"Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben." (Ez 47,9) -
Die Sakramente der Kirche

Christus ja - Kirche nein! Für was brauchen wir die Kirche überhaupt? Und was sollen Sakramente und all die überkommenen Riten und Formen? Viele Traditionen gilt es zu hinterfragen. Aber genau so notwendig ist es, die ursprüngliche Bedeutung wieder neu zu entdecken.

Wie es damals genau war, weiß ich gar nicht mehr. Dafür war ich noch viel zu klein. Und vielleicht erinnere ich mich an manches nur noch deswegen, weil mir meine Mutter davon erzählt hat. Und vielleicht war ich es nicht einmal selbst, sondern meine jüngere Schwester. Wie es auch sei, auf jeden Fall gab es Tränen - Tränen, die für uns Kinder damals unbegreiflich waren: Wir hatten schließlich nur ein Stück weißen Stoffs gefunden und damit gespielt. Und wir haben ihn natürlich zerrissen - den Brautschleier meiner Mutter. Sie brach in Tränen aus, als sie es entdeckte.

Manche Dinge bedeuten mehr, als sie sind

Ich merkte bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal in meinem Leben, dass irgendeine Sache mehr bedeuten konnte, als das, was sie war. Dass dieser Brautschleier für meine Mutter weit mehr war als ein Stück Tüll - für mich war das damals etwas vollkommen Neues.

Mittlerweile weiß ich es. Ich weiß, dass ein Bild - ein Foto etwa, das man auf den Nachttisch stellt oder im Portemonnaie mit sich trägt - weit mehr sein kann als einfach eine Fotografie.

Für eine junge Frau etwa, deren Geliebter monatelang abwesend sein muss, den sie Ewigkeiten nicht sehen kann, kann sein Bild gleichsam zu einem Symbol werden: zu einem Symbol für die Liebe dieser beiden Menschen.

Natürlich lieben sich beide völlig unabhängig von diesem Bild. Und natürlich liebt der Mann diese Frau, ob dieses Bild existiert oder auch nicht. Aber dennoch: wenn jene Frau dieses Bild sehnsuchtsvoll anschaut, dann ist der andere mit seiner Liebe auf wunderbare Weise ganz gegenwärtig, dann ist seine Liebe plötzlich greifbar und nah.

Die Person Jesu von Nazareth

Auch wenn dieser Vergleich hinkt und etwas hilflos sein mag, scheint es mir, bei unserem Glauben gar nicht so viel anders zu sein.

Das Erleben dieser Person, dieses Jesus von Nazaret, muss für die, die zum Glauben an ihn gekommenen waren, einen ungeheuren Eindruck hinterlassen haben. Ich weiß nicht, was es gewesen ist. Aber dieser Mensch aus Nazaret, der Menschen heilte, der ihnen Leben half, der Gottes Wort auf so großartige Weise auslegte, der musste sie auf eine Weise ergriffen haben, die unbeschreiblich ist. Und sie mussten irgendwie gespürt haben, dass sich in ihm die Nähe Gottes zu den Menschen in unüberbietbarer Weise manifestierte.

Aber dieser Jesus war nicht mehr da. Sein Tod hatte eine ungeheure Leere hinterlassen. Die Botschaft von seiner Auferstehung war das eine. Aber der Platz, den er bisher innehatte und der jetzt leer blieb, war das andere. Die Nähe, die seine Jünger während seines irdischen Wirkens erleben durften, die war nicht mehr gegeben.

Zeichen einer geheimnisvollen Gegenwart

Im Schmerz über das Getrenntsein bekamen nun die Erinnerung an die Worte Jesu und das, was er getan hatte, eine ganz neue Bedeutung. Jedes Mal wenn seine Jüngerinnen und Jünger Dinge taten, die sie zuvor mit Jesus gemeinsam getan und erlebt hatten, erlebten sie noch einmal ganz neu all das, was gewesen war: "Brannte uns nicht das Herz, als er uns das Brot brach?" (vgl. Lk 24,32)

Vor allem das letzte Mahl zog diese Bedeutung an sich. Wenn die Jüngerinnen und Jünger zusammenkamen, dann brachen sie das Brot miteinander und reichten den Kelch weiter. Sie erlebten dabei, dass sie die Gegenwart Jesu auf ganz eigentümliche Weise spürten. Sie begriffen, dass es stimmte, wenn er gesagt hatte:

"Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt." (Mt 28,20)

Natürlich hatten sie auch gehört, wie er zu ihnen gesagt hatte:

"Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18.20)

Er hatte ihnen zugesagt, dass er immer bei ihnen war, wenn sie sich in seinem Namen trafen. Aber wenn sie das Brot miteinander brachen, war es für sie noch einmal etwas besonderes. Es ging ihnen hier vermutlich ganz ähnlich wie der Frau mit dem Bild von ihrem Freund. Das Brotbrechen wurde zum Zeichen einer geheimnisvollen Gegenwart Jesu, welche die Jüngerinnen und Jünger im gemeinsamen Mahl gleichsam spüren konnten.

Ich glaube, genau das ist es, was "Sakrament" im Letzten meint.

Und deshalb taten die Jünger es auch immer wieder. Am ersten Tag der Woche waren sie zusammen und brachen das Brot - und acht Tage darauf wieder. Der Tag der Auferstehung, der Sonntag, wurde ihnen in Verbindung mit diesen Zeichen von Brot und Wein ein ganz besonderer Tag: ein Tag, der von der Vergegenwärtigung der Heilstaten Jesu Christi in seinem Wort und im Sakrament geprägt war. Und das von Anfang an.

Die Bedeutung der Eucharistie für die Kirche

Das gemeinsame Mahl wurde grundlegend für die ganze Gemeinschaft und konstitutiv für die ganze Kirche. Mit diesem gemeinsamen Gedächtnismahl am Sonntag fängt Kirche an, Kirche zu sein. Ohne diese Mahlfeier kann es Kirche kaum geben.

Durch die ganze Geschichte der Kirche hindurch ist in dieser Feier deutlich und gefeiert worden, dass Jesus Christus einlöst, was Gott den Menschen von Anbeginn zugesagt hat: Er möchte für uns da sein, wann, wo und wie es auch sei.

An den Lebenswenden die Gegenwart Gottes feiern

Gott will ein Gott für Welt und Mensch sein; er will es immer und überall sein. Dies wird auch in den anderen Zeichen deutlich, die ihren Platz jeweils an entscheidenden Punkten und Lebenswenden des Menschen haben.

Die Taufe

Die Taufe etwa, die den Eintritt in den Glauben begleitet, möchte die Zusicherung sein, dass unser Leben neu wird, wenn wir es als Leben begreifen, das Gott mit uns geht.

Der Glaubende weiß, dass ihm im Glauben ein unvergängliches Leben geschenkt wird. Diese Zusage Gottes dürfen wir am Beginn unseres Glaubensweges feiern.

Den Eltern, die ein Kind zur Taufe bringen, wird dies als große Botschaft mitgegeben: Diesem Kind ist - egal, was ihm auf seinem irdischen Weg noch alles widerfahren wird - unvergängliches Leben geschenkt worden.

Die Firmung

An der Schwelle zum Erwachsen-Werden - oder wenn man als Erwachsener getauft wird - unmittelbar im Zusammenhang mit der Taufe, wird dem Menschen in der Firmung dann noch einmal bestätigt: Gott geht den Weg durchs Leben mit, Gottes Geist steht jedem von uns als Beistand zur Seite.

Gerade für den Jugendlichen, der nun anfängt immer selbstständiger durchs Leben zu gehen, kann dies eine hilfreiche Erinnerung sein: Es kommt jetzt immer mehr auf dich an. Und doch sei gewiss: Du bist nie allein!

Die Ehe

Und wenn zwei Menschen ihren Lebensweg zusammenlegen, wenn sie sich auf den Weg machen, eine Familie zu gründen - am Wunder der Weitergabe des Lebens teilzuhaben -, dürfen sie feiern, dass sie diesen Weg mit Gott zusammen beginnen.

Gott, dessen Liebe zu uns Menschen in der Liebe zwischen Menschen erst wirklich greifbar wird, versichert denen, die auf ihn bauen, dass er ihre Liebe unter seinen ganz besonderen Segen stellt. Und diese Liebe wird dann auch zum Segen für andere, ganz besonders für die Kinder, die dieser Beziehung entspringen. Denn von wem sollten Kinder erfahren, was Liebe überhaupt ist, wenn nicht durch das konkrete Erleben der Liebe ihrer eigenen Eltern?

Die Weihe

Und genauso sichert Gott den Menschen seinen Beistand zu, die sich von ihm in die Pflicht nehmen lassen. Er möchte ihnen bei der Weihe zusagen, dass er mit ihnen ist, wenn er sie aussendet. Ebenso hat es der Prophet Jeremia erfahren, als er sich von Gott ergriffen fühlte:

"Wohin ich dich auch sende, dorthin sollst du gehen. Und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. (Und) fürchte dich nicht vor Ihnen, denn ich bin mit dir, um dich zu (beschützen)!" (Jer 1,7-8)

Die Krankensalbung

Wenn ein Mensch in Not gerät, wenn er von schwerer Krankheit niedergedrückt wird, vor einer Operation steht oder in ähnlicher existentieller Bedrängnis ist, dann will die Erinnerung daran, dass Jesus geheilt hat, Menschen in der Krankensalbung neue Kraft und Stärkung schenken.

Das hat nichts mit einem "Sterbesakrament" zu tun - das ist ein immer noch weit verbreiteter Irrtum. Sakramente sind Hilfen zum Leben: Du bist nicht allein. Gott stärkt dich mit seiner Kraft, er hilft dir zu tragen; er heilt, und wenn es denn nicht mehr möglich sein sollte, wenn anderes für dich bestimmt ist, dann will dich der Gott, der in Jesus Christus selbst den Weg des Leidens gegangen ist, mitleidend begleiten. - Das will dieses Sakrament verdeutlichen.

Die Buße

Das Sakrament der Buße kündet davon, dass Gott das Leben will, nicht den Tod, dass er Schuld vergibt. Er sagt mir durch den Menschen, der dazu bevollmächtigt ist, auf den Kopf zu, dass mir vergeben ist, dass mir Verzeihung wirklich zuteil wird.

Natürlich hat gerade dieses Sakrament immer wieder Fehlformen entwickelt. Sakramente sind Zeichen des Heiles. Und es ist immer fatal, wenn sich Menschen die Rolle des Richters anmaßen. Der Mensch hat hier aber nicht zu richten. Er ist dazu bevollmächtigt, die vergebende Liebe Gottes den Menschen weiterzusagen. Wenn in der Vergangenheit gerade mit diesem Sakrament nicht soviel "Schindluder" getrieben worden wäre, vielleicht wäre es heute nicht so in die Krise gekommen, wie wir das gegenwärtig erleben müssen.

Brauchen wir denn die Sakramente?

Aber vielleicht werden manche jetzt einwenden: Braucht es das denn überhaupt? Muss ich denn beichten gehen? Vergibt mir Gott nicht auch so? Und braucht es all die anderen Sakramente? Ist Gott nicht auch so um uns? Begegnet er uns sonst etwa nicht? Würde er sonst nicht auch helfen, stärken, segnen?

Und natürlich ist dieser Einwand berechtigt! Gott liebt ein Kind auch, wenn es nicht getauft ist. Und Gott ist genauso intensiv um uns und bei uns, wenn wir gerade kein Sakrament feiern.

Aber das ist halt wie mit jenem Foto. Natürlich weiß jene Frau, dass ihr Freund sie liebt. Aber schaut sie dieses Foto deshalb etwa nicht an? Sagt sie sich: "Braucht es denn Fotos für unsere Liebe?" Zerreißt sie etwa das Bild, weil sie darum weiß, dass ihre Liebe gar keine Bilder braucht? Das Bild ist eine Hilfe, sich die sehnsuchtsvoll erwartete Nähe des Geliebten zu vergegenwärtigen.

Gott braucht die Sakramente nicht, sie sind ganz einfach Hilfe für uns: Hilfe, um die helfende Nähe Gottes zu erfahren und gemeinsam zu feiern. Dazu sind sie uns von Jesus Christus geschenkt worden. Und als dieses hilfreiche Geschenk sollten wir sie auch verstehen.

Hat Jesus die Sakramente eingesetzt?

Natürlich hat uns Jesus die Sakramente nicht so geschenkt, wie das manchmal missverstanden wird, wenn man davon spricht, dass er die Sakramente eingesetzt hat. Jesus hat sich nicht hingesetzt und ein Messbuch geschrieben, und er hat uns auch kein Rituale hinterlassen - nach dem Motto: So sollt ihr taufen oder so habt ihr die Beichte zu hören.

Dass die Sakramente auf Jesus zurückgehen, heißt, dass alles, was wir in diesem Zeichen feiern, in Jesu Leben, in seinem Reden und in seinem Tun vorgezeichnet ist. Er hat Menschen heil gemacht, er hat vergeben und er hat uns seine Gegenwart zugesagt. Aus seinem Vorbild haben sich die Weisen, wie wir gemeinsam feiern, in langen Jahrhunderten herausgebildet. Sie haben in der Praxis der Kirche immer mehr Gestalt angenommen, um für unseren Glauben Hilfe zu sein, um ihn zu stärken.

Die Sakramente sind Hilfen zum Leben und Glauben

Die Sakramente sind für uns da, nicht etwa für Gott. Gott braucht sie am wenigsten. Deshalb sind sie auch nicht einfach Riten, die es zu erfüllen gilt, um sich den Himmel zu "verdienen" - so nach dem Motto: Wer immer brav zur Messe geht und regelmäßig beichtet und auch anständig kirchlich verheiratet ist, der kommt in den Himmel. Diese Einstellung wäre ein fataler Irrtum.

Wer die Sakramente lebt und feiert, der kann in ihnen die Kraft Gottes spüren und erfahren. Er kann der Nähe Gottes gewahr werden - einer Nähe, die ihm dann hilft, aus diesen Sakramenten heraus als Christ zu leben. Denn das ist das letztlich Entscheidende, dass wir als Christen, aus dem Glauben heraus wirklich leben.

Gott braucht die Sakramente nicht, er hat sie uns geschenkt, als Hilfe zum Leben. Genauso wie die Liebe der jungen Frau zu diesem Mann sich nicht darin verwirklicht, dass sie sein Foto immer wieder ansieht, genauso wenig verwirklicht sich das Leben des Christen allein darin, dass wir die Sakramente feiern.

Denn wenn wir am Ende vor dem Herrn stehen, dann wird er nicht fragen: "Wie oft hast du gebeichtet? Warst du auch jeden Sonntag in der Messe?" Die entscheidenden Fragen werden sein: "Ich war krank, ich war ausgestoßen, ich war hungrig und durstig und bin in diesem Leben gescheitert. Warst du damals da? Wie hast du dich da verhalten? Bist du mir dabei hilfreich zur Seite gestanden ...?"

(Dr. Jörg Sieger)

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