"So sollt ihr Beten" (Mt 6,9) - Gottesdienst und Gebet

Beten im Gottesdienst, Fürbitten, Sprache des Gebetes, zur Rolle des Vorstehers der Feier. Und was soll Latein?

Irgendwie mutet es schon seltsam an, im Zusammenhang mit gottesdienstlichem Feiern noch einmal extra über das Gebet zu sprechen: Gottesdienst ist doch schließlich Gebet.

Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Natürlich sind all unsere Gottesdienste auf Gott hin ausgerichtet und gehören demnach irgendwo auch zum Beten des Christen. Aber dennoch ist Liturgie schließlich sehr vielschichtig: Da gibt es Verkündigungsteile, Segnungen, Sakramentenspendung und vieles mehr.

Es gibt aber auch Teile, die explizite Gebete darstellen und das mit einer ganz fest gefügten Struktur. Diese sogenannten Orationen wollen wir uns jetzt anschauen, weil gerade diese feste Form einiges über die gewachsenen Strukturen unserer Liturgie verrät und weil ihre oftmals altertümlich anmutende Art meist auch viel dazu beiträgt, dass die überkommene Form Gottesdienst zu feiern nicht mehr verstanden wird und auch entsprechend Ablehnung erfährt.

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Alle Teile des Gottesdienstes werden vom Gebet geschlossen

Dabei gilt es vorauszuschicken, dass jede gottesdienstliche Feier und genauso jeder größere relativ geschlossene Abschnitt der Messe mit solch einer Oration endet.

Bei der Messe sind dies das Tagesgebet, das den Einleitungsteil beschließt, das sogenannte Allgemeine Gebet, die Fürbitten, die das Ende des Wortgottesdienstes anzeigen, das Gabengebet zum Abschluss der entsprechenden Vorbereitungen für das eucharistische Hochgebet, sowie das Kommunion-, bzw. Schlussgebet, das den Kommunionteil zusammenbindet.

Dahinter steht der Gedanke, dass wir immer zuerst hören, erfahren, mit Imagination und Geist gefüllt werden und den Glauben neu beleben, bevor wir uns im Gebet zurückwenden zu Gott.

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Das Tagesgebet als Kollekte

Das "Tagesgebet" heißt nun so, weil es jeweils auf den Inhalt des entsprechenden Festtages oder auf das Anliegen des jeweiligen Gottesdienstes an diesem Tag hin formuliert wurde. Es ist eben - so kann man verkürzend sagen - für jeden Tag anders.

Vielsagender ist hier die lateinische Bezeichnung. Im Lateinischen heißt das Tagesgebet "Collecta". Es ist ein Gebet, das sammeln möchte: die Gedanken, die im Eröffnungsteil der Messe eine Rolle spielten, alles was die mitfeiernden Menschen jetzt im Blick auf diesen Gottesdienst bewegt, und das, was den entsprechenden Festtag etwa auch ausmacht, all dies soll jetzt, zum Abschluss des Eröffnungsteiles gleichsam zusammengebunden und vor Gott gebracht werden.

Das ist ein hoher Anspruch, dem man eigentlich nur gerecht werden kann, wenn man zuerst das entsprechende, von der Liturgie vorgegebene Tagesgebet anschaut, und die Gestaltung des Eröffnungsteiles ganz auf dieses Gebet hin ausrichtet.

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Selbstgestrickte Tagesgebete

Neben der Möglichkeit, eben vom vorgegebenen oder einem aus dem Messbuch ausgewählten Tagesgebet auszugehen, gibt es natürlich prinzipiell auch den Weg, all das, was bei einem entsprechend vorgesehenen Einstieg in den Gottesdienst und der spezifisch zusammengesetzten Gottesdienstgemeinde nun im Raum steht, in einem eigens dafür formulierten Gebet zu bündeln.

So wird es ja vielerorts bei Gruppen- und Sondergottesdiensten gehalten. Dies ist ein sicherlich gangbarer Weg, dem eigentlich nur entgegensteht, dass er verboten ist. Das Tagesgebet ist explizit aus dem Messbuch zu wählen und nicht der Beliebigkeit des Zelebranten bzw. eines entsprechenden Vorbereitungsteams anheim gestellt.

Was natürlich nicht heißt, dass es nicht immer wieder gemacht wird. Und warum denn auch nicht! Ich weiß, man kann darauf selbstverständlich ganz kurz einwenden: 'Weil es eben nicht erlaubt ist!' Nur ist nicht alles, was erlaubt ist, auch immer sinnvoll. Und nicht alles, was nicht erlaubt ist, ist immer gleich unsinnig.

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Wer spricht das Gebet?

Das führt uns gleich zur nächsten Problematik: der Frage nämlich, wer dieses Gebet vorträgt.

Auch darauf lässt sich ganz kurz sagen, dass das Tagesgebet mit dem Gaben- und Schlussgebet zur Gruppe der "Orationen" gehört, die stets "Präsidialgebete", also Amtsgebete des Vorstehers der entsprechenden Feier sind. Dementsprechend hat er sie auch immer selbst zu sprechen oder zu singen. Er kann sie nicht auf einen anderen, keinen Lektor, nicht einmal einen Konzelebranten, delegieren.

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Die geschichtlichen Wurzeln dieser Vorschrift

Das liegt auch in der Geschichte begründet. "Oratio" kommt vom Wort "orare", was zugleich sprechen, predigen und verkünden bedeutet. Eine Oration ist demnach sinngemäß so etwas wie eine "Gebetsrede".

Diese Orationen waren ursprünglich natürlich nicht aufgeschrieben. Es gehörte in der alten Kirche zum wichtigsten Amtscharisma und Berufskriterium des Presbyters, den Wortdienst als Verkünder und Vorbeter vollführen zu können. Das beinhaltete zum Beispiel, dass er das Gebet entsprechend formulieren konnte.

Freilich wurden solche Gebete bald gesammelt, und zum auswendigen Vortrag dann auch niedergeschrieben und später dann, wie in unserem Messbuch, fest vorgeschrieben. Nachdem zum einfachen Vortragen aus einem Messbuch so viel Amtscharisma allerdings gar nicht mehr von Nöten ist, ist aus einer sinnvollen Übung eine eben in der Tradition wohl begründete Vorschrift und ein liturgisches Prinzip geworden, das so hoch hängt, dass man sich nicht einfach darüber hinweg setzen kann.

Allerdings kann man manchmal bei solch hochhängenden Prinzipien, wenn man schon nicht oben drüber kommt - durchaus ganz gut darunter hindurch gehen.

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Zur Kunstsprache der Orationen

Zurück aber zur Oration und ihrer Sprache. Die Orationen sind nämlich, wie Johannes Emminghaus sagt, die römischsten Formeln des ganzen Missale. Sie überraschen, seit Beginn ihres ersten Auftretens, seit etwa dem vierten - und schriftlich dann seit dem 7. bzw. 8. Jahrhundert -, durch ihren erstaunlichen Reichtum und die klassische Form. Kein überflüssiges Wort, stilsichere römische Kunstrede und Hochsprache. Schöpfungen lange tradierter lateinischer Rhetorik, die bei Literarhistorikern ob ihrer vollendeten Form allerhöchstes Ansehen genießen.

Eine gewisse Unterkühltheit des Gefühls, relativ schwere Verständlichkeit, Armut an biblisch-bildlichem Ausdruck und damit eine Fülle von Verstehens-Schwierigkeiten sind die Kehrseite der Medaille.

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Fest gefügter Aufbau

All diese Gebete folgen einem ganz festgefügten Aufbau.

Es beginnt immer mit einer Gebetseinladung. Es ist in diesem Fall die denkbar kürzeste, die im Lateinischen aus einem einzigen Wort, dem Wort "oremus" - "Lasset uns beten"- besteht. Diese Gebetseinladung gehört übrigens zu jeder Oration dazu, auch zum sogenannten Gabengebet, bei dem es die meisten Zelebranten eigenartigerweise weglassen.

Es folgt eine Gebetspause, über die die Allgemeine Einleitung ins Messbuch sagt:

"In einer kurzen gemeinsamen Stille soll sich jeder auf die Gegenwart Gottes besinnen und sein eigenes Gebet im Herzen formen. (Allgemeine Einleitung ins Messbuch, 32)"

Schweigen und Stille sind wichtige Elemente der Liturgie. Und die Gebetspause bei den Orationen ist kein fakultatives Angebot, sondern fester Bestandteil und hat hier einen konstitutiven Platz. Freileich darf sie nicht zur leeren, nicht enden wollenden Kunstpause entarten. Was nicht bedeutet, dass sie bei uns in aller Regel wohl etwas zu kurz ausfällt.

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Ein Beispiel

Wir brauchen uns jetzt natürlich nicht den weiteren Aufbau der lateinischen Orationen anzuschauen. Betrachten wir vielmehr gleich ein Beispiel einer entsprechenden Übersetzung.

Aus Gründen der deutschen Stilistik wie auch der größeren Übersichtlichkeit und leichteren Verständlichkeit wurde dabei das einheitliche, kunstvoll verschachtelte lateinische Vorbild mit seinen jeweils drei Gliedern - nämlich Gottes-Anrede, Bittformel und trinitarische Schlussformel - in drei logisch zugeordnete Hauptsätze aufgelöst.

So lautet beispielsweise die deutsche Version des Tagesgebets für den PaImsonntag:

"Allmächtiger, ewiger Gott, deinem Willen gehorsam, hat unser Erlöser Fleisch angenommen, er hat sich selbst erniedrigt und sich der Schmach des Kreuzes gebeugt."

Das ist die Gottesanrede. Es folgt die Bittformel:

"Hilf uns, dass wir ihm auf dem Wege des Leidens nachfolgen und an seiner Auferstehung Anteil erlangen."

Und das Ganze mündet in die trinitarische Schlussformel:

"Darum bitten wir durch ihn Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit;"

Gefolgt von der Akklamation des Volkes:

"Amen."

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Der Adressat der Orationen

Die frühen Orationen waren dabei übrigens stets an den Vater gerichtet. Auch heute bilden sie die absolute Mehrzahl. Und dies ist auch - obschon Jesus-Orationen und Orationen an den Heiligen Geist theologisch natürlich möglich wären, aber immer schon eine Ausnahme darstellten -, bei der Formulierung eigener Orationen eine hilfreiche Richtschnur.

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Das gemeinsame Amen

Wichtig ist, dass das Amen der Gemeinde kein überflüssiges Anhängsel bedeutet. Es ist konstitutiv für das Gebet. Die Gemeinde schließt sich dem Gebet des Priesters an, macht es sich zu eigen und gibt in der Akklamation 'Amen' ihre Zustimmung.

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Der Orantengestus

Auffallend vor allem bei diesen Orationen - wie auch beim Eucharistischen Hochgebet und dem Vater unser - ist die für unser heutiges Empfinden möglicherweise eigenartige Gebetshaltung des Priesters. Der Vorsteher verrichtet dieses Gebet schließlich im sogenannten "Orantengestus", das heißt mit leicht ausgebreiteten Armen und schräg nach oben geöffneten Händen.

Religionsgeschichtlich ist das Erheben der Hände sprechender Ausdruck des Betens zu den "Göttern oben". Die Verhaltensforschung hat uns ferner gezeigt, dass bei allen Völkern das Darbieten und Zeigen der offenen Handflächen, die also keine Waffe oder irgend etwas Schädliches mehr halten können, Friedenszeichen ist. So sind geöffnete erhobene Hände ganz allgemeinmenschlich Friedens-, Vertrauens- und Bittgesten.

Dieser im Judentum verbreitete Gebetsritus wurde von den Christen offenbar einfach übernommen und zwar sowohl für das private wie auch das Gemeindegebet. Möglich, dass ursprünglich die ganze Gemeinde in dieser Haltung gebetet hat, etwa beim Vaterunser, was allerdings leicht zu Behinderungen untereinander führen konnte. Schon bei einer Konzelebration muss man bei manchen Kollegen durchaus aufpassen, dass man nicht eigentlich unbeabsichtigterweise eine Ohrfeige verpasst bekommt.

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Und was macht man sonst mit den Händen?

Vermutlich führten solche Gründe dazu, dass nur noch der Vorsteher den Orantengestus verwandte. Die mitfeiernde Gemeinde nahm nun in der Regel andere Haltungen ein.

Das Kreuzen oder verschränken der Arme über der Brust entstand vermutlich aus ebenfalls weitaus älteren Traditionen und war seit dem 9. Jahrhundert bei den Byzantinern sogar strenge Pflicht. Gerade diese Form hat heute vor allem in romanischen Ländern eine richtiggehende Renaissance erlebt.

Das Zusammenlegen der flachen Handflächen aufeinander - ein Gestus, der nicht zuletzt durch Dürers "Betende Hände" unsterblich bleiben wird - hat vor allem im germanischen Bereich Verbreitung gefunden. Er stammt wohl aus dem Lehensrecht. Man legte seine Handflächen zusammen und reichte sie dem Lehensherren, der sie mit seinen Händen umschloss. 'Ich verspreche dir die Treue und du sicherst mir deine Hilfe und deinen Schutz zu' - dieser Gedanke verbirgt sich hinter diesem Zeichen.

Genau auf diese Weise hat sich dieser Gestus der Hingabe und Treue auch beim Versprechensritus gegenüber dem Bischof bei der Priesterweihe bis heute erhalten.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch noch die Haltung, der ineinander verschlungenen Finger, die bei uns vermutlich mittlerweile die verbreitetste sein dürfte. Sie beruht im übrigen auf nicht minder alten Wurzeln. Schon Gregor der Große berichtet beispielsweise von Benedikts Schwester Scholastika:

"Sie legte die mit den Fingern ineinander verschlungenen Hände auf den Tisch." (Dial. I,2,33)

Dies sei nur erwähnt, weil manche Kollegen immer noch meinen, dass diese Handhaltung nicht würdig genug sei, und Kinder darauf trimmen, die Hände gemäß dürer'schem Vorbild zu falten.

All diese Gesten haben in der Liturgie tiefe Aussagekraft und sind ohne Frage auch völlig korrekt. Hier muss jeder wirklich darauf schauen, was ihm persönlich gut tut. Jede Art von unnützer Gleichmacherei wäre hier von Übel.

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Gaben- und Schlussgebet

Bleibt nur noch anzumerken, dass Gaben- und Schlussgebet, im Grunde genau der Form des Tagesgebetes folgen. Einziger Unterschied ist im Prinzip, dass die trinitarische Schlussformel entfällt und durch eine christologische ersetzt wird. Sie lautet in der Regel einfach:

"Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn"

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Ein verloren gegangenes und wiedergefundenes Gebet

Von ganz eigener Art ist nun das Gebet, das den Abschluss des Wortgottesdienstes darstellt und eigentlich erst durch die Liturgiereform wieder eingeführt worden ist. Es handelt sich um das Fürbittgebet.

Jahrhunderte lang war es in unserer Liturgie aus der Übung gekommen. Dabei ist es doch seit ältester Zeit bezeugt. der Kirchenvater Justin, der um 165 das Leben ließ, berichtet beispielsweise von der Messfeier zu seiner Zeit:

"Alsdann" (nach der Predigt) "stehen wir alle insgesamt auf und verrichten Gebete" (Justin d. Märtyrer, I. Apol. 67).

In der Ostkirche hat dieses Gebet durchgängig bis auf den heutigen Tag an dieser Stelle des Gottesdienstes seinen Platz gehabt. In der lateinischen Kirche wurde es schon seit dem sechsten Jahrhundert - mit Ausnahme des Karfreitages - so nicht mehr praktiziert. Es ging irgendwie in der Kyrie-Litanei des Eröffnungsteiles auf. Erst die Liturgiereform setzte die Fürbitten wieder an ihren strukturell richtigen Ort.

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Das Gebet der Gläubigen

Interessanterweise besaß dieses Gebet an dieser exponierten Stelle zum Abschluss des Wortgottesdienstes schon seit alters her eine ganz eigene Bedeutung: Nur die Getauften und die voll in der Kirchengemeinschaft Stehenden durften an ihm teilnehmen. Man empfand es ausdrücklich als Gebet des priesterlichen Gottesvolkes.

Das deutsche Messbuch hat im übrigen neben dem Namen "Fürbitten" auch die Bezeichnung "Allgemeines Gebet" im Blick auf die Gebetsmeinung für die Anliegen der ganzen Welt, aufgenommen.

In der Allgemeinen Einleitung heißt es:

"In den Fürbitten übt die Gemeinde durch ihr Beten für alle Menschen ihr priesterliches Amt aus. Dieses Gebet gehört für gewöhnlich zu jeder mit einer Gemeinde gefeierten Messe ..." (Allgemeine Einleitung ins Messbuch, 45).

Die Fürbitten haben also in jeder Messe und nicht nur am Sonntag ihren Platz.

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Worum es zu bitten gilt

Das Messbuch gibt auch Hinweise für den Inhalt der Fürbitten: Die Anliegen der Kirche, und Bitten für die Regierenden und für das Heil der ganzen Welt, sollen darin vorkommen, dann das Gebet für alle von verschiedener Not Bedrückten und abschließend für die Ortsgemeinde.

Dies ist auch die Reihenfolge der Bitten, wie sie die Einleitung ins Messbuch vorsieht. Bei besonderen Feiern wie Firmung, Trauung, Begräbnis oder ähnlichem könne die Reihenfolge jedoch mehr den entsprechenden Anlass berücksichtigen (Allgemeine Einleitung ins Messbuch, 46).

Darüber hinaus ist der Hinweis des Liturgen Johannes Emminghaus sicher nicht unwichtig, dass das Fürbittgebet ja nicht nur als priesterliches Gebet des Gottesvolkes an dieser Stelle der Messe steht, sondern auch insbesondere als abschließendes Gebet für den ganzen Wortgottesdienst. Es kann daher nicht einfach alles unberücksichtigt lassen, was bisher in der Messe gesagt wurde und geschehen ist. So müssen die Bitten eigentlich auch auf den ganzen vorhergehenden Messteil Rücksicht nehmen, daraus resultierende Anliegen aufnehmen und natürlich auch das Festgeheimnis berücksichtigen.

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Wenn Bitten belehren wollen

Was allerdings keinen Platz in den Fürbitten hat, das sind Bitten, die gar keine Bitten sind.

Formulierungen wie: "Wir bitten darum, dass alle erkennen..." - Klammer auf - Wie wir schließlich schon lange erkannt haben - Klammer zu - solche Bitten müssen sich die Frage gefallen lassen, ob hier überhaupt um etwas gebeten werden soll, oder nicht einfach eine Ergänzung zur Predigt, ein moralischer Aufruf verlesen oder auch der Freude darüber, dass wir doch schon so gut sind, Ausdruck verliehen werden soll. Solche Quasi-Bitten haben im Gottesdienst absolut nichts verloren.

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Ausnahmsweise kein Präsidialgebet

Dass die Fürbitten von ihrem besonderen Charakter her Volksteil der Liturgie und demnach ausnahmsweise trotz ihrer Position als abschließendes Gebet eines Gottesdienststeiles kein Präsidialgebet des Vorstehers sind, ist eine weitere Besonderheit.

Das heißt nicht, dass es nicht sinnvoll sein mag, dass der Priester als Leiter des Gottesdienstes, die Bitten einleitet und abschließend gleichsam bündelt. Die Allgemeine Einleitung zum Messbuch formuliert es so:

"Es ist Aufgabe des Priesters, dieses Gebet zu leiten, die Gläubigen zum Gebet einzuladen und es zu beschließen. Die Bitten sollen vom Diakon oder Kantor oder jemand anderem vorgetragen werden. Die ganze Versammlung bringt ihr Beten durch eine gemeinsame Anrufung nach den einzelnen Bitten oder durch ein stilles Gebet zum Ausdruck." (Allgemeine Einleitung ins Messbuch, 47)

All dies heißt natürlich nicht, dass es nicht auch sinnvoll sein kann, wenn ein Lektor das ganze Gebet leitet und auch den Einleitungs- und Schlussteil übernimmt.

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Die Großen Fürbitten des Karfreitages als älteste Form

Nur ein kurzer Hinweis sei auf eine besondere Form der Fürbitten gegeben, die sich durch all die Jahrhunderte annähernd unverändert erhalten haben: Die sogenannten Großen Fürbitten am Karfreitag nämlich.

Hier hat sich die älteste Form des kirchlichen Fürbittgebetes erhalten. Einer Gebetsaufforderung mit Angabe der Intention folgt zunächst ein stilles Gebet des Volkes, das in Bußzeiten, also auch am Karfreitag, kniend verrichtet wurde, worauf der Vorsteher eine Oration als "zusammenfassendes Gebet" sprach.

Vor allem das Element des stillen Gebetes, ist dabei ein hohes Gut, das durchaus auch in der normalen Gemeindemesse seinen Raum bei den Fürbitten haben sollte.

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Gott hört nicht am liebsten Latein

Jetzt bleibt eigentlich nur noch ein Wort zur Sprache des Gebetes und damit auch zur Sprache der Liturgie nachzutragen. Diese Frage hatte sich bis zum Konzil durch die Tradition, die Messe allein in lateinischer Sprache zu feiern, ja nicht gestellt.

In nicht unbedeutenden Teilen war die Trauer über die Einführung der Landessprache nicht gering. Ein Kollege hat mir einmal - nur halb im Spaß - gesagt, dass Gott doch am liebsten Latein höre.

Ich frage mich da schon, warum er seine Gebote dann auf hebräisch erließ und sein Sohn aramäisch zur Muttersprache hatte, wie die Muttergottes im übrigen auch.

Aber Polemik beiseite: Latein hatte und hat möglicherweise auch noch seine Bedeutung als Sprache einer weltumspannenden Kirche. Es kann aber niemals Sprache einer modernen Verkündigung und auch keiner lebendigen Gottesdienste im Sinne unseres heutigen gottesdienstlichen Feierns mehr sein.

Es ist geradezu ein Gebot der Stunde, die Botschaft, die uns anvertraut ist, in das Leben und das Sprechen der Menschen zu übersetzen.

Das ist keine moderne Verfälschung, es ist vielmehr die konsequente Umsetzung der alten Wahrheit, die schon Klemens von Alexandrien im 2. Jahrhundert formulierte:

"Kommt, ich will euch die Mysterien des Logos singen, ich will sie euch singen, in Weisen, die euch vertraut."

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These 1

Das leitet über zur ersten These.

Die Sprache des Gottesdienstes muss eine verständliche Sprache sein. Dazu reicht es nicht allein aus dass die Texte auf deutsch vorgetragen werden, denn es gibt aus gestelztes und unverständliches Deutsch. Die Sprache der Menschen ist Wandlungen unterworfen und deshalb muss auch unsere Gottesdienstsprache sich wandeln können. Einzwängen in eine unnatürliche Kunstsprache fördert eigentlich nur, dass die Gebete und Texte da und dort selbständig übertragen und neu formuliert werden.

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These 2

Die Liturgiereforn, die die Landessprache erlaubte, ging davon aus, dass jeder Gottesdienstteilnehmer über so viel Kenntnis der lateinischen Akklamationen und Gebete verfügt, dass er Vater unser, Credo und die entsprechenden Antworten im Sinne einer weltweiten Gemeinschaft in einem lateinisch gehaltenen Gottesdienst mitsprechen kann. Das wäre schön, ist aber weithin ein frommer Wunsch.

Jeder, der einen Traugottesdienst mit Brautmesse schon einmal mitverfolgt hat, weiß darum, dass man heute eigentlich schon froh sein kann, wenn eine Gottesdienstgemeinde die landessprachlichen Antworten zu geben in der Lage ist.

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These 3

Wenn die Fürbitten - und damit wären wir bei einer weiteren These - die Bitten der Gemeinde sein sollen, dann müssen sie auch aus der Gemeinde herauskommen. Es bringt eigentlich wenig, wenn sich der Zelebrant einfach irgendwelche Bitten aus den Fingern saugt, oder vorgefertigte Bitten nimmt, die dann aber nicht selbst vorträgt, sondern einen Lektor vortragen lässt, damit es zumindest so aussieht, als ob dies jetzt auch wirklich die Bitten der Gemeinde seien.

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These 4

Bei aller noch so ausgefeilter Gestaltung der Texte und Gebete, darf man allerdings nicht verkennen, dass auch anderes eine Rolle spielt, als reiner Text.

Wie viele der Mitfeiernden - und oftmals der Zelebrant durchaus mit eingeschlossen - könnten denn nach einem Tagesgebet etwa wiedergeben, worum wir jetzt gerade gebetet haben?

Käme es einzig und allein auf die Worte an, müsste man Angesichts solcher Befunde verzweifeln. Aber wirkliche Teilnahme am Geschehen der Messe hängt auch an Gefühl, an Stimmungen, am sich Hineinfallenlassen in das einfache Geschehen.

Es wäre fatal wollten wir all dies auf einen rein intellektuellen Zugang reduzieren.

(Dr. Jörg Sieger)

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letzte Änderung: 12. Oktober 2003