Isenheim und die Antoniter

Die Tordurchfahrt im Torgebäude des Antoninterklosters Isenheim
(Zustand 1987).

"Es gibt wohl kaum eine Antoniterniederlassung, die so eifrig durchforscht worden ist wie die in Isenheim."

So der wohl beste Kenner des Antoniterordens, Adalbert Mischlewski. Vor allem Kunsthistoriker waren es, die sich der Präzeptorei annahmen, hoffte man doch aus der genaueren Kenntnis der Verhältnisse um das Isenheimer Haus, einen besseren Zugang zum "Rätsel Grünewald" zu finden.

Schwierige Fragestellung

Auf diesem Hintergrund mutet es dann seltsam an, dass eine Monographie über das Antoniterspital in Isenheim bis heute auf sich warten lässt - schon ein erster Hinweis auf die Schwierigkeit des Unterfangens, sich den Antonitern als Ordensgemeinschaft zu nähern. Es gibt neben ihnen kaum einen Orden von europäischer Bedeutung, dessen Quellen so weit verstreut und so schwer auszulegen sind.

Der Kontinuitätsbruch durch die Reformationszeit trägt ein übriges dazu bei, die Sachlage zu verunklären. Quellen aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert oder gar noch späterer Zeit lassen sich zur Beurteilung der mittelalterlichen, vorreformatorischen Verhältnisse kaum noch heranzuziehen. Sogar im Orden selbst herrschte in späterer Zeit krasse Unkenntnis über die eigene Vergangenheit.

Nichtsdestoweniger lässt sich folgendes über die Niederlassung der Antoniter in Isenheim sagen:

Ursprünge der Isenheimer Präzeptorei

Vermutlich reichen die Anfänge der nachmaligen Isenheimer Antoniterpräzeptorei auf das das beginnende 13. Jahrhundert zurück. Eine Gründung nach 1250 erscheint als recht unwahrscheinlich . Die Lage war außerordentlich gut gewählt. Isenheim wie auch die ihm unterstellten Plätze Straßburg und Basel liegen an der alten Römerstraße Mainz-Basel, die sowohl von den Pilgern nach Santiago de Compostela als auch von denen nach Rom benutzt wurde.

Wenig wissen wir aus der ersten Zeit. Und auch während des ganzen 14. Jahrhunderts gibt es kaum verlässliche Nachrichten. Vermutlich finden sich auch in Isenheim, wie in den anderen deutschen Ordenshäusern, ausschließlich Franzosen als Präzeptoren. Dies sollte den Zusammenhalt der einzelnen Niederlassungen mit dem Mutterhaus in Saint-Antoine gewährleisten und dem Auseinanderdriften des stark zentralistisch aufgebauten Ordens entgegenwirken. Schwierigkeiten machten im 15. Jahrhundert eine Reihe innerer und äußerer Spannungen, die ein Aufblühen des Isenheimer Hauses weitgehend verhinderten.

Jean Bertonneau und Johann Colick

Einen Aufschwung erlebte die Präzeptorei unter Jean Bertoneau, der als Nachfolger seines Onkels Aymeric Segaud erstmals im Oktober 1437 als Präzept nachzuweisen ist. Er war ein ungemein rühriger und diplomatisch hochbegabter Mann, der sogar im diplomatischen Dienst des französischen Königs Karl VII. in Innsbruck und Wien tätig war. Trotz seiner politischen Tätigkeit und vielfältigen humanistischen Interessen fand er noch genügend Zeit, sich tatkräftig um den Wiederaufbau der durch den burgundisch-österreichischen Krieg und die Armagnakeneinfälle schwerbeschädigten Häuser seiner Präzeptorei zu kümmern.

1446 hatte er die Antoniterkirche in Straßburg neu bauen und das dortige Spital Instand setzen lassen. Den Würzburger Stützpunkt, den bereits einer sein Vorgänger gekauft hatte, vergrößerte er. In Würzburg verstarb er auch unerwartet am 10. Oktober 1459 und wurde dort beigesetzt.

Nach seinem Tod erlangte zum ersten Mal ein Deutscher das Amt des Präzeptors von Isenheim. Johann von Colick - auch: von der Colecken - aus Cleve verdankte die Stelle vor allem päpstlicher Protektion. Pius II. hat die Antoniterpräzeptorei seinem Günstling verliehen. Nachdem Colick sich allerdings schon zuvor um die Präzeptorei in Köln beworben hatte, verließ er 1463 Isenheim und wurde Leiter der Generalpräzeptorei Roßdorf-Höchst, der das Kölner Haus unterstellt war.

Jean d'Orlier

Mit Jean d'Orlier betritt einer der beiden Männer die Bühne, der im Zusammenhang mit dem Isenheimer Altar immer wieder genannt werden. Leider wissen wir über ihn weit weniger als über viele seiner Vorgänger. In Ferrara, der 'ersten modernen Stadt Europas', einem der bedeutendsten Zentren des Humanismus, dürfte er Pius II. kennengelernt haben. 1464 übernimmt er die Isenheimer Präzeptorei.

Geschickt leitete er das Haus, kümmerte sich intensiv um die Außenstellen und pochte energisch auf die Rechte der Niederlassungen.

In Isenheim ließ er das "Vestibulum", eine Vorhalle am Chor der Antoniterkirche, errichten. Von Martin Schongauer, der damals in Colmar arbeitete, ließ er in den siebziger Jahren Altarflügel malen, die sich heute im Unterlindenmuseum in Colmar befinden. Gegen Ende seiner Amtszeit plante er - möglicherweise mit Martin Schongauer zusammen, der einige Stiche mit den entsprechenden Themen hinterlassen hat - das Retabel für den Hauptaltar der Präzeptoreikirche. Vielleicht gab er auch noch den Auftrag dazu.

Am 23. Juni 1490 legte er sein Amt aus unbekannten Gründen nieder. Damit verlieren sich seine Spuren. Da in Antoniterniederlassungen Präzeptoren in der Regel nur resignierten, wenn es ihnen die Amtsausübung aus Alters- und Gesundheitsgründen unmöglich geworden war, geht Mischlewski von einem früheren Todesdatum, als dem gemeinhin überlieferten "um 1500" aus.

Guido Guersi

Bereits im Jahre 1480 begegnen wir in Isenheim dem Sakristan Guido Guersi. Er wurde nun Nachfolger Jean d'Orliers. Guersis Herkunft, Bildung, geistige Interessen, selbst sein Wirken innerhalb des weiträumigen Gebiets seiner Generalpräzeptorei bleiben völlig im Dunkeln. Lediglich die Spuren, die er in Isenheim hinterlassen hat, sind für uns greifbar.

Guido Guersi muss schon bald nach seinem Amtsantritt damit begonnen haben, die Sakristei, die Kirchengewölbe, die Erweiterung von Haupt- und Seitenschiffen, die Westfassade und den Glockenturm errichten zu lassen. Bereits 1493 wird ein neues Chorgestühl angeschafft. Darüber hinaus verdanken eine Reihe Bilder und fast alle liturgischen Gewänder der Antoniterpräzeptiorei Isenheim ihre Entstehung seiner Initiative. Der unter Jean d'Orlier konzipierte und vielleicht sogar schon in Auftrag gegebenen Altar für die Kirche in Isenheim wurde während seiner Amtszeit und wohl auch mit seiner intensiven Begleitung von den Meistern Nikolaus Hagenauer und Mathis Gothart Neithart, genannt Matthias Grünewald, ausgeführt.

Die großen Bauvorhaben waren noch nicht abgeschlossen, da starb Guido Guersi am 19. Februar 1516. Ob der Altar bereits vollendet war, entzieht sich unserer Kenntnis.

Der Niedergang

Schon 10 Tage nach Guido Guersis Tod wurde Antoine de Langeac, der bereits im Besitz der Generalpräzeptorei Frugères sowie der dieser unterstellten Präzeptorei Saint-Amant war, durch Eingreifen Leos X. - unter Beibehaltung seiner bisherigen Pfründe - Präzeptor von Isenheim.

Obwohl die Mittel spärlicher wurde, setzte er die Ausschmückung der Präzeptorei fort. Hans Holbein der Ältere arbeitete von 1517 bis 1524 in der neuen Antoniuskirche und soll auch geplant haben, Isenheim zu seinem Altersruhesitz zu machen.

Auch unter Langeacs Nachfolger, Théodore de Saint-Chamond, dauerten die Arbeiten noch an. Als der Bauernkrieg in Saint-Chamonds letzten Lebensjahren auch über Isenheim - wenn auch glimpflich - hinwegstürmte, war dies allerdings der Vorbote einer neuen Zeit. In der Folge der Reformation begann eine der finanziellen Hauptquellen der Antoniter zu versiegen. Alle Außenstellen mitsamt ihrem Besitz gingen zudem in den folgenden Jahren verloren.

Deutliches Zeichen des Niedergangs war, dass es ein Jahrzehnt dauerte, bis in Johannes Burckard ein Nachfolger für Saint-Chamond gefunden wurde. Burckard war darüber hinaus kein Antoniter, sondern Dominikaner.

Als im Jahre 1777 der Antoniterorden in den Malteserorden inkorporiert wurde, war von der einstigen Blüte des Isenheimer Hauses kaum noch etwas übrig geblieben. Den endgültigen Schlusspunkt setzte im Jahre 1793 die Französische Revolution.

Krankensaal und OP

Weiterführende Informationen zu folgenden Themen: Anfänge im Dunkeln - Isenheim bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts - Jean Bertonneau - Johann Colick - Jean d'Orlier - Guido Guersi - Bauernkrieg, Reformation und Revolution.

Anmerkungen

1) Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 260.

2) Vgl.: Heinrich Alfred Schmid, Die Gemälde und Zeichnungen von Matthias Grünewald. Straßburg 1911; L. Réau, Matthias Grünewald. Nancy-Paris 1920; W. K. Zülch, Der historische Grünewald. München 1938; und G. Troescher, Die Entstehung des Hochaltars der Antoniter-Praezeptorei zu Isenheim. In: Giessener Beiträge zur Kunstgeschichte 2,1972, S. 51-101.

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