Evangelischer Gottesdienst, musikalisch gestaltet vom NGL zum Abschluss des Glaubenskurses ".. auf der Spur Jesu": Folgt mir nach - Konsequenzen für mein Leben

Predigt: Joh 21,15-19: Folge mir nach!

Achim SchowalterJesus ist aufstanden. Ab und zu erscheint er seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. Petrus und einige andere Jünger sind nach Galiläa zurückgegangen - und gehen wieder fischen. In jener Nacht – wie so manches Mal – erfolglos. Als sie erschöpft in die Nähe des Ufers kamen, stand ein Unbekannter an Land und ermutigte die erfahrenen Fischer, entgegen ihrer Erfahrung nochmals hinaus zu fahren. Die Fischer ließen sich darauf ein und machten einen Fang, der die Netze fast zum Zerreißen brachte. Da erkannten die Jünger in dem Fremden Jesus. „Es ist der Herr!“, sagt ein anderer Jünger zu Petrus.

Nachdem die Boote mit den Fischen an Land waren, gab es ein herzhaftes Frühstück.

Hier setzt der Text ein, den ich uns als Predigttext lesen möchte: Joh 21,15-19.

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. 19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Geschwister,

1. Déjà-vu

Déjà-vu – schon einmal gesehen. So nennt man in der Psychologie die Erfahrung, dass jemand den Eindruck hat, die Situation, die er gerade erlebt, schon einmal erlebt zu haben. Als Petrus am Abend jenes Tages die zurückliegenden Stunden noch einmal revuepassieren lässt, hat sich bei ihm möglicherweise ein Déjà-vu eingestellt. Das gab es doch schon einmal: Zuerst ein erfolgloser Fischzug – dann das Wort Jesu: Fahr hinaus! Probier es noch einmal! – ein überaus großer Fang – und am Ende: Folge mir nach! Ganz zu Anfang des gemeinsamen Weges mit Jesus stand diese Erfahrung schon einmal. Danach hatte er, Petrus, sich Jesus angeschlossen. Déjà-vu – schon einmal gesehen. Die Perspektive des Petrus.

Die Perspektive Jesu: „Repetitio est mater studiorum“ – die Wiederholung ist die Mutter der Studien. Jesus wiederholt sich mit dem Fischfang und dem Ruf zur Nachfolge und nimmt Petrus in ein neues Studieren, in ein neues Lernen hinein. Warum wiederholt sich Jesus? Weil er sich treu ist, und weil er Petrus treu ist.

Es ist ein Grundzug in der Bibel, dass Gott sich wiederholt. Im Alten Testament erzählen und loben die Beter immer wieder Gottes Handeln in der Geschichte. Und man kann sich fragen: Warum eigentlich? Ist das Einfallslosigkeit oder Nostalgie? Rudolf Bohren hat die Antwort so zugespitzt: Die Beter erinnern Gott an seine Taten und erhoffen, dass Gott auch in Zukunft wieder in gleicher Weise handeln möge, dass Gott sich wiederholt und sich in diesem Wiederholen erkennbar macht als der, der treu ist.

Jesus wiederholt sich. Weil er Petrus treu ist.

Jesus wiederholt sich. Und doch steht die Wiederholung in einem neuen Kontext. Zwischen dem ersten Fischzug am Anfang seiner Zeit mit Jesus und dem jetzigen liegt für Petrus eine intensive Zeit mit Jesus. Petrus hat gehört, was und wie Jesus gepredigt hat, wie er auf Menschen zugegangen und mit ihnen umgegangen ist, hat erlebt, wie Menschen heil und von lebenszerstörenden Mächten frei geworden sind. Er hat Höhen und Tiefen mit Jesus erlebt – im Jüngerkreis, aber zugespitzt auch in den dichten Erfahrungen von Leiden, Kreuz und Auferstehung. Das alles liegt zwischen dem ersten und zweiten Fischzug. Petrus hört diese Worte nun zum zweiten Mal. Und all die Worte und Erfahrungen mit Jesus werden nun mit hineingenommen in die neue Situation nach Ostern und bekommen im Licht von Ostern ihre Bestätigung und ihre Gültigkeit.

Wir werden uns später an unsere Taufe erinnern und sind zum Mahl des Herrn eingeladen.

Es sind die gleichen Sätze, die über unserem Leben stehen und uns zugesprochen werden:

Fürchte dich nicht: Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.

Christi Leib für dich gegeben. Christi Blut für dich vergossen.

Wir hören diese Sätze – vielleicht in einem neuen Kontexten oder einer veränderten Situation unseres Lebens. Wir dürfen diese Sätze neu hören und mit ihnen immer wieder neu unserem Leben durchbuchstabieren.

Déjà-vu – Gott lässt sich wieder sehen. Gott wiederholt sich, weil er sich und weil er uns treu ist.

2. Hast du mich lieb?

Eine Frau sagte einmal mit einem verzweifelten Unterton: „Mein Mann macht alles richtig: Er hilft im Haushalt mit, arbeitet im Garten, geht sogar oft einkaufen und packt zu, wo es nötig ist. Es ist alles richtig – aber ist spüre nicht, ich weiß auch nicht, ob er mich wirklich lieb hat.“ – Alles richtig – aber ohne die Liebe ist die Beziehung doch leer.

Auch in unserem Glauben ist das manchmal so: Alles richtig – aber ohne die Liebe zu Gott doch leer. Man besucht den Gottesdienst oder die Gemeindegruppe – gute Gewohnheiten – alles richtig – aber doch fehlt etwas Wesentliches, aber doch fehlt das Leben – weil die Liebe fehlt. Und Liebe kann man nicht machen.

Ohne die Liebe sind Beziehungen vielleicht richtig und funktionieren. Aber es fehlt das Wesentliche. Darum weiß Jesus. Und deshalb versucht er diese Liebe bei Petrus wieder zu wecken. Nach dem Essen nimmt Jesus Petrus bei Seite und spricht ihn sehr behutsam auf die Liebe an.

„Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben?“ Warum fragt Jesus danach, ob er ihn lieber hat? Alles Übel kommt vom Vergleichen, hat der Psychologe Alfred Adler einmal gesagt. Warum soll Petrus seine Liebe vergleichen mit der der anderen Jünger? Kann man Liebe überhaupt vergleichen?

Wir kennen diese Frage aus dem Mund kleiner Kinder: „Mama, du hast mich doch lieber als meinen Bruder oder meine Schwester?“ Und dann kommt die Antwort der Mutter: „Ich habe alle meine Kinder gleich lieb.“ „Petrus, hast du mich lieber?“ Petrus versteht, woraufhin ihn Jesus anspricht: Er hatte sich immer hervorgetan, hat sich oft als Sprecher der Jünger gesehen und sich Jesus besonders nahe gefühlt – zuletzt auf dem Weg nach Gethsemane. „Und wenn sie dich alle verlassen, Jesus, ich bin bereit, mit dir zu sterben.“ „Simon, hast du mich lieber?“ – Und Petrus antwortet: „Herr, du weißt es: Ich habe dich lieb. Du fragst mich – aber eigentlich kennst du die Antwort.“

Die Antwort von Petrus ist viel zurückhaltender als die Frage Jesu. Das wird noch einmal deutlicher, wenn man in den griechischen Text schaut. In der griechischen Sprache gibt es für unser deutsches Wort Liebe verschiedene Wörter: Jesus fragt Petrus, ob er ihn bedingungslos und voraussetzungslos lieb hat – so wie Gott uns liebt. Im Griechischen steht hier das Wort agape. Aber Petrus antwortet: „Ich habe dich wie einen Freund lieb.“ Jesus kommt Petrus bei seiner zweiten Frage einen Schritt entgegen. Er fragt ihn nicht mehr nach dem „lieber“, aber er fragt ihn weiter nach der agape: „Simon, hast du mich lieb?“ Und wieder antwortet Petrus mit der gleichen Zurückhaltung: „ Du weißt es – ich habe dich wie einen Freund lieb.“ Jesus kommt Petrus nun noch einen Schritt entgegen. Er fragt: „Simon, hast du mich wie einen Freund lieb?“ Da wird Petrus traurig und antwortet: „Du weißt es, Herr. Ich habe dich wie einen Freund lieb. Mehr habe ich dir, nachdem ich dich dreimal verleugnet habe, nicht zu bringen.“ Das Großartige: Jesus nimmt Petrus so, wie er ist. Jesus legt Petrus nicht auf sein Scheitern und Versagen fest. So ist Gott. So ist Gott auch zu uns: Er nimmt uns so, wie wir sind. Er legt uns nicht auf unser Scheitern und Versagen fest. Er nimmt es ernst, weil es zu unserem Leben gehört. Aber er legt uns nicht darauf fest. In einem Glaubensbekenntnis formuliert Bonhoeffer: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.“ Ich wünsche uns, dass wir diese Erfahrung in unserem Versagen und Scheitern immer wieder machen.

3. Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!

Dreimal stellt Jesus Petrus eine Frage. Dreimal antwortet Petrus. Und dreimal gibt Jesus Petrus einen Auftrag. „Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!“

In der Tat: Petrus wurde zu einer der zentralen Figuren der ersten Christenheit. Schon im Jüngerkreis gehörte er zum engsten Kreis um Jesus, hat sich zum Sprecher gemacht, hat die Highlights um Jesus intensiv erlebt, ist aber auch auf die Nase gefallen und im See untergegangen. Und in der Gemeinde in Jerusalem und später bei den Christen in Rom wurde er zu einer der zentralen Figuren – im Bild: ein Hirte.

Jesus beauftragt Petrus: „Weide meine Lämmer. Weide meine Schafe.“

Wir sind nicht Petrus. (Wir sind ja auch nicht mehr Papst.) Wir sind auch nicht alle in der Gemeindeleitung.

Aber zwei Gedanken sind mir im Anschluss daran wichtig, wenn wir auf der Spur Jesu leben wollen:

Der erste Gedanke:

Jesus stellt Petrus in die Gemeinschaft der Gemeinde Jesu hinein. Christen sind keine Solisten. Sie sind hineingestellt in die Gemeinschaft derer, die auf der Spur Jesu leben. Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Buch „Nachfolge“ geschrieben: „Jeder tritt allein in Nachfolge, aber keiner bleibt allein.“

Auf der Spur Jesu zu leben, bedeutet, mit anderen unterwegs zu sein – mit anderen Kindern Gottes.

Das ist manchmal nicht nur einfach und schön. Gott hat sich viele Originale ausgedacht – manchmal war er dabei fast zu originell für unser Empfinden. In der vergangenen Woche hatte ich ein Telefonat mit einer guten Bekannten, in dem sie mir ihr Leid über ihren Hauskreis geklagt hat. Ich habe sie ermutigt, mit dem, was sie nervt, mit ihren Fragen, mit ihren Anfragen an die anderen auf die Leute zuzugehen, die ihr schwer fallen. Das ist durchaus schwierig. Wir müssen nicht mit all unseren christlichen Geschwistern gut befreundet sein, aber wir sollten sie als Geschwister lieben üben.

Auf de Spur Jesu zu leben, bedeutet, mit anderen unterwegs zu sein – mit anderen Kindern Gottes.

In der zugespitzten und kirchlich angespannten Situation knapp ein Jahr vor Ausbruch des 2.Weltkriegs schrieb Dietrich Bonhoeffer in seinem Buch „Gemeinsames Leben“: „Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf.“ In seinem Buch entfaltet er dann das Geschenk des gemeinsamen Lebens.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Kirche – wo sie lebendig bleiben möchte – Gemeinschaft und das gemeinsame Leben auf der Spur Jesu in den Mittelpunkt stellen und neue Formen des Miteinanders entwickeln muss. Da werden alte Schätze wieder ausgegraben. Da werden sich aber auch neue Gottesdienstformen entwickeln, neue sozial, politisch und spirituell profilierte Gemeindekreise entstehen. Und ich hoffe, dass wir dazu den Mut haben und unsere Kirchenleitungen das große Herz und die ökumenische Weite haben werden, solchen Bewegungen und Initiativen ein Zuhause zu geben.

Jeder tritt allein in die Nachfolge, aber keiner bleibt allein.

Der zweite Gedanke:

Jesus gibt Petrus eine Platzanweisung. Petrus wird mit der Leitung der Gemeinde beauftragt. Wir haben heute Nachmittag über verschiedene Lebensfelder nachgedacht, in denen wir als Glaubende stehen: Familie, Freundschaft, Beruf, eine pluralistische Gesellschaft, globalisierte Welt und Kirche. Es sind Lebensfelder, in denen Gott uns etwas anvertraut, in denen Gott uns als Hirte beauftragt.

Die Frage, die sich jede und jeder von uns stellen und beantworten muss, heißt: Wie und wo setzen wir Prioritäten?

Weitere Geschichten könnte man noch viele anfügen. Manchmal sind es Lebensumstände, die eine Platzanweisung nahelegen, die dann mit Überzeugung gelebt werden will, manchmal gibt es verschiedene Optionen, zwischen denen wir wählen können. Was ist unsere Platzanweisung auf der Spur Jesu?

„Folge mir nach!“, sagt Jesus zu Petrus. Man könnte auch sagen: „Gehe auf meiner Spur!“

Nachfolge lebt von der Treue Gottes zu uns – dass er immer wieder sein Wort in unser Leben hineinspricht und sich als der erweist, der er war und ist und sein wird – déja-vu.

Nachfolge lebt davon, dass Gott in uns die Liebe zu sich weckt und uns nicht auf unser Scheitern und Versagen festlegt – hast du mich lieb?

Und: Nachfolge stellt uns hinein in die Gemeinschaft der Nachfolgenden und lässt uns nach unserem Ort auf der Spur Jesu fragen – weide meine Schafe! Amen.



Achim Schowalter

(gehalten am 22. Juni 2013 in der Antoniuskirche, Bruchsal)