen hilft, weil er für Menschen einsteht, die ihn brauchen. Er denkt nicht daran, ob er dadurch Anhänger verliert, ob sein Fanclub kleiner wird, weil er sich mit Menschen einlässt, die nicht dazu gehören.

Die Fragen, die der heutige Abend an uns richtet, die das heutige Evangelium an uns richtet, sind uns nicht neu. Wenn der Abend vom Vorbereitungsteam mit dem Satz aus dem Matthäusevangelium überschrieben wurde "Was ihr einem der Geringsten getan habt", dann haben wir da auch die Antwort. Jesus sagt, was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. So wie Gott die Menschen bedingungslos liebt und Jesus die Menschen ohne Vorbedingungen annimmt, ist es auch unser Auftrag, auf alle Menschen zuzugehen, egal wie schwer es uns manchmal fällt. "Von Mensch zu Mensch eine Brücke baun, dem Andern in die Augen schaun, in jedem Menschen Jesus sehn und nicht an ihm vorübergehn"! so haben wir in der Erstkommunionvorbereitung oft gesungen. Weil Jesus den Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns gestellt hat und für ihn das Gute wollte, so wie sein Vater im Himmel auch, zeigt sich Gott, zeigt sich Jesus im Menschen und in unserer Hinwendung zu unseren Nächsten und das sind alle Menschen, nicht nur die aus unserem Umfeld, die wir mögen. Der Mensch heißt Mensch, weil er liebt!

Gerade bei Lukas ist Jesu Handeln an den Ausgestoßenen, den Armen Programm, wie die Gemeinde handeln soll. Die Gemeinde ist aufgerufen, sich mit diesen Menschen zu solidarisieren.

Daraus ergeben sich für uns heute auch viele Fragen. Wenn wir das Evangelium des Lukas als Handlungsanweisung für die Gemeinde sehen und es auf unsere Gemeinde übertragen, wie sieht es dann bei uns aus? Unsere Gottesdienstgemeinden bestehen zum großen Teil aus der Mittelschicht. Es ist das normale Bürgertum, das sich bei uns engagiert. Wo sind bei uns die Sünderinnen, die Zöllner, die Armen, die Traurigen, die Hungernden, die Ausgestoßenen der Gesellschaft? Welche Menschen wären das heute, mit denen Jesus sich solidarisch zeigt? Wo gehen wir auf Menschen zu, die am Rande stehen? Ich denke oft, wenn wir Jesu Nachfolge ernst nehmen, müssten wir tatsächlich anders handeln. Jesus solidarisiert sich ohne Vorbedingungen mit den Menschen, bei ihm gilt der Spruch "Gnade vor Recht".

Es muss uns deutlich werden, dass wir uns nicht zurücklehnen und eine kuschelige Spiritualität wünschen können. Das ist einfach zu wenig und wird den Evangelien und Jesus nicht gerecht.

Das Evangelium fordert uns hier einiges ab. Es fordert uns auf, uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Es ist nicht nur die Sache Gottes, die Sache Jesu, auf Sünder und Ausgestoßene, auf die am Rande der Gesellschaft Stehenden zuzugehen, sondern auch unsere. Die Bibel lehrt uns, von der bedingungslosen Liebe Gottes zu den Menschen her, jeden Menschen mit all seinen Fehlern zu lieben. Aber das gelingt mir oft nicht, wir werden oft der Nachfolge nicht gerecht, wir schaffen es nicht, alle Menschen bedingungslos anzunehmen. Ich hadere oft mit mir, wenn ich in Situationen komme, in denen ich spüre, Menschen erwarten etwas von mir, das ich nicht leisten kann. Oder es gibt Menschen, die mir unangenehm sind. Dann denke ich, ich muss doch jetzt etwas tun, ich darf doch nicht einfach sagen, ich bin halt so, ich kann nicht anders. Ich muss gegen meine eigenen Unzulänglichkeiten kämpfen. Ich muss über meine Begrenzungen hinauswachsen, ich muss, ich muss…Nein, muss ich nicht! Wenn ich die Erkenntnis ernst nehme, dass Jesus jeden Menschen so annimmt, wie er ist, mit all seinen Fehlern, warum meine ich dann, ich bin davon ausgeschlossen? Ich weiß, dass es die Gnade Gottes gibt, dass er uns ohne Vorbedingungen liebt. Dann liebt er auch mich, mit all meinen Fehlern, mit meinen Ecken und Kanten und mit meinen Begrenzungen. Dann muss ich nicht meinen, ich müsste Gott werden. Ich müsste alles können und dürfte keine Fehler haben. Ich müsste der ganzen Menschheit gerecht werden, ich müsste allen helfen, die bedürftig sind. Statt dessen darf ich darauf vertrauen, von Gott so geliebt zu sein wie ich bin. Und nicht nur das, ich darf mich so lieben, wie ich bin. Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)