"Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet..." (Mi 6,8)

Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter - das sagt sich so leicht! Wer den Willen Gottes erfüllt! Was ist das aber, der Wille Gottes? Wie soll ich wissen, was Gott jetzt im Augenblick will? Wie soll ich das wissen, wenn er es mir nicht sagt!

Was soll ich tun?

Wie oft bin ich schließlich schon dagestanden und habe mich gefragt: Was soll ich denn jetzt tun? Was ist denn jetzt richtig? Was ist jetzt wohl Gottes Wille? Und es kam keine Stimme vom Himmel, ja nicht einmal eine innere Eingebung. Ich bin allein dagestanden und wollte ihn gerne tun, den Willen Gottes. Aber wie soll ich es anstellen, wenn ich nicht weiß, was er will, wenn er es mir nicht sagt!

Und hinzu kommt dann noch das dumpfe Gefühl, ob ich's überhaupt könnte! Wenn ich diesen Gotteswillen, dann wirklich erkennen würde, wenn ich wirklich wüsste, was er jetzt von mir verlangt. Vielleicht wäre ich dann ja überfordert. Vielleicht wäre es dann zu viel, was er von mir wollte. Vielleicht würde ich dann sogar einen Rückzieher machen. So nach dem Motto: Das möchte ich jetzt aber nicht. Das ist mir zu schwer. Und jenes will ich schon gar nicht aufgeben!

Was Gott eigentlich von mir will, und - wenn ich es wüsste - wie ich dann wohl reagieren würde, dieses Problem beschäftigt mich seit langem. Und mit dieser Frage werde ich wohl nie endgültig zu Rande kommen.

Das sechste Kapitel des Micha-Buches

Ich bin aber mittlerweile - so denke ich - zumindest einen Schritt weiter gekommen, und dabei hat mir ein Text aus dem Alten Testament ungeheuer viel geholfen; ein Text, der für mich deshalb auch mit zu den schönsten und wichtigsten Stellen in der ganzen Bibel geworden ist. Leider ist er als Lesung für die Sonntage überhaupt nicht vorgesehen, die Liturgen, die unsere Leseordnung zusammengebastelt haben, haben ihn aus unerfindlichen Gründen einfach ausgesondert. Und ich fürchte, dass ihn deswegen die meisten auch gar nicht kennen.

Es handelt sich um den Anfang des sechsten Kapitels des Micha-Buches. Ein Text, der für mich wie kein anderer beleuchtet, was das denn eigentlich sein soll, das, was wir Wille Gottes nennen.

Da steht nun ein Mensch genau in dieser Situation. Er steht vor Gott mit der Frage: Was soll ich denn tun? Was will denn dieser Gott von mir? Welche Leistungen verlangt er denn alle von mir? Was muss ich tun, um ihm gerecht werden zu können?

Die Antwort des Propheten

Der Mensch, der diese Fragen stellt, bekommt eine Antwort, die vielleicht die kürzeste und prägnanteste Umschreibung des Gotteswillens überhaupt ist. Der Prophet Micha sagt: Stell dich doch nicht so an! Es ist dir doch gesagt worden, was der Herr von dir erwartet! Es ist dir gesagt worden was gut ist! Und nichts anderes erwartet Gott von dir, nichts anderes, als das, was gut ist. Und das meint im letzten nichts anderes, als das, was gut für dich ist! (vgl. Micha 6,8)

Das ist nach Ausweis der Bibel der Wille Gottes: Nichts anderes, als das, was gut für mich ist, will Gott. Und er will es auch nicht von mir, er will es für mich!

Die großartigste Umschreibung des Gotteswillens, die ich kenne: Gott will, was gut für mich ist - Keine gewaltigen Leistungen, keine unmotivierte Askese und Aufopferung, keine Griesgrämigkeit oder Trauermiene, er will das, was für mich gut ist.

Und ich brauche mich deshalb auch nicht nach einem abstrusen Gotteswillen zu fragen, ich brauche nicht abstrakt zu fragen, was ist denn jetzt wohl der Wille Gottes. Seit ich diese Micha-Stelle kenne, kann ich ganz einfach und ganz konkret fragen, was ist denn jetzt wohl gut für mich! Denn genau das ist es, was Gott letztlich für mich will!

Gut für mich und den Mitmenschen

Freilich ist das, was wirklich gut für mich ist, nicht immer identisch mit dem, was ich jetzt gerade will. Ich darf es nicht verwechseln mit der Erfüllung all meiner Wünsche, meiner Vorstellungen oder irgendwelcher Begierden. Und es hat auch nichts zu tun, mit egoistischem Streben, persönlichem Vorteil oder irgendeiner billigen Selbstverwirklichung. Das Streben nach dem, was für mich gut ist, ist kein Freibrief für den Einsatz von Ellenbogen oder für den Marsch über Leichen. Wenn Gott das Gute für mich im Blick hat, dann geht es ihm nicht um kurzfristige Glückserlebnisse, nicht um oberflächliche Zufriedenheit oder gar um eine bequeme Sorglosigkeit. Als ob es uns schon zufrieden machen würde, wenn wir keine materiellen Sorgen mehr hätten!

Wenn es Gott um das Gute für mich geht, dann ist dieses Gute immer eingebettet, in das Gute für den anderen Menschen. Denn das, was wirklich gut für mich ist, das scheint gleichzeitig auch das zu sein, was für den anderen jetzt das Beste ist.

Und wenn ich ehrlich bin, dann spüre ich das auch - zumindest ab und zu. Ich habe meist genau dann das erfüllteste und beglückendste Gefühl, wenn ich mich ganz für jemand anders eingesetzt habe - wenn ich gar nicht zuerst an mich gedacht habe, sondern es mir wirklich um den anderen ging.

Ich spüre doch immer wieder - wenn auch meist erst im Nachhinein -, dass es genau richtig war, nicht das zu tun, wovon ich mir den größten Nutzen versprochen habe, sondern mein Tun und Handeln an dem auszurichten, was mir für den anderen am sinnvollsten schien.

Das, was für mich gut ist, das ist meist genau das, was auch andern gut tut, was unser Miteinander fördert, und was uns gemeinsam weiterbringt.

Eine Umschreibung des Willens Gottes

Deswegen konkretisiert der Prophet Micha den Gotteswillen auch in dieser ungeheuer prägnanten Formulierung. Er umschreibt das, was für mich im Letzten gut ist, mit den unerreicht großartigen Worten:

"Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, und in Dien-Mut wandern mit deinem Gott." (Micha 6,8)

Das ist nach Ausweis der Bibel der Wille Gottes, das will Gott von uns. Und er will es, weil es für uns gut ist.

Ich habe eingangs bereits gesagt, dass mein Problem mit der Frage nach Gottes Willen damit nicht gelöst ist. Ich weiß in den verschiedenen Situationen dadurch immer noch nicht, was jetzt konkret getan werden muss und was hier und heute genau das richtige ist. Meine Fragen "Was willst du denn jetzt wirklich?" und "Wie soll ich mich denn jetzt tatsächlich entscheiden?" sind damit immer noch nicht beantwortet.

Aber seit mir durch den Propheten Micha ganz neu bewusst geworden ist, dass das, was Gott von mir möchte, genau das ist, was am Ende auch gut für mich ist, seither hat dieses Fragen etwas von seiner Bedrohlichkeit verloren. Und seither kann ich zumindest mit einer ganz anderen Intensität und auch mit einem weitaus größeren Vertrauen darum beten, dass letztlich nicht mein, sondern "Dein Wille geschehe!"

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