Das "Heilige Feuer" oder "Antonius Feuer"

In den beiden letzten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts wurden weite Landstriche Westeuropas von einer Krankheit heimgesucht, die man wegen ihres spürbarsten Symptoms, der heftigen brennenden Schmerzen, meistens 'ignis sacer', 'Heiliges Feuer', nannte.

Eine Krankheit mit lange unbekanntem Grund

Mutterkorn.

Als erster hatte wohl Tuillier, der Leibarzt des Herzogs von Sully in Angers im Jahre 1630 erkannt, dass sich dahinter das Mutterkorn  verbergen dürfte, jenes harte, in bis zu 4 cm große, schwarzviolette hornartig aus der Ähre herausragende Dauermyzelgeflecht des Mutterkorn-Pilzes ('Claviceps purpurea'), das in Fruchtknoten bzw. im Korn des Getreides, besonders des Roggen, zu finden ist. Reiner Marquard weist übrigens auf den mythologischen Ursprung der Bezeichnung "Mutterkorn" hin.

Der genaue Grund der Krankheit wurde erst im 18. Jahrhundert eindeutig identifiziert und wissenschaftlich nachgewiesen. Eine von der Société Royale de Médicine de Paris eingesetzte Kommission erarbeitete die 'Recheres sur le feu Saint-Antoine', die in der Sitzung vom 31. Dezember 1776 genannter 'Société' vorgetragen wurden.

Zwei große Mutterkörner an einer Roggenähre.
 (Quelle: Informationsdienst Wissenschaft)

Ein Schlauchpilz - die "Claviceps Purpurea"

Der Lebenszyklus des Mutterkorn-Pilzes ist sehr kompliziert. In seinem Zusammenhang werden unter anderem in reifenden Getreidekörnern Fruchtkörper ausgebildet, die als Sklerotien bezeichnet werden. Sie tragen Sporenträger des Pilzes. Zur Reifezeit des Pilzes fallen die Sklerotien aus, bleiben über Winter im Boden und keimen im Frühjahr. Durch den Wind werden die Sporen des Pilzes dann auf die Narben der Roggenblüten übertragen.

Durch ins Mehl gelangtes, gemahlenes Mutterkorn tritt nun die schwere Vergiftungserkrankung auf. Auffallend ist, dass alle Epidemien im frühen Herbst ausbrachen, wenn nämlich der Roggen der neuen Ernte vermahlen und verbacken wurde.

Formen der Krankheit

Im Frühjahr wachsen aus dem Mutterkorn Pilzfäden, die an der Erdoberfläche Fruchtkörper mit Sporen bilden.
(Quelle: Informationsdienst Wissenschaft)

Bei entsprechend starker Dosis führte die Mutterkornvergiftung zur Gefäßverengung und Gewebstod in den Extremitäten ("Ergotismus grangraenosus"). Dies ist die häufigere Form, die vor allem in Frankreich vorkam und das eigentliche "Heilige Feuer" oder "Antonius Feuer" darstellt.

Eine zweite Form ist der sogenannte "Ergotismus convulsivus". Hier treten heftige und schmerzhafte tonische Krampfanfälle auf, die zu Kontrakturstellungen der Extremitäten führen. Diese Form ist unter dem Namen "Kribbelkrankheit" bekannt geworden und wurde hauptsächlich in Deutschland und Russland beobachtet.

Erst durch den Siegeszug der Kartoffel als Grundnahrungsmittel wurde die Kausalkette von jeweiliger Roggenernte, Vermahlen und Verbacken des Pilzes durchbrochen. Dank moderner Mühlentechnologie und entsprechender Reinigungsverfahren ist die Krankheit in unseren Breiten heute nahezu ausgerottet. Überwachung des Mutterkornanteils im Brotgetreide und die Entfernung des Mutterkorns vor dem Mahlvorgang, die Überprüfung des Mehls durch mikroskopische, colormetrische und chemische Untersuchungen gehören heute zu den selbstverständlichen Standards in den Mühlen. Auch ist durch Saatgutbeheizung das Auftreten von Mutterkorn außerordentlich selten geworden. Nichtsdestoweniger wurde beispielsweise am 13. August 1951 im südfranzösischen Ort Pont-Saint-Esprit in der Provence (Département Gard, Arrondissement Nîmes) mutterkornvergiftetes Brot verkauft. Der Vorfall führte zu über 200 Erkrankungen und einigen Todesfällen.

Bedeutung und Verlauf der Krankheit

An Mutterkornvergiftung erkrankter Mensch.
Detail aus Pieter Bruegels des Älteren Gemälde "Der Kampf zwischen Karneval und Fasten"
(um 1559, Öl auf Eichenholz, 118 × 164,5 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien)

Die Erkrankungen in Pont-Saint-Esprit geben nur einen schwachen Eindruck von der Bedeutung, die die Krankheit in den vergangenen Jahrhunderten gehabt haben muss.

Das frühe Mittelalter erlebte eine stürmische Ausdehnung des Roggenanbaus, der im späten Mittelalter die bisweilen wichtigste Getreideart in Mitteleuropa war.

Die Chroniken der Zeit schildern das Ausmaß der Leiden. Am deutlichsten zeichnet der Benediktinermönch Sigebert von Gembloux (um 1030-1112) in seiner 'Chronica' das Krankheitsbild wieder:

"1089. Es war ein Seuchenjahr, besonders im westlichen Teil Lothringens, wo viele, deren Inneres das Heilige Feuer verzehrte, an ihren zerfressenen Gliedern verfaulten, die schwarz wie Kohle wurden, Sie starben entweder elendig, oder sie setzten ein noch elenderes Leben fort, nachdem die verfaulten Hände und Füße abgetrennt waren. Viele aber wurden von nervösen Krämpfen gequält ."
(Zitiert nach: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 256.)
Das Originalzitat gibt Mischlewski wie folgt an:

'Annus pestilens, maxime in occidentali parte Lotharingiae, ubi multi, sacro igne interiora consumente computrescentes, exesis membris, instar carbonum nigrescentibus, aut miserabiliter, moriuntur, aut manibus et pedibus putrefactis truncati, miserabiliori vitae reservantur, multi vero nervorum contractione distorti tormentantur.' (MGH, SS. 6, 366.)
(Zitiert nach: Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 281.)

In einem weiteren zeitgenössischen Dokument heißt es:

"Viele Menschen wurden von einer verheerenden Seuche, dem heiligen Feuer, dahingerafft oder verkrüppelt. Die brandige Vergiftung verzehrte ihre Glieder elendiglich. Gegen diese Höllenqualen, diese Geißel der Menschheit, weiß man kein besseres Mittel, als die Hilfe des heiligen Antonius zu erflehen und sich unter seinen Schutz zu stellen."
(Charbert, 1090, zitiert nach: Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996) 38)

Ergotismus und die Antoniter

... die Gliedmaße fallen ab.

Hier wird auch schon genannt, wovon die Menschen damals Hilfe erwarteten. Zuflucht suchte man in einer gesteigerter Reliquienverehrung und in Massenwallfahrten zu den entsprechenden Heiligtümern.

Der Heilige Antonius war Anfangs allerdings nur einer von vielen, von dem man Heilung erhoffte. Eine ganze Reihe von Heiligen wurde um Hilfe angerufen: der Heilige Martial, die Heilige Genoveva, die Gottesmutter selbst und der Heilige Antonius waren dabei die herausragenden Nothelfer in einer Reihe weiterer Heiliger. Dass Antonius, der Einsiedler aus der ägyptischen Wüste, in kurzer Zeit alle andren überflügelte und letztlich zum Namenspatron des sogenannten "Antonius-Feuers" wurde, hängt vor allem damit zusammen, dass in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts eine kleine Gemeinschaft aus Laienbrüdern in Saint-Antonine im Département Isère, Arondissement und Canton Saint-Marcellin, entstanden war. Dort wurden seit einigen Zeit die angeblichen Reliquien des Mönchsvaters Antonius verwahrt und verehrt. Die immer größere werdende Zahl gesunderer und kranker Pilger ließ nun eine Bruderschaft entstehen, die sich der Versorgung der Pilger annahm. Schon bald wurde ein eigenes Spital errichtet, dessen überliefertes Gründungsdatum um das Jahr 1095 einiges an Wahrscheinlichkeit für sich hat. So wurde der Heilige Antonius recht bald zu dem heiligen Fürsprecher in Sachen Ergotismus schlechthin.

Literaturhinweise

Die Hintergründe beleuchten:
Adalbert Mischlewski, Grundzüge der Geschichte des Antoniterordens bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts (Unter besonderer Berücksichtigung von Leben und Wirken des Petrus Mitte de Capraris). (= Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 8) (Köln, Wien 1976)
Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und Isenheim, in: Max Seidel, Mathis Gothart Nithart Grünewald, Der Isenheimer Altar (Stuttgart 1973) 256-266, 281-288. Hier besonders 256 und 281.
Reiner Marquard, Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar - Erläuterungen, Erwägungen, Deutungen (Stuttgart 1996). Hier besonders 37-39.
Justus Friedrich Karl Hecker, Geschichte der neueren Heilkunde (Berlin 1839) 287-349.

Anmerkung

1) Vgl.: Justus Friedrich Karl Hecker, Geschichte der neueren Heilkunde (Berlin 1839) 287-349, hier besonders 319-320.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Str. 54, 76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.