Anspiel "Auferweckung"

Person 1

Das versteh ich nicht. … Ich versteh‘s nicht. Mir schwirrt der Kopf. Ich versteh das nicht. Ich versteh’s einfach nicht

Person 2

Was verstehst du nicht?

Person 1

Das mit der Auferweckung Jesu.

Person 2

Wo ist das Problem?

Person 1

Du bist gut! Du fragst, wo ist das Problem? Wenn ich nur eins hätte, wär ich froh. Aber ich habe viele. Mir schwirrt der Kopf vor lauter Problemen. Jeder erzählt mir etwas anderes von der Auferweckung.

Ich hab’s mir aufgeschrieben, damit ich den Überblick behalte. Der Paulus berichtet nur ganz wortkarg davon: „dass Jesus begraben worden ist; und dass er auferweckt worden ist am dritten Tage gemäß den Schriften (1 Kor 15,4). In den vier Evangelien, in der Apostelgeschichte berichtet jeder etwas anderes. Matthäus erzählt von einem Engel, Markus von einem weiß gekleideten Jüngling. Bei Lukas ist von zwei Männern in leuchtenden Gewändern die Rede. Johannes berichtet von 2 Engeln in weißen Gewändern. Was denn nun: ein Jüngling, ein Engel, zwei Männer oder zwei Engel?

Aber es geht noch weiter: Mal ist das Grab leer (Johannes, Lukas, Matthäus, Markus) – das scheint wichtig zu sein - dann wieder wird das Grab gar nicht erwähnt. Da scheint es also ganz unwichtig zu sein.

Aber es geht noch weiter:

Mal lässt Jesus sich in Jerusalem, dann wieder in Galiläa sehen. Mal wird von Frauen berichtet, denen Jesus erscheint, mal von Petrus und dem Lieblingsjünger, mal vom Zwölferkreis, mal von den Emmausjüngern, mal von 500 Brüdern (und vermutlich auch Schwestern)…

Mal passiert’s am Ostermorgen, mal am Abend, mal 8 Tage später, dann wieder 40 Tage später. Ich verliere ja völlig den Überblick!

Person 2

Gibt es denn etwas, was allen diesen unterschiedlichen Erzählungen gemeinsam ist?

Person 1

Du meinst, ob in diesen vielen widersprüchlichen Erzählungen ein gemeinsamer Kern drinsteckt?

Person 2

Ja. Sind die Autoren sich in irgendetwas einig?

Person 1

Du hast Recht. Die Gemeinsamkeit gibt es wirklich. Die sagen alle, dass Jesus auferweckt wurde zum Leben und dass Gott ihn auferweckt hat. Und alle vier Evangelisten berichten, dass Jesus Maria von Magdala zuerst erschien.

Person 3

Gibt es denn Zeugen für die Auferweckung?

Person 1

Zeugen? Du meinst, Leute, die gesehen haben, wie Jesus auferweckt wurde?

Person 3

Ja, Zeugen halt, die dabei waren, als Jesus auferweckt wurde.

Person 1

Nein, von solchen Zeugen hab‘ ich nichts gelesen. Also richtig gesehen hat niemand, wie Gott Jesus auferweckt hat. Die Anhänger Jesu haben das nur geglaubt; gesehen, gesehen haben sie es nicht.

Person 3

Heißt das, den ersten Christen ging’s genau wie uns heute: Sie sehen nichts, sie haben keinerlei Beweise – und glauben doch?

Person 1

Na ja, Zweifel haben manche schon gehabt. Der Thomas zum Beispiel. Also ganz so einfach war es mit dem Glauben auch für diejenigen nicht, denen der auferweckte Jesus begegnete.

Person 2

Irgendwas an Jesus war ja auch anders. Maria aus Magdala denkt, sie hätte den Gärtner vor sich. Die Emmausjünger gehen mit Jesus elfeinhalb Kilometer weit, ohne ihn zu erkennen. Die in Jerusalem Versammelten denken zunächst, sie hätten einen Geist vor sich.

Person 3

Heißt das, diejenigen, die Jesus lange Zeit in Galiläa begleitet hatten, erkennen ihn zunächst nicht? Und trotzdem sind sie überzeugt, dass der Auferstandene tatsächlich Jesus ist. Was ist da geschehen?

Person 2

Je länger ich darüber nachdenke, umso weniger weiß ich, was da genau geschehen ist. Eines aber wird mir immer klarer: Was die Anhänger Jesu erlebt haben, muss mitreißend gewesen sein. Es hat ihr gesamtes Leben radikal verändert. Nach der Hinrichtung waren alle – bis auf ein paar Frauen – geflohen. Sie waren hoffnungs- und sprachlos. Dann passiert das, was die biblischen Autoren „Begegnung mit dem Auferstandenen“ nennen. Die Autoren erzählen Geschichten von einer wirklichen Erfahrung. Aber sie können diese Erfahrung selbst nicht beschreiben. Deswegen erzählen sie Geschichten. Geschichten, von denen sie in ihrer Lebenswelt davon ausgehen können, dass die Zuhörer wussten, wie sie sie zu verstehen hatten: Dass es nicht um das wörtliche Verständnis geht, sondern darum, eine ganz persönliche Erfahrung soweit irgend möglich verständlich zu machen.

Person 3

Du meinst: Die Erfahrung liegt hinter den Geschichten?

Person 2

Ja. Die Erfahrung ist eine reale Erfahrung, also keine Halluzination oder sowas. Die Geschichten sollen eine reale Erfahrung zur Sprache bringen. Vielleicht ist das ähnlich wie bei den Berufungsgeschichten der Propheten. Die erzählen ja auch in Bildern, was sie erlebt haben, weil sie das Ereignis der Berufung selbst offensichtlich nicht erzählen können. Dafür haben sie keine Sprache.

Sie konnten es erleben – aber das Erlebte nicht so darstellen, wie sie es erlebt hatten – und mussten dafür dann eben die Mittel wählen, die ihnen zur Verfügung standen. Vielleicht kann man sich das so ähnlich vorstellen wie mit einem Foto: es kann noch so gut sein, aber es bleibt immer zweidimensional. Was wirklich geschehen ist, kann es nicht wiedergeben.

Was hier geschehen ist, ist von Gott gewirkt und wir – und eben auch die Verfasser der Auferstehungsberichte - können es mit unseren menschlichen Mitteln nicht „reproduzieren“. Deshalb haben sie Formen gewählt, mit denen wir umgehen können – im vollen Wissen, dass es dem Geschehen nicht wirklich gerecht werden konnte. Und auch die Zuhörer konnten wissen, um was für eine Darstellungsform es sich handelt, die sich auch von der Absicht her ähnlich unterscheidet wie ein Frühlingsgedicht von einem Wetterbericht.

Person 3

Könnte das der Grund dafür sein, dass die Autoren im Neuen Testament immer wieder die leibliche Auferstehung Jesu betonen? Damit es ja kein Missverständnis darüber gibt, dass diese Auferweckung vom Tod eine Realität ist und keine Phantasie?

Außerdem war die Leiblichkeit der Auferstehung wichtig, denn für einige Zeitgenossen, die Gnostiker, war ja undenkbar, dass ein Gott sich mit der bösen Welt, mit der Materie verbinden könnte. Genau das aber hatte ja Jesus getan – er kam als Mensch, als einer von uns, in diese Welt.

Deswegen also ist die Betonung der leiblichen Auferweckung so wichtig. So dass der Thomas im Johannesevangelium sogar seine Finger in die Wunden Jesu legen kann. Oder dass Jesus Fisch isst.

Person 1

Gut, das habe ich nun ein wenig verstanden. Woher aber wissen Maria von Magdala und die Frauen und die Jünger, dass sie Jesus vor sich haben?

Person 2

Das dürfte der zweite Grund sein, weswegen die leibliche Auferstehung betont wurde. Damit wurde untermauert, dass der irdische Jesus und der Auferstandene ein und dieselbe Person sind. Der irdische Jesus ist der auferweckte Jesus.

Person 3

Hmm, der irdische Jesus ist der von Gott aus dem Tod auferweckte Jesus. Das haben die Jünger und Jüngerinnen erfahren. Das haben sie weitererzählt. Aber einen Beweis dafür gibt es nicht. Oder?

Person 2

Nein, wir haben keinen Beweis dafür, dass er ihnen so begegnet ist, wie wir, Du und ich, uns hier begegnen. Aber wohl einen Beweis dafür, dass es eine gewaltige und folgenreiche Erfahrung nicht nur bei einem, sondern bei vielen Menschen gewesen sein muss. Ich glaube, an diesem Punkt müssen wir uns entscheiden, ob wir uns der Bedeutung, der "Gewalt" dieser geschilderten Erfahrung anvertrauen wollen. Wollen wir glauben oder nicht?



Erika Kerstner, Olaf Bühler und Hein Kerstgens