"...damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt." (Ex 20,12) -
Gebot und Moral

Was hat der Papst in den Betten der Gläubigen zu suchen? Eine Sexualmoral von gestern - und kaum jemand, der sich daran hält? Empfängnisverhütung, Geschlechtsverkehr vor der Ehe, Scheidung und Wiederverheiratung, der Zölibat des Priesters ... Welche Rolle spielt Gottes Gebot heute?

"Alles was Spaß macht, ist Sünde oder macht dick!" Dieses geflügelte Wort umschreibt ganz gut, wie weite Kreise unserer Gesellschaft die Sexualmoral der Kirche einschätzen. Und diese Einschätzung ist leider gar nicht so falsch.

Ein Missverhältnis?

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kirche den sexuellen Bereich sehr viel rigider angeht, als andere Bereiche des menschlichen Miteinanders.

Selbstbefriedigung scheint schlimmer zu sein, als jemanden im Krieg zu töten. Letzteres ist schließlich nicht einmal eine Sünde. Empfängnisverhütung scheint verwerflicher zu sein, als Steuern zu hinterziehen. Einen Betrieb dicht zu machen - und Hunderte von Arbeitern zu entlassen, allein aus Erwägungen des Wettbewerbsvorteils -, ist kein großes Problem. Wenn zwei junge Menschen, bevor sie heiraten, miteinander schlafen, dann ist das dagegen eine Todsünde.

Da muss sich ja das Gefühl aufdrängen, dass alles, was irgendwie geschlechtlich ist, ganz besonders schlecht ist.

Von der Unverkrampftheit biblischer Aussagen

Aber woher kommt das? Die Bibel macht schließlich gar keinen solch sexualfeindlichen Eindruck. Der Schöpfungsbericht spricht ausdrücklich davon, dass die geschaffenen Dinge von sich aus gut sind. Und dementsprechend ist auch der Körper des Menschen und auch seine Körperlichkeit ein Gut. Und die Geschlechtlichkeit, die mit dieser Körperlichkeit ganz eng zusammenhängt, ist ebenfalls ein hohes Gut und ein Geschenk Gottes.

Wenn wir uns die Liebeslieder des Hohenliedes vor Augen führen, dann finden wir darin nicht einmal die Spur einer Leib- und Sexualfeindlichkeit. Ganz im Gegenteil. Hier begegnet uns eine ungezwungene Sexualität und Unverkrampftheit im Umgang der Geschlechter.

Die Wurzeln der Leibfeindlichkeit

Woher aber kommt dann dieses meist doch so verkrampfte Verhältnis der kirchlichen Moral zu Sexualität und Leiblichkeit.

Um etwas Licht in diesen Fragekomplex zu bringen, müssen wir zurückgehen bis zum Kirchenvater Augustinus. Vor allem Augustinus hat diese negativen Sicht der menschlichen Geschlechtlichkeit mitgeprägt. Den sogenannten "fleischlichen" Wünschen des Menschen begegnete Augustinus mit unverhohlener Abscheu. Und er ging sogar soweit die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane als "obszöne Teile" zu bezeichnen.

Ich möchte hier nicht ins falsche Psychologisieren abdriften, aber es könnte durchaus sein, dass diese negative Sicht der Geschlechtlichkeit bei Augustinus ein klein wenig mit seiner eigenen Biographie zu tun hat. Es ist ja bekannt, dass Augustinus vor seiner Bekehrung ein äußerst freizügiges Leben geführt hat. Der uneheliche Sohn, den er hatte, ist eine geschichtliche Tatsache und nur ein Beispiel aus diesem Lebensabschnitt, den Augustinus im Nachhinein tief bereute. Dass ihn gerade sexuelle Verfehlungen besonders beschäftigten, wäre aus seiner Biographie heraus leicht zu erklären.

Weitere Beispiele aus der Geschichte

Von Augustinus her wurde diese negative Einschätzung der Geschlechtlichkeit dann durch die Jahrhunderte hindurch immer weiter tradiert. Herausragendes Beispiel ist der Augustinerchorherr Martin Luther, der von Augustinus her die Auffassung vertrat, dass der geschlechtliche Akt grundsätzlich eine Sünde sei: Wer verheiratet sei, könne lediglich darauf hoffen, dass Gott ihm diese Sünde innerhalb der Ehe nicht anrechne.

Der neue Weltkatechismus der Katholischen Kirche ist im übrigen voll von Augustinuszitaten.

Thomas von Aquin

Augustinus und seine Aussagen stellen aber nur den einen Strang innerhalb der kirchlichen Tradition dar. Ein zweiter Traditionsstrang geht von Thomas von Aquin aus.

Für ihn ist die menschliche Geschlechtlichkeit ein Geschenk Gottes. Sie gehört zum Menschen aufgrund seiner Geschöpflichkeit und sie ist deshalb auch ein natürliches Gut.

Das ist wichtig festzuhalten: Grundsätzlich ist für Thomas von Aquin der geschlechtliche Akt ein natürliches Gut. Er ist an sich gut. Er ist lediglich dort zu verurteilen, wo Menschen sich sexuell verfehlen. In der Ehe aber ist der Geschlechtsverkehr moralisch gesehen absolut nicht verwerflich und schon gar nicht sündhaft.

Sinnenfreude und katholische Tradition

Thomas von Aquin hat die kirchliche Moralvorstellung über Jahrhunderte hinweg bestimmt. Und gerade die katholische Tradition ist von daher im Grunde immer durch eine recht große Sinnenfreude und ausgesprochene Leibfreundlichkeit geprägt gewesen.

Bis zum 17. Jahrhundert wurde beispielsweise im Alltagsleben eine Körperlichkeit praktiziert, die wir heute völlig verlernt haben. Dazu gehörte schon, dass man gemeinhin nackt schlief - die ganze Familie und die Bediensteten in einem Raum -, ohne sich daran zu stören. Gegenseitige Berührungen, Streicheln, Umarmen oder Küssen, waren auch in der Öffentlichkeit völlig normal und als Umgangsformen akzeptiert.

Das ist auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Auffassung von Sexualität durchaus verständlich. Als tatsächlich sexuelle Handlung erachtete man - wie man mittelalterlichen Schriften entnehmen kann - im Grunde lediglich den eigentlichen Geschlechtsverkehr. Der natürlich hatte auch zu dieser Zeit - zumindest in der Theorie - seinen alleinigen Platz in der Ehe.

Die Rolle der Medizin im 18. und 19. Jahrhundert

Es war interessanterweise vor allem die Medizin, die eine wesentliche Änderung des Verhältnisses zur eigenen Sexualität bewirkte.

Im Jahre 1770 veröffentlichte der angesehene Arzt Samuel-August Tissot eine Schrift mit dem Titel "Von der Onanie oder Abhandlung über die Krankheiten, die von der Selbstbefleckung herrühren" (Eisenach 1770, Übersetzung des französischen Originals "De l'onanisme, ou dissertation pyhsique sur les maladies, produites par la masturbation", Paris, 1760). Der Autor behauptete, dass Masturbation - Selbstbefriedigung - nicht nur eine Sünde sei, sondern dass sie auch viele Krankheiten verursache - wie "Schwindsucht, Minderung der Sehkräfte, Störungen der Verdauung, Impotenz ... und Schwachsinn". Der Erfolg der Schrift Tissots war spektakulär: Überall auf der Welt begannen Ärzte nun die Wurzel fast aller Krankheiten in der Selbstbefriedigung zu suchen.

Vom Kreuzzug gegen Selbstbefriedigung

Interessanterweise zeigten die Kirchen zunächst herzlich wenig Interesse, sich an diesem Kreuzzug gegen die Selbstbefriedigung zu beteiligen. Einige Kirchenmänner wiesen darauf hin, dass sie keinen einzigen Hinweis auf Masturbation in der Bibel finden könnten und sich daher außerstande sähen, sie zu verdammen.

Nach diesem anfänglichen Widerstand waren aber auch einige Kirchenmänner "fortschrittlich" genug, die "Gefahren" der Selbstbefriedigung zu erkennen - und bald war jedermann davon überzeugt, dass diesen Gefahren nur mit drakonischen Maßnahmen begegnet werden könnte. Eltern wurden daher angewiesen, ihren Kindern die Hände am Bett festzubinden oder ihnen Fausthandschuhe mit eisernen Dornen anzuziehen. Besondere Bandagen sollten das Berühren der Geschlechtsorgane verhindern ... Dass man Kindern beizubringen habe, die Hände immer ordentlich über der Bettdecke zu halten, ist ein Relikt dieser Vorsichtsmaßnahmen, das manche vielleicht noch aus eigener Erfahrung kennen.

Diese Schilderung mag als Beispiel dienen, wie eine völlig veränderte Haltung gegenüber dem eigenen Körper in den letzten beiden Jahrhunderten die Menschen und ihr Denken in der nördlichen Hemisphäre prägten. Ihre Wurzeln hat sie in mancher wissenschaftlicher Theorie, die dann - gepaart mit einer Sexualmoral, welche sich von Augustinus ableitet - in unseren Breiten vor allem durch den Pietismus und ähnliche Spielarten des christlichen Glaubens gefördert und weiter verbreitet wurde. Ergebnis war eine Prüderie und sexuelle Enge, die noch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stark geprägt hat. Sie wirkt in manchen rigiden Vorstellungen der katholischen Sexualmoral bis heute nach.

Das Ziel kirchlicher Aussagen zu Ethik und Moral

Ich denke, dass sich hier einiges bewegen muss. Sonst werden die Lehren der katholischen Kirche in diesem Bereich tatsächlich zu einer Sexualmoral von gestern, an die sich kaum noch jemand wirklich hält. Und dann können diese kirchlichen Aussagen auch keinen Halt mehr geben.

Aber genau das ist schließlich ihr eigentlicher Zweck und ihr eigentliches Ziel. Ethik und Moral wollen den Menschen schließlich nicht unter einen willkürlich aufgestellten Gesetzeskatalog zwängen, sie wollen Richtschnur für ein geglücktes Leben sein.

Deshalb kann man auf die eingangs gestellte pointierte Frage, was der Papst eigentlich in den Betten der Gläubigen zu suchen habe, genau so pointiert antworten: eigentlich nichts und doch gleichzeitig alles!

Es ist Aufgabe von Kirche und deren Moraltheologie, den Menschen deutlich zu machen, wo unsere Grenzen liegen.

Wechselnde Beziehungen

Es ist Aufgabe von Kirche, den Menschen begreiflich zu machen, dass es ihn nicht glücklich machen kann, sexuelle Beziehungen wie "Briefmarken in einem Album" zu sammeln, oder den Geschlechtspartner "häufiger als das Unterhemd" zu wechseln. Es geht bei der menschlichen Sexualität nicht um die schnelle Befriedigung eines sexuellen Bedürfnisses. Ihr eigentliches Verlangen ist eine ganzheitliche Partnerschaft, in der die Sexualität einen wesentlichen - aber nicht den alleinigen - Part ausmacht.

Ehe vor der Hochzeit?

Aber genauso sollte sich Kirche davor hüten, eine entstehende Partnerschaft in allzu enge juristische Grenzzäune zu zwängen. Die Hochzeit in der Kirche oder auf dem Standesamt ist die ausdrückliche und öffentliche Feier der Beziehung, die diese beiden Menschen miteinander eingegangen sind. Dieser genau datierbare Hochzeitstermin ist das eine. Der tatsächliche Beginn der Partnerschaft und damit der eigentliche Beginn dieser Ehe in den Augen Gottes ist für mich das andere.

Gerade in der heutigen Zeit, in der sich die Hochzeitsfeier eher nach dem Termin des Abschlussexamens, oder den Anreisemöglichkeiten der Festgäste und den freien Kapazitäten der Gastwirtschaft als nach den Gefühlen der Brautleute richtet, scheint mir beides oft zwei verschiedene Paar Stiefel zu sein.

Wenn wir in unserem Kirchenrecht dieses zwischenmenschliche Geschehen immer noch auf der Basis des Vertragsrechtes behandeln, dann ist das eine Sichtweise, die diesem Sakrament eigentlich zuwiderläuft.

Scheidung und Wiederverheiratung

Natürlich ist es auch Aufgabe von Kirche, immer wieder deutlich zu machen, dass die Ehe ein hohes Gut ist, und dass sie eine Partnerschaft darstellt, die auf Dauer angelegt ist - nicht nur um der Kinder willen.

Es kann aber absolut nicht im Sinne des Sakramentes der Ehe sein, dass mir eine Frau beim Tod ihres Mannes nach 40jähriger Partnerschaft unter Tränen sagt, dieser Tod hätte nur ein Gutes. Sie könne jetzt wieder zur Kommunion gehen, Ihr Mann sei nämlich wiederverheiratet geschieden gewesen.

In solchen Fällen ruft menschliche Not nach einer wirklichen Antwort der Kirche.

Die Möglichkeit, die erste Ehe für ungültig erklären zu lassen, scheint mir eher eine Unmöglichkeit zu sein. Wie soll man Menschen allen ernstes erklären, dass ein evangelischer Christ, der seinen evangelischen Partner lediglich standesamtlich geheiratet hatte, nicht ein zweites mal katholisch heiraten könne, dass aber ein evangelischer Christ, der mit einem katholischen Partner lediglich vor dem Standesbeamten getraut worden ist, ohne große Schwierigkeiten ein zweites mal in der katholischen Kirche heiraten kann. Solche kirchenrechtlichen Winkelzüge sind keine Hilfe sondern grenzen manchmal schon ans Unappetitliche.

Kirche aber hat die Aufgabe, den Menschen zu helfen und dabei wirkliche Orientierung zu geben.

Von geplanten Kindern

Deshalb ist es auch Aufgabe von Kirche, auf die Gefahren hinzuweisen, die es mit sich bringt, wenn Menschen alles nur noch planen und alles selbst in den Griff bekommen möchten. Wenn Kinder nur noch dann auf die Welt kommen, wenn sie absolut in den Zeitplan hineinpassen und vollkommen gewollt sind, dann produzieren wir am Ende nur noch jene kleinen verwöhnten "Halbgötter", um die sich letztlich alles dreht, und die den Lehrern in den Schulen schon heute das Leben gleichsam zur "Hölle machen".

Wir tun unserer Gesellschaft und auch unseren Kindern damit letztlich keinen Gefallen.

Unverantwortlicher Geschlechtsverkehr

Genauso wäre es Aufgabe von Kirche ganz deutlich zu machen, dass der, der wechselnde Geschlechtspartner hat und kein Kondom benutzt, ein Verbrechen an seinen Partnern begeht.

Völlig klar und verständlich, dass Kirche vor vielem warnen muss, was heute - oft nicht nur in der einschlägigen Szene - als gang und gebe gehandelt wird. Sie muss es tun, weil vieles davon Menschen letztlich entwürdigt und am Ende in immer neue Zwänge hineintreibt.

Homosexualität

Aber für mich unverständlich, wie leichtfertig auch heute noch manche Theologen die homosexuelle Veranlagung von Menschen als "Krankheit" darstellen.

Das wäre ja ganz ähnlich, als ob manche sagen würden: der Mensch ist auf heterosexuelle Partnerschaft hin angelegt. Deshalb ist es normal zu heiraten. Jeder, der also nicht heiratet, sondern alleine leben möchte, ist nicht normal und deshalb krank.

Vom Zölibat um des Himmelreiches willen

Aber auch diesem zuletzt skizzierten Denken kann man heute ja begegnen. Als katholischer Priester kann man da und dort schon einmal solche Äußerungen hören. Mir selbst hat eine Gewerbeschülerin - ich war damals noch Diakon - einmal ins Gesicht gesagt: "Sie wollen Priester werden? Wenn sie da dauernd ihre Sexualität unterdrücken, haben sie dann nicht einen psychischen Knacks?"

Es wird häufig sehr leichtfertig geurteilt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle, durchaus eine Lanze für die bewusst gewählte Ehelosigkeit - zum Beispiel den Zölibat des Priesters - brechen.

Die ehelose Lebensform hat durch das Neue Testament eine ungeheure Aufwertung erfahren. Bei den Juden galt es als töricht, unverheiratet zu sein. Wenn Jesus daher - wovon man ausgehen kann - unverheiratet war, dann sicher auch als Zeichen, dass er die Erfüllung seines Lebens nicht allein auf dieser Welt suchen musste.

Das ist ein Zeichen, das auch unsere Zeit braucht. Gerade in einer Zeit, die vorab auf die Befriedigung sämtlicher Bedürfnisse ausgerichtet ist, braucht es solche Zeichen. Es braucht Menschen, die schon durch ihre Lebensform deutlich machen, dass es nicht nur darum gehen kann, alles irgend mögliche in diesem Leben zu erreichen. Solche Menschen sind eine Zeichen für eine Hoffnung, die über das reine irdische Leben hinausreicht.

Ehe kontra Ehelosigkeit?

Es darf aber nicht dazu kommen, dass die Ehelosigkeit die Aura erhält, im Grunde die bessere Lebensform zu sein. Und in dieser Gefahr stehen wir sicher. Obschon es immer wieder anders beteuert wird, ist im Bewusstsein der Gläubigen die Ehe nur die "zweitbeste" Lebensform. Die Ehelosigkeit gilt bei den Katholiken normalerweise als das Höhere. Und das hängt sicher vor allem mit dem stark mystifizierten Zölibat der Priester zusammen. Das aber ist kontraproduktiv. Die Ehe ist ein Sakrament, der Zölibat nicht!

Auch von daher wäre es sicherlich gut für Ehe und Ehelosigkeit, wenn die Zwangsverbindung von Priestertum und Zölibat in unserer Kirche fallen würde. Denn Ehelosigkeit erhält als Zeichen - wie das Neue Testament es ausführt - dann ihre Bedeutung, wenn sie um des Himmelreiches willen gesucht wird. Eine Ehelosigkeit die man unter Umständen einzig und allein um des Priesterseins willen auf sich nimmt, gerät am Ende leicht in die Gefahr, nur noch ein Zerrbild dieses Zeichens zu sein.

Kein Fazit

"Stört die Liebe nicht, ... bis sie selbst es will!" (Hld 2,7; 3,5) So fleht im Hohenlied die liebende junge Frau ihre Umwelt an. Mit diesem Gedanken aus dem Alten Testament, möchte ich diese Überlegungen hier ganz einfach stehen lassen.

Liebe und Sexualität sind ein ganz sensibler Bereich, der den Menschen unmittelbar angeht. Und deshalb wünsche ich unserer Kirche auch das Fingerspitzengefühl, nicht mit messerscharfen Sätzen alles "plattzuwalzen" und "über einen Kamm scheren" zu wollen, sondern differenziert und sensibel auf die Gefühle und die Empfindungen der Menschen zu reagieren - so differenziert, wie das der große Moraltheologe Bernhard Häring beispielsweise tut. Er schreibt:

"Das Elend unserer Zeit ist nicht die Hervorhebung der Sexualität, sondern ihr Verfall, wo immer sie vom Umgreifenden der Liebe gelöst ist. Ein liebloser Geschlechtsakt, auch wenn er in der Ehe geschieht und die Zeugung eines Kindes zum Zweck hat, ist sündig. Die Menschen sollten wissen, dass ihre geschlechtliche Vereinigung nicht wahre Liebe ausdrücken kann, wenn sie sich nicht bemühen, im Gesamt ihres Lebens die Liebe zu pflegen." (Bernhard Häring, Frei in Christus (Freiburg 1980-1989) II/482)

Und Roland Breitenbach sagt es in seinem Roman "Der kleine Bischof" noch pointierter und damit natürlich auch herausfordernder. Er schreibt:

"Die sexuelle Lust ist gottgewollt. Daran gibt es keinen Zweifel. Menschliche Sexualität will erlebt werden. Überall, wo dies geschieht, um sich und einen anderen glücklich zu machen, ist das sexuelle Erlebnis ein Stück Gottesdienst. Weil der Glaube der Christen geschlechtslos wurde, wurde ihre Sexualität glaubenslos und sie hielten es für eine schlimme Lästerung, Gott auch einmal für eine sexuelle Erfahrung zu danken. Wahrer Glaube will das, was er glaubt, auch genießen. Das gilt für den Menschen, an den ich glaube und dem ich mein Vertrauen in eine Partnerschaft, möglichst ein Leben lang, schenke; das gilt für die Religion, an die ich glaube und der ich meine Hoffnung auf Überleben anvertraue. Wir haben es leider verlernt, Gott und die Welt wirklich, in aller Freiheit und mit all unseren Sinnen zu genießen." (Roland Breitenbach, Der kleine Bischof - Ein kirchlicher Zukunftsroman (Schweinfurt 1990) 16)

(Dr. Jörg Sieger)

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