Ein Gespräch

im Rahmen des Gottesdienstes anläßlich des Glaubenskurses "... auf der Spur Jesu"
zum Thema "Abba, Vater" - der Gott, den Jesus verkündet

 

Olaf:

Ach hallo Hein, habe Dich erst gar nicht bemerkt. Warum bist Du schon da? - Der Gottesdienst beginnt doch erst in einer Stunde? - Und so niedergeschlagen habe ich Dich auch noch nie gesehen.

Hein:

Mann Olaf, mir geht's richtig dreckig. Heute früh habe ich die Kündigung bekommen – nach 20 Jahren!

Mein ganze Existenz geht jetzt kaputt – In meinem Alter finde ich hier doch niemals wieder Arbeit.

OlafOlaf:

So ein Mist, das tut mir aber leid für Dich. Erklärt aber nicht, weshalb Du hier jetzt schon sitzt wie ein Häuflein Elend.

Hein:

Ich war halt etwas früher da, weil ich gehofft hatte, noch etwas allein zu sein. Und vielleicht würde mir ja Gott dabei helfen zu erkennen, ob der Jobverlust mit dem bisschen Schwindeln bei der Steuer neulich zu tun hat. Das mir fast gar nichts eingebracht und ist keinem aufgefallen. Musste das wirklich gleich so hart bestraft werden? Ich frage mich, warum mich das jetzt alles so trifft, obwohl ich mich seit Jahren immer in der Kirche engagiere und immer für andere da bin. Es gibt doch kaum einen Sonntag, an dem ich nicht in der Messe gewesen bin. Hätte Gott nicht über so einen kleinen Fehler hinwegsehen können?

Olaf:

Sag mal, das willst Du mir aber nicht im Ernst verkaufen: Du glaubst, dass die Kündigung ein Racheakt Gottes dafür war, dass Du bei der Steuer geschummelt hast? Was hast Du denn bitteschön für eine Vorstellung von Gott und seinem Umgang mit uns?

Hein:

Fehler werden bestraft und „kleine Sünden straft der liebe Gott sofort“ - sagt man doch.

Du weißt doch auch, wie alles angefangen hat: Damit, dass Gott Adam und Eva einen bestimmten Auftrag und ein bestimmtes Gebot gegeben hat. Als sie das dann nicht eingehalten haben, sind sie zur Strafe postwendend aus dem Paradies geflogen.

Von den anderen Nettigkeiten wie „im Schweiße deines Angesichts Dein Brot essen“ und „unter Schmerzen sollst Du gebären“ mal ganz zu schweigen.

Olaf:

Aber seither hat sich doch wohl einiges getan, oder nicht? Hat er nicht zu Moses als seinen Namen das Versprechen gegeben, „Ich bin der, der da ist?“ – und zwar für Euch Menschen da ist und Euer Wohlergehen will? Wie passt das damit zusammen, dass er Dich soll bestrafen wollen?

HeinHein:

Ja, und kurz darauf hat er den gleichen Moses zu sich auf den Berg zitiert und ihm die Zehn Gebote gegeben, wo ziemlich genau drinsteht, was er von uns erwartet, oder nicht? Und wenn ich mich daran nicht halte, werde ich bestraft, Punkt! Welchen Sinn haben haben schließlich Regeln, wenn sie nicht sanktioniert werden?

Olaf:

Aha, daher weht der Wind. Und schließlich wurden ja aus den Zehn Geboten zuerst über sechshundert im sogenannten „Mosaischen Gesetz“ und im aktuellen Kirchenrecht stehen sogar zwischenzeitlich über 1700 Vorschriften...

Hein:

… genau, die darüber hinaus durchaus mit Sanktionen verbunden sind, die zum Teil recht empfindlich ausfallen können.

Man kann ja sogar rausgeschmissen werden – mit der Folge, versteht sich, dass damit auch der Verlust des Seelenheils in der Ewigkeit verbunden ist, so wird es zumindest immer wieder vorgetragen. Oder täusche ich mich da?

Olaf:

Nein, du täuschst Dich nicht. Aber vielleicht haben sich ja in mehreren tausend Jahren Geschichte mit dem Gott, der sich Mose geoffenbart hat und den Jesus uns mit seinem Leben und seiner Verkündigung neu bekanntgemacht hat manche anderen getäuscht darüber, was er will – und wie er dafür sorgt, dass das so sein kann?

Hein:

Ich kann Dir im Moment nicht folgen. - Wie meinst Du das?

Olaf:

Gegenfrage: hast mal darüber nachgedacht, was Gott davon haben könnte, wenn wir seine Regeln halten, wenn überhaupt etwas davon stimmt, was wir über seine umfassende Liebe für seine Schöpfung hören?

Glaubst Du wirklich, wir können Gott damit einen Gefallen tun – oder seinen Zorn erregen, wenn wir es nicht tun?

Hein:

Äh – um ehrlich zu sein, nein.

Olaf:

Aha, dacht' ich's mir doch. Und wenn wir das denn mal täten glaubst Du nicht, dass wir dann vielleicht zu anderen Ergebnissen kommen könnten, als wir sie kennen und immer wieder hören? Ernsthaft drüber nachdenken, meine ich, und dabei vielleicht auch mal wieder das einbeziehen, von dem wir wissen, was Jesus gesagt hat – und nicht nur immer das was die uns sagen, die behaupten, in seinem Namen zu sprechen?

Hein:

Und was soll dabei rauskommen können?

Olaf:

Na, wenn man ganz mutig ist vielleicht ja, dass man Gott möglicherweise bislang einfach missverstanden hat? Dass man ihn einfach nur immer so verstanden hat, wie es uns mit unserem Bedürfnis nach Regeln, das wir Menschen haben, nach Dos und Don'ts, nach einem Bedürfnis nach einem helfenden „Geländer“ nur möglich ist – er aber eigentlich was ganz anderes für uns gewollt hat?

Hein:

Und was sollte das sein?

Olaf:

Dass er keine Regelbefolgung will, sondern einfach, dass es uns, seiner gesamten Schöpfung in dieser Schöpfung – also nicht erst irgendwann, sondern bereits jetzt und hier – gut gehen soll?

Hein:

Hä? Sowas krudes habe ich ja noch nie gehört. - Wie kommst Du denn darauf?

Olaf:

Wie wäre es zum Beispiel damit. Warte, irgendwo muss ja hier eine Bibel rumliegen. Ja, da. Also:

und sollst halten seine Rechte und Gebote, die ich dir heute gebiete; so wird's dir und deinen Kindern nach dir wohlgehen und dein Leben lange währen in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, gibt für immer.

Hier, lies' selber: Deuteronomium 4,40.

Hein:

Siehst Du, da hast Du's doch: „sollst halten seine Rechte und Gebote“....

Olaf:

Schon, aber lies doch weiter: Warum?

Damit es dem Angesprochenen wohl gehen und er lange leben in dem Land...

Hein:

Da versteh' ich jetzt wirklich nur Bahnhof.

Olaf:

Also, mal ganz langsam. Nehmen wir ein Beispiel aus den zehn Geboten, das jeder kennt - mal sehen.

Ja, wie ist es damit: Was glaubst Du wohl, warum sagt Gott: Du sollst nicht stehlen?

Hein:

Das ist ja wohl einfach: was mir nicht gehört, geht mich nichts an und ich habe die Finger davon zulassen.

Olaf:

Aha. Und was sollte es Gott kümmern – für sich selbst gesehen, meine ich – wenn hier – was ja übrigens jeden Tag überall passiert und nicht immer nennen wir es auch wirklich „stehlen“ - einer dem anderen was wegnimmt?

Nein, ich denke: wenn einer dem anderen etwas wegnimmt, dann gibt’s Krach. Feiner ausgedrückt: Unfrieden. Die Leute streiten sich, kloppen sich, töten sich vielleicht sogar.

Und das ist es, was Gott nicht will: es soll ja nicht nur der Hälfte oder einer Minderheit von uns „wohl ergehen“, sondern möglichst allen – und nicht einem auf Kosten des Anderen.

Hein:

So habe ich da wirklich noch nie drüber nachgedacht, aber das klingt plausibel.

Olaf:

Ja, und noch etwas weiteres spielt eine Rolle. Es gibt ja auch Regeln, die auf den ersten Blick niemanden schützen wollen.

Mit manchen Regelverstößen tun wir vielleicht gar niemandem weh – und sei es nur, weil es niemand bemerkt. Wie bei Deiner Steuerschummelei.

Hein:

Was ist jetzt wieder damit?

Olaf:

Das fragst Du noch? Erinnerst Du Dich nicht, wie niedergeschlagen und zerknirscht ich Dir vorhin hier vorgefunden habe?

Hein:

Ja, aber...

Olaf:

Nix aber. Mal Hand auf's Herz: wärst Du mit dem Schummeln froh gewesen, auch wenn die Kündigung nicht gekommen wäre?

Hein:

Du meinst...

Olaf:

Ja, meine ich. Es mag zwar viele Leute geben, die so tun oder es auch wirklich glauben, „so ein bisschen Regelverstoß macht mir nix aus, und außerdem macht's ja jeder...“

Hein:

Eben. Machen doch alle.

Olaf und HeinOlaf:

Daran glaube ich aber nicht. Eine Wurzel der Ahnung davon, was „in Ordnung“ ist und was nicht haben wir glaube ich letztlich alle in uns. Und zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung war, das quält uns dann auch. Und auch dass will Gott nicht für uns.

Hein:

Aber es gibt doch so unendlich viele Regeln. Nicht nur in der Religion, auch sonst. Wie soll ich die alle kennen – und dann auch noch erfüllen? Das kann doch keiner.

Olaf:

Das verlangt auch keiner. Und daran mussten offenbar die Menschen vor 2000 Jahren in Palästina wieder erinnert werden. Über allem Regel-, Gesetzes- und Gebots- und Verbotsgedöns hatten sie vergessen, worauf es wirklich ankommt – für uns und für Gott.

Hein:

Und was wäre das?

Olaf:

Darauf zu achten, dass es den Menschen – als Teil der Schöpfung Gottes, an der ihm als solcher sehr viel liegt – möglichst gut geht.

Und wichtig ist dabei – jedenfalls für mich, wie gesagt: Jetzt, in der Schöpfung – und nicht irgendwann irgendwo „später“.

Hein:

Dafür hast Du doch bestimmt auch ein Beispiel?

Olaf:

Hm, lass mich nachdenken. Du kennst doch bestimmt die Geschichte von dem Mann mit der verdorrten Hand, den Jesus am Sabbat heilt?

Hein:

Ja, klar. Bin ja schließlich regelmäßig in der Messe.

Olaf:

Und? Was fällt Dir dazu ein?

Hein:

Wenn es auf das Gesetz ankäme, …. Aber er hat eben nicht einfach gesagt „Heute geht's nicht - habe keine Sprechstunde.“

Es war Jesus wichtiger, das Leid zu beseitigen, einem Menschen etwas Gutes zu tun, als das Gesetz zu achten. Und zwar so, dass jeder es sieht. Wenn ich mich richtig erinnere, hat er den Mann ja zuerst „in die Mitte gestellt“.

Klingt, als könnte das auch im übertragenen Sinn verstanden werden. „In der Mitte steht der Mensch“ - oder so.

Olaf:

So sehe ich es auch.

Oder wie ist es mit der Frau, die er vor der Steinigung gerettet hat? Warum hat er zu ihr wohl gesagt: „Sündige hinfort nicht mehr?“ Damit er die Arbeit mit der Rettung nicht nochmal haben würde?

Hein:

Kaum. Hm, wenn ich davon ausgehe, worüber wir gesprochen haben: Sie hatte erfahren, dass es nicht darauf ankommt, ob sie Regeln gebrochen hat, sondern man hat sich darum gesorgt, wie sie für sich selbst damit umgeht. Sie weiß selbst, dass es möglicherweise so nicht in Ordnung war?

Olaf:

Das halte ich für eine sehr gedankenvolle Antwort.

Schließlich hat er ja auch gesagt, er sei nicht gekommen, um das Gesetz hinwegzufegen, sondern zu erfüllen. Und das Gesetz war ursprünglich ziemlich mager und brauchte nicht viele Worte.

Hein:

Ich glaube, jetzt weiß ich, was Du meinst. Jesus selber hat ja nur ein zentrales Gebot für letztlich bedeutend erklärt.

Wenn ich es richtig weiß, hat man das – nachdem es im ältesten Evangelium noch ziemlich authentisch festgehalten war – in den späteren Texten schon wieder „ausgefeilt“ in dem Sinne: ja, wenn er das in Rechnung gestellt hätte, dann hätte er das sicherlich auch noch gesagt. Gibt es nicht diese Stelle, die zunächst den Scheidungsbrief für eine Frau kategorisch ausgeschlossen hat – um sie nicht rechtlos und ohne soziale Position zu lassen – und wo dann später hinzugefügt wurde „außer wegen Unzucht“? Klingt fast so, als hätte man sagen wollen „ja, aber so kann das ja wohl nicht gemeint haben.“

Olaf:

Ja, genau das meine ich. Ich denke: er hat es genau so gemeint – nur wir konnten nicht damit umgehen.

Es fiel uns leichter, die Regeln zu verfeinern, für beachtenswert zu erklären und die Regeln mit Sanktionen zu versehen. Dass er aber eigentlich gesagt hat, wir könnten uns an Gott wie an einen Vater wenden, dem unser Wohl am Herzen liegt und der kein Interesse daran hat, uns auf die Finger zu schauen – oder gar zu klopfen,...

Schau' doch einfach Dich selber an, wie Du hier gesessen hast am Anfang unseres Gesprächs. Keine Spur von Jesu Gottesbild, das davon ausgeht: Ich will weder Opfer noch Gehorsam, ich will DEIN Wohl, Mensch, ich will Dich, so wie ich Dich geschaffen habe mit allem, was ich Dir mitgegeben habe. Mit Kopf, Herz und dem Verstand, das Wesen dessen zu erkennen, worauf es ankommt.

Hein:

Du hast vorhin gesagt, dass Jesus die Juden daran erinnern musste, wie Gott ist und was er für und von uns will. Ich glaube, er hat noch mehr getan – Jesus hat uns die Möglichkeit gegeben von und mit Gott als DU zu sprechen – als guten und barmherzigen Abba - Vater, der uns alle gleich liebt, dem alle Menschen gleich wichtig sind.

Könnte es sein, dass auch wir diese Chance, die mit Jesus kam, nicht ergriffen – und es auch einfach im Lauf von zweitausend Jahren wieder vergessen und tief in unseren Regeln und Gesetzen vergraben haben?



Olaf Bühler und Hein Kerstgens

(gehalten am 22. Januar 2013 in der Pauluskirche, Bruchsal)