Anspiel

Jesus und Barabbas

Zu Beginn des Gottesdienstes baut sich vor der Kommunionbank auf der Seite der Sakristei eine Gruppe von Menschen auf, die Jesus Tod fordern:

Während der Rufe "Er muss sterben… ans Kreuz mit ihm…" schlägt jemand unsichtbar einen Nagel in ein Kreuz oder Holzstück.

Während der Verurteilungstexte steht Jesus vor dem Ambo und regt sich nicht.

Person 1

Jesus, du untergräbst unsere althergebrachte Institution der Familie und der Sippe. Du zersetzt unsere heiligsten Werte! Wer Familie und Sippe untergräbt, zerstört die Grundlage unserer Gesellschaft!

Alle

Er muss weg! Weg mit ihm! (mehrfach, durcheinander)

Person 2

Wir sind das auserwählte Volk Gottes, – und nur wir! –. Du, Jesus, tust so, als wäre Adonaj nicht nur unser Gott, sondern auch der Gott anderer Völker. Sind wir nicht mehr wert als alle Heiden?!

Person 3

Weißt du noch – die Geschichte mit dem barmherzigen Samariter? Einen Ungläubigen setzt du uns als Vorbild vor. Und so nebenbei beleidigst du noch unsere Priester und nennst sie unbarmherzig. Du untergräbst die Autorität unserer Priester!

Alle

Schafft ihn beiseite! (mehrfach, durcheinander)

Person 4

Am Sabbat heilst du! Du relativierst diesen Tag! Du hältst ihn nicht heilig, wie wir das tun! Wo soll das hinführen? Wo soll das noch enden, wenn dir nicht einmal mehr der Sabbat heilig ist!?

Person 5

Du hast die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel getrieben. Das ist ein Angriff auf die Wirtschaftsregion Jerusalem! Wenn es nach dir geht, bricht das Geschäft der Zulieferer von Opfertieren zusammen! Das kostet Arbeitsplätze im ganzen Großraum Jerusalem! – Ist dir das egal, Jesus? Dass du auch die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hast, ist ein Angriff auf unsere Zentralbank! Zuletzt noch: Wir Sadduzäer leben von den Konzessionen der Händler und Geldwechsler, wir leben von den Opfertieren – du zerstörst auch unsere wirtschaftliche Existenz!

Alle

Ans Kreuz mit ihm! (mehrfach, durcheinander)

Person 6

Aber es ist ja noch schlimmer. Es geht ja nicht nur um unser Wirtschaftssystem, es geht ja auch um unseren Glauben. Du greifst unseren Glauben an, wenn du sagst, wir hätten aus dem Tempel eine Räuberhöhle und Markthalle gemacht. Du tust so, als dürfe sich jeder Jude und sogar jeder Heide Gott nähern, ohne Opfergabe, ohne Geld! Als wäre Gottes Heil umsonst zu haben. Als bräuchten wir Gott nichts zu opfern!

Person 7

Du sägst an dem Ast, auf dem wir Priester sitzen! Sünden hast du vergeben, Jesus! Das aber kann nur Gott. Und dazu braucht es uns Priester. Wir Priester vermitteln zwischen Mensch und Gott! Ohne uns gibt es keine Nähe zwischen Gott und Mensch.

Alle

Die Römer sollen ihn kreuzigen! Ans Kreuz mit ihm! (mehrfach, durcheinander)

Als Verurteilter geht er durch die Gruppe der anklagenden Menschen und Barabbas kommt und setzt sich an die Stelle, an der Jesus gestanden hat.

Barabbas

Ich bin Barabbas, Jesus Barabbas, in eurer Sprache: Jesus Sohn des Vaters, Sohn des Herrn. Später wird man über mich schreiben, dass ich ein Räuber und Mörder war. Manche aber werden sich daran erinnern, dass ich ein Rebell war. Ich habe für die gute Sache gekämpft, ich wollte mein Land von den Römern, diesen Ausbeutern und Unterdrückern befreien. Wir waren eine starke Truppe und auch nicht zimperlich im Umgang mit den Unterdrückern. Klar, dass da der Eine oder Andere auch dabei draufgegangen ist. Wegen Totschlag hat man mich dann auch zum Tode verurteilt. Da machen die Römer bei uns Rebellen kurzen Prozess.

Von diesem Jesus, den man den Messias nennt, habe ich immer wieder gehört. Seine Wunder waren schon beeindruckend, aber ganz ehrlich, mit Frauen und Dirnen durch die Gegend zu ziehen, sich dann auch noch mit Steuereintreibern anzufreunden und die Hohenpriester in Frage zu stellen, ist mehr Provokation als unsere Hinterhalte und Waffen. Damit hat er sich die Sadduzäer und die Römer zum Feind gemacht. Diesen Feinden kann man doch nicht mit Menschenfreundlichkeit begegnen, auch nicht wenn man noch so klare Worte spricht. Dieser Macht hat er doch mit Freundschaft und Liebe nichts entgegenzusetzen. Auf diese sanfte Tour kann ich kein Volk retten.

Und dann setzt er in der Verhandlung dem ganzen noch eine Krone auf und bezeichnet sich selbst als König. Wie dumm kann man denn sein? Das ist Hochverrat. König wird man von des Kaisers Gnaden! Und er behauptet Gott habe ihn zum König der Juden gemacht. Gott habe ihn gesandt, damit das Volk Freiheit erlange. Schlimmer kann man seine Situation ja nicht machen.

Kein Wunder, dass das den Menschen Angst macht. Für sie ist das Gotteslästerung. Darum brüllen sie auch alle „Ans Kreuz mit ihm“. Trotzdem war er, einer der die Welt mit göttlichen Worten und Wunderheilungen verbessern wollte, politisch gesehen für die Römer keine große Gefahr. Fromme Rufer gibt es viele im Land. Auch wenn da ein paar Hungerleider und Ausgestoßene hinterherlaufen, politisch bewegt sich da gar nichts. Den Römern wäre mehr geholfen, wenn sie mich ans Kreuz bringen. Jesus, der Nazarener, konnte sie nicht beunruhigen.

Die Sadduzäer haben in ihm eine Gefahr gesehen. Er hat ihnen das Bild von Ihrem Gott durcheinandergebracht. Der Gott, der sie auserwählt hat und dessen einziges Volk sie waren. Und er hat auch ihren Tempelkult in Frage gestellt. Das hat ihre Position gefährdet und auch die Einnahmen der Tempelsteuer fragwürdig gemacht. Das hat sogar Pilatus erkannt. Sie hatten Angst, dass das Volk gegen sie aufgebracht wird. Sie sahen ihr Amt, ihre Stellung in Frage gestellt. So einen Aufwiegler können die in ihren Reihen nicht brauchen. Pilatus hat das schon erkannt: Sie kreuzigen den Falschen. Pilatus hat gemerkt, dass dieser Jesus ein ganz besonderer Mensch war und dass er eine unglaubliche Botschaft hat. Ich glaube, er hat sich sogar davor gefürchtet diesen Jesus, zu verurteilen, ihn ans Kreuz zu schlagen.

Ich bin nun frei und irgendwie berührt er mich jetzt, dieser Jesus. Er wirkt in seiner Schwachheit so, als wäre er unangreifbar und stark. Als würden über ihn höhere Gedanken gedacht, als wäre da eine andere Macht, die diesen seinen Weg bestimmt. Er schien sich so sicher, dass dies sein Weg ist, der Weg von Gott vorgegeben.

Was mich ganz besonders berührt: Dieser Jesus, der sich König nennt, ist für mich, den Rebellen, den Sünder und Totschläger, gestorben.



Erika Kerstner und Erika Gerken