"... ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben..." (Joh 14,16) -
der eine dreifaltige Gott

Was bedeutet das Sprechen vom dreifaltigen Gott? Glauben wir dann wirklich noch an einen einzigen Gott? Wie wirkt Gott heute? Und welche Rolle spielt der Heilige Geist?

Vom heiligen Augustinus wird erzählt, dass er am Meer spazieren ging - damals, als er an seinem großen Werk über die Dreifaltigkeit arbeitete.

Und man weiß zu berichten, wie er dort ein kleines Kind beobachtete. Das Kind hatte ein Loch in den Sand gegraben und lief nun mit einer Muschel in der Hand immer wieder zum Wasser, schöpfte mit seiner Muschel, rannte zurück und goss das Wasser in das Loch. Darauf lief es wieder zum Wasser, schöpfte und wiederholte das Ganze immer aufs Neue.

Nach einiger Zeit fragte Augustinus: "Was machst Du denn da?" Und das Kind antwortete ihm: "Ich schöpfe das Meer in dieses Loch!"

Augustinus schüttelte den Kopf und sagte: "Du kleiner Narr, das ist doch unmöglich. Du kannst das große, weite Meer, doch nicht in dieses Loch füllen!"

"Aber du bildest dir ein," meinte daraufhin das Kind und blickte den großen Gelehrten durchdringend an, "dass du das große Geheimnis der Dreifaltigkeit mit deinem Kopf erfassen kannst!?"

Ein aussichtsloses aber notwendiges Unterfangen

Diese Geschichte habe ich ganz bewusst an den Anfang des Nachdenkens über die Dreifaltigkeit gestellt, denn sie wird diese Überlegungen prägen. Ich starte hier ein Unterfangen, das an jenes Kind erinnert, das mit seiner Muschel das Meer in ein Loch füllen wollte. Es wird uns nicht gelingen. Und wir werde auch nicht besonders weit mit unserem Nachdenken kommen.

Und trotzdem müssen wir uns dieser Aufgabe stellen. Wir müssen uns mit dem Satz, dass unser Gott ein dreieiniger Gott ist, auseinandersetzen. Und das schon deswegen, weil uns andere - und allen voran unsere jüdischen Schwestern und Brüder - den Vorwurf machen, dass wir den Glauben an den einen Gott verraten hätten und letztlich an drei Götter glauben würden: Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist.

Aber nicht nur Anfragen von außen zwingen uns dazu, uns mit der Frage nach der Dreifaltigkeit zu beschäftigen. Unser Glaube ist so sehr vom Gedanken an den Vater, den in Jesus Christus menschgewordenen Sohn und dem Wirken des Geistes geprägt, dass wir uns wie selbstverständlich die Frage stellen müssen, wie diese drei miteinander "zusammenhängen", was sie verbindet und was sie für uns damit im Letzten bedeuten.

Jesus Christus als Ausgangspunkt

Es war ja nicht so, dass die Christen sich hingesetzt haben und auf einmal beschlossen, so mir nichts dir nichts plötzlich an einen dreifaltigen Gott glauben zu wollen.

Durch Jesus Christus wurden alle, die daran glaubten, dass Gott den Gekreuzigten nicht im Tod gelassen hat, von vorneherein mit der Frage konfrontiert, wer dieser Jesus nun eigentlich für sie ist, und vor allem, in welchem Verhältnis er zu Gott steht.

Und damit fing die Frage nach der Dreifaltigkeit an - mit der Frage nach Jesus Christus nämlich: Wer ist dieser Sohn? Und in welchem Verhältnis steht er zu Gott, den er selbst Vater nennt.

Im Neuen Testament liest man schließlich ganz unterschiedliche Aussagen. Einmal heißt es da, dass der Sohn und der Vater eins sind (vgl. Joh 10,30). Im Johannesevangelium finden wir aber genauso die Formulierung, dass der Vater größer ist als der Sohn (vgl. Joh 14,28).

Die Antwort des Arius

In dieser von den Evangelien vorgegebenen Spannung befand sich die christliche Theologie von Anfang an, vor allem aber mit dem Beginn des 4. Jahrhunderts.

Im ägyptischen Alexandrien begann damals nämlich ein Priester namens Arius, diese Frage kurz und bündig zu beantworten. Und er entschied sie ganz einfach folgendermaßen: Der Sohn sei nichts anderes als ein Geschöpf des Vaters. Christus sei also ein Geschöpf, so etwas wie ein Engelwesen. Und dementsprechend sei er auch nicht Gott, er stünde vielmehr deutlich unter Gott.

Diese Lehre des Arius sorgte für einen ungeheuren Sturm in der frühen Kirche. Sie brach einen Streit vom Zaun, der die Kirche nicht nur zu zerreißen drohte, sondern auch tatsächlich zerrissen hat.

Das Konzil von Nicäa

Kaiser Konstantin berief deshalb im Jahre 325 n. Chr. ein Konzil nach Nizäa. Auf ihm sollten die Bischöfe und Theologen die Frage nach dem Verhältnis von Vater und Sohn diskutieren und lösen.

Gelöst wurde das Problem allerdings nicht - zumindest nicht wirklich. Arius wurde verurteilt und seine Anhänger - die Arianer - zogen dementsprechend aus der Kirche aus.

Und dann erklärte man, dass der Sohn eben nicht unter dem Vater stehe, sondern dass beide "homo-ousios" seien. Dieses Kunstwort, das es so eigentlich gar nicht gab, bedeutet so viel wie "wesenseins".

Man sprach also davon, dass der Sohn wesenseins mit dem Vater sei. Genaugenommen wusste allerdings keiner, was damit richtig gesagt war. Was dieses "homo-ousios" nun genau bedeuten sollte, war im Grunde völlig unklar.

Nizäa ist ein Lehrstück dafür, wie viel- und nichtssagend theologische Formeln in gleicher Weise sein können. Mit dem Begriff allein war eigentlich gar nichts gewonnen. Was sollte man darunter verstehen?

Von Ruhe keine Spur

Deswegen hörten die Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Vater und Sohn nach dem Konzil von Nizäa auch nicht auf. Eine nicht zu unterschätzende Zahl von Theologen blieb im Grund dabei, dass der Sohn nicht auf der gleichen Ebene wie der Vaters stehe. Manche sagten, er sei ähnlich zu denken, wie der Vater, aber in keinster Weise diesem gleich. Wieder andere gingen so weit zu sagen, dass er schon ähnlicher Wesenheit sei, aber eben nur von ähnlicher, nicht von gleicher Wesenheit - was auch immer das bedeuten mochte.

Die Lehre des Konzils von Nizäa - dass nämlich Vater und Sohn von gleichem Wesen seien und dass der Sohn demnach wirklich Gott sei - wurde im Grunde nur von einer Handvoll Theologen wirklich vertreten. Und die waren sogar noch angefeindet. Einer von ihnen, der Kirchenvater Athanasius, wurde wegen seiner nizäatreuen Haltung sogar in die Verbannung geschickt - und das gleich fünf Mal.

Auf dem Weg zu einer Lösung

Es brauchte mehrere Jahrzehnte, um die Entscheidung von Nizäa wirklich theologisch aufzuarbeiten. Dass die Frage um das Verhältnis von Vater und Sohn schließlich einer Lösung zugeführt wurde, ist das Verdienst vor allem von drei Theologen. Wir nennen sie - ihrer Heimat Kappadozien entsprechend - die drei Kappadokier: Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz.

Inzwischen hatte man jedoch - zu allem anderen dazu - auch noch die Frage aufgeworfen, wie denn dieser Beistand, von dem Jesus Christus spricht und den er uns senden möchte, zu verstehen sei: In welchem Verhältnis steht denn der Geist Gottes zu Vater und Sohn?

Ein hilfreiches Bild

Gregor von Nazianz nähert sich dieser Frage mit verschiedenen Bildern. Eines ist das Bild von einer Quelle, die aus der Erde hervorbricht und deren Wasser sich dann zu einem kleinen Bach sammelt. Dieser Bach gräbt sich nun seinen Weg den Hang hinunter, bis weit hinein in das Tal. Und er wächst dabei, wird größer und mächtiger und wird endlich zu einem richtigen Fluss. Und so haben wir eine Quelle, einen Bach und einen Fluss. Und wir meinen, diese drei ganz deutlich voneinander unterscheiden zu können. Wir können sagen: "Da ist die Quelle, da ist der Bach und da ist der Fluss."

Und Gregor sagt, dass dies bei Gott vielleicht ganz ähnlich sei. Wir sprechen schließlich von Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Geist. Wir sagen: "Das ist das Wirken des Geistes." Oder: "Hier ist der Vater am Werk." Aber wenn wir genau hinschauen, dann geht es uns wie bei diesen drei Gewässern. Obwohl wir eine Quelle, einen Bach oder einen Fluss sehen, ist das Wasser immer das gleiche. Obwohl es drei verschiedene Gewässer sind, ist es trotzdem ein und dasselbe Wasser, das sie alle durchfließt.

Vielleicht ist es bei unserem Gott ganz ähnlich: Wir glauben, in ihm drei Personen unterscheiden zu können. Alle drei aber durchweht ein und dasselbe göttliche Wesen. Er ist ein Gott in drei Personen.

Die Formulierung des Konzils von Konstantinopel

Auf dem Hintergrund solcher und ähnlicher Überlegungen gingen die drei Kappadokier die Frage nach dem Verhältnis der göttlichen Personen an. Sie formulierten, dass Gott in diesen drei Personen existiert, aber dass dies lediglich drei Personen des einen göttlichen Wesens sind.

Im Jahre 381 n. Chr. wurde diese Aussage als Lösung der großen theologischen Auseinandersetzung des 4. christlichen Jahrhunderts auf dem Konzil von Konstantinopel für die ganze Kirche verbindlich festgelegt.

Man formulierte dort das sogenannte nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis, das wir heute als sogenanntes "Großes Glaubensbekenntnis" kennen.

Es ist das einigende Band aller großen christlichen Konfessionen und damit - neben den Schriften des Neuen Testamentes - das wichtigste Zeugnis der altkirchlichen Theologie überhaupt.

Zur Einschätzung theologischer Spannungen und Diskussionen

Ich habe das jetzt deshalb so breit entfaltet, damit man ein wenig nachvollziehen kann, wie sich das Sprechen von diesem Gott - der in Vater, Sohn und Geist existiert, aber dennoch nur eines Wesens ist - entwickelt hat. Wenn man dies nämlich tut, dann kann man aus dieser Entwicklung einiges lernen.

Oftmals stellt man sich die Geschichte der Theologie nämlich viel zu einfach vor. Die Theologie ist aber nicht vom Himmel gefallen. Sie ist der Versuch, mit den unzulänglichen Methoden des menschlichen Verstandes das unsagbare Geheimnis Gottes ins Wort zu bringen.

Und dieser Versuch war immer und zu allen Zeiten von zähem Ringen und endlosen Diskussionen geprägt. Bereits nach dem ersten großen Konzil in unserer Kirche haben sich die Theologen über ein halbes Jahrhundert um die Wahrheit gestritten - und das im wahrsten Sinne des Wortes!

Das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir die gegenwärtigen theologischen Diskussionen betrachten. Die sind nichts Abartiges und auch nichts Furchtbares - und erst recht kein Zeichen unserer Zeit. Sie sind Ausdruck eines Suchens und Ringens nach der Wahrheit, die Jesus Christus selber ist - eines Ringens, das es zu allen Zeiten in der Kirche gegeben hat, heute genauso wie damals.

Wenn man alles zu genau wissen will...

Aber dieser Prozess, den wir hier betrachtet haben, ist auch ein Zeichen dafür, dass gerade wir abendländisch geprägten Menschen offenbar ein Problem haben, das die Juden allem Anschein nach so nicht kennen.

Wir wollen nämlich immer alles genau wissen. Wir geben uns nicht damit zufrieden, dass man verschiedenes sagen kann und dass nicht alles, was man sagt, hundertprozentig harmoniert. Der Abendländer versucht immer alles in ein System zu bringen, in dem auch die kleinste Aussage auf alle anderen abgestimmt ist.

Im semitischen Denken gibt es dieses Problem nicht. Der Hebräer kann sehr viel leichter verschiedene Dinge auch einmal unverbunden nebeneinander stehen lassen. Ihn stört es nicht, dass im ersten Schöpfungsbericht der Mensch am Ende der Schöpfung steht und im zweiten als erstes Schöpfungswerk genannt wird. Da ist es kein großes Problem, dass Kain, nachdem er seinen Bruder umgebracht hat, in ein anderes Land zieht, und sich dort eine Frau nimmt (vgl. Gen 4,16-17). Wir würden hier gleich anmerken, dass es dort ja noch gar keine Menschen geben konnte, nachdem doch ausdrücklich gesagt worden war, dass Adam und Eva die ersten Menschen waren und dass außer Kain nun gar kein weiteres Kind der beiden übrig war.

Der Hebräer stört sich an solchen Unstimmigkeiten wenig, weil er vor allem ganzheitlich auf das Wesentliche einer Aussage blickt. Wir dagegen vertiefen uns - gemäß unseres analytischen Denkansatzes - sehr schnell in die Details.

Vielleicht ist es für Juden gerade deshalb so schwer, unsere gedanklichen Klimmzüge um die Dreifaltigkeit nachzuvollziehen.

Das ändert aber nichts daran, dass Juden und Christen einzig und allein an den einen Gott glauben, auch wenn sie sich diesem Gott in ihrem je eigenen Denken eben ganz eigen nähern.

Das abendländische Denken hat sicher den Nachteil, dass es weit komplizierter - und deshalb meist auch sehr viel unverständlicher - ist.

Geist und Geistvergessenheit

Das wird ganz besonders im Blick auf den Heiligen Geist deutlich. Auf dem Hintergrund der Trinitätslehre "packt" die christliche Theologie den Heilige Geist - als "Inspirationsprinzip der Heiligen Schrift" und "gleichwesentliche trinitarische Person" - derart in theologische Formeln ein, dass man am Ende kaum noch weiß, welche Bedeutung er wirklich für uns Menschen haben soll.

Hinzu kommt, dass sich die Theologie in der Geschichte im Grunde nur diese wenigen Jahrzehnte im vierten Jahrhundert wirklich für den Geist interessierte. Über Jahrhunderte hinweg spielt er kaum eine Rolle. Man spricht daher auch von der großen "Geistvergessenheit" der Theologie - und das auf evangelischer genauso wie auf katholischer Seite. Und die wenigen "Heilig-Geist-Bücher", die in den vergangenen Jahren erschienen sind, unterstreichen nur die Hilflosigkeit dieses Sprechens über die dritte göttliche Person.

Vom Pech des Geistes mit "seinen" Bildern

Zusätzlich erschwert das Sprechen über den Heiligen Geist, dass die Bilder von ihm, die wir in unserer Tradition kennen, alles andere als hilfreich sind.

Das Bild der Taube, das gemeinhin benutzt wird, scheint mir eines der unglücklichsten zu sein, das wir je im Blick auf Gott verwendet haben. Die Taube ist vielleicht noch als Friedenssymbol zu gebrauchen, im Blick auf Gott scheint sie mir jedoch im Grunde ein nichtssagendes Symbol zu sein. Und das Bild von den Feuerzungen ist auch nicht sehr viel hilfreicher für das Erfassen des Geistes.

Der Geist in der jüdischen Tradition

Ich denke, dass uns gerade hier die jüdische Tradition weiterhelfen kann - und das obwohl es im Judentum gar keine Lehre über den Heiligen Geist gibt. Aber es gibt die Erfahrung dieses Geistes, und die kleidet Israel in das hebräische Wort "ruach".

"Ruach" ist der Wind, der Sturm, der Lufthauch, der Atem. Und die "ruach elohim" ist dieser Gottesgeist, der im Anfang im Schöpfungsbericht über den Wassern schwebt (vgl. Gen 1,2). Dieser Text lässt spüren, wie blass unsere Übersetzung klingt, wenn es heißt, dass der Geist Gottes im Anfang über den Wassern schwebte. Es ist vielmehr die "ruach": etwas das mit Sturm, mit Brausen zu tun hat, etwas das die Dinge durcheinanderwirbelt und in Bewegung setzt!

Diese schöpferische "ruach elohim", die "ruach" Gottes weiß der Hebräer bei der Schöpfung der Welt mit am Werk. Sie ist Ausdruck einer wirbelnden Wirkmacht Gottes, die gleichsam über allem schwebt.

Und nachdem Gott den Menschen erschaffen hat, ihm die Lebenskraft eingehaucht hat, da war es dann die "ruach chajim", die in ihm war: die "ruach" des Lebens, dieser Lebensatem, der den Menschen nicht nur ins Dasein ruft, sondern im Dasein erhält.

Der Atem Gottes, der wie ein Sturmwind, aber nicht minder wie ein zarter Lufthauch, die ganze Welt genauso wie den einzelnen Menschen durchzieht, der Windhauch, der den Menschen lebendig macht und der die Welt in Bewegung setzt - in diese Bilder kleidet Israel sein Erahnen dieses göttlichen Phänomens, das in der späteren Reflexion Heiliger Geist genannt wird.

Das sind Bilder, die theologisch nicht bis ins Letzte ausgereift sind, die die Gesamtproblematik des Miteinanders von Vater und Sohn und Geist absolut nicht widerspruchslos klären können. Sie sind aber von einer Lebendigkeit und einer Ausdrucksstärke, die es mir leicht machen, an dieser Stelle theologische "Defizite" in Kauf zu nehmen.

Diese lebensspendende, wirkmächtige, aufwirbelnde und durcheinanderbringende, und dabei die Welt und den Menschen ganz durchdringende "ruach Jahwe" ist der Geist, in dem Gott beständig in dieser Welt wirkt. Und um diesen Geist beten wir, wenn wir sprechen: Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen und vor allem auch spüren kann.

(Dr. Jörg Sieger)

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Unser Glaube - Ein Versuch zeitgemäßer Antworten