"Was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst?" (Ps 8,5) -
Zum biblischen Menschenbild

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und was soll all die tägliche Plackerei? Die Antwort, die uns die Bibel auf die Frage, nach dem Sinn des Lebens gibt, ist weit moderner, als wir manchmal annehmen. Sie erschließt uns eine Bedeutung und Würde des Menschen, die uns ganz neu vor Augen führt, welches Geschenk das Leben ist und wie sehr es sich zu leben lohnt.

"Was bin ich?" Die meisten denken bei dieser Frage wohl zuerst an ein "heiteres Berufe-Raten". Jahrzehntelang hat Robert Lembke immer wieder der Fernsehnation diese Frage gestellt. Wir alle kennen sie und wissen, was wir zu antworten haben.

"Was bin ich?" - "Ich bin Pfarrer, sie ist Lehrerin, er ist Schüler, Bäcker oder Vertreter … Das ist mein Beruf, das bin ich!"

Was bin ich wirklich?

Aber bin ich das wirklich? Bin ich tatsächlich das, was ich berufsmäßig tue? Und wenn es so wäre: Was bin ich dann, wenn ich arbeitslos werde oder pensioniert bin? Was bin ich, wenn ich "nur" Hausfrau oder nur Mutter wäre? Bin ich plötzlich nichts mehr, wenn ich in meinem Beruf nicht mehr gebraucht werde? Hat das Leben seinen Sinn völlig verloren, wenn bei der Mutter, die ihr Leben lang nur für ihre Kinder gelebt hat, die Kinder aus dem Haus sind? Wer bin ich dann?

Wenn ich mein Leben nur von meinem Beruf her definiere, dann verlangen diese Fragen ganz drängend nach einer Antwort.

Leben in der Krise

Nicht umsonst kommen viele Menschen in unserer Gesellschaft, die ihre Glieder nur nach Produktivität und Einkommen zu beurteilen scheint, immer früher in die berühmte "Midlife-Crisis".

Was bleibt auch von mir, wenn ich feststellen muss, dass aus all meinen hochtrabenden Jugendträumen kaum etwas geworden ist? Was bleibt, wenn ich immer stärker meine Grenzen spüre, wenn ich entdecke, dass ich es nicht mehr packe? Oder noch schärfer: Was ist mit dem, der krank wird, der den Idealen unserer Gesellschaft gar nicht mehr entspricht? Was ist mit dem, der gar nichts zu leisten imstande ist?

Was bin ich dann? Was bin ich eigentlich?

Die Frage nach dem Sinn

"Am besten denkt man über solche Fragen gar nicht nach!" So halten es die meisten - und sie fahren anscheinend gar nicht so schlecht damit: "Carpe diem!" - "Lebe den Tag, genieße das Leben, denn morgen sind wir tot ..."

Das mag eine Zeitlang auch ganz gut gehen - manche fahren ihr Leben lang ganz gut damit. Aber insgeheim verlangt der Mensch nach anderen Antworten. Die Frage, was das Ganze denn eigentlich soll, was ich denn eigentlich soll - diese Frage verlangt nach einer Antwort. Ich verlange nach einer Antwort.

Wozu bin ich eigentlich auf der Erde? Wozu bin ich da?

Eine klassische Antwort

Ältere Menschen werden eine Antwort noch sehr gut kennen. Ich meine die klassische Antwort, die sich in den alten Katechismen findet. Sie lautete:

"Dazu sind wir auf Erden: Um Gott zu dienen!"

Und diese Antwort ist sogar weit älter, als unsere Katechismen. Es ist im Grunde die älteste Antwort auf die Sinnfrage, die Menschen jemals gegeben haben.

Der Mensch als Diener der Götter

Schon die alten Religionen zielten auf diese Antwort. So stellten es sich die Menschen damals vor: Die Götter seien faul geworden. Sie seien zu faul, um für sich selbst zu sorgen. Die tägliche Sorge um die Nahrung sei ihnen ganz einfach zu viel geworden. Und deshalb hätten sie den Menschen geschaffen: als Diener, damit es jemanden gäbe, der sie mit Speise und Trank versorgen würde. Die Menschen seien dazu da, um den Göttern Opfer darzubringen. Und von diesen Opfern lebten die Götter.

Wenn die Menschen richtig opferten, dann waren die Götter auch zufrieden. Sie belohnten die Menschen dann mit allem, was sie brauchten - mit allem Notwendigen: mit Regen, Pflanzen, gelungenen Ernten ...

Und glücklich der Mensch, der eine Gottheit gefunden hatte, die ihm gnädig war. Denn wem die Götter wohlgesonnen waren - mit wem sie zufrieden waren -, dem ging es gut, der konnte gut leben. Und wem es schlecht erging, der hatte eben einen Gott erzürnt.

So einfach war das. Jahrhunderte lang hatten es sich die Menschen so erklärt. Und in unseren Katechismen hat sich diese Erklärung bis in unsere Tage hinein erhalten - Und dabei ist sie so abgrundtief falsch!

Gott braucht uns nicht

Dem Gott der Bibel zumindest, wird diese eben genannte Erklärung absolut nicht gerecht. Als ob wir Gott etwas zu geben hätten! Als ob Gott irgend etwas von uns brauchen würde!

Im Psalm 50 wird es ganz deutlich zum Ausdruck gebracht, wenn Gott sagt:

"Hätte ich Hunger, ich brauchte es dir nicht zu sagen, denn mein ist die Welt und was sie erfüllt." (Ps 50,12)

Der Gott, den die Bibel verkündet, ist anders, als es sich die Menschen früher vorstellten. Dieser Gott braucht keine Opfer, er braucht keine Diener.

Deshalb hat Gott den Menschen - wie es die Bibel schildert - auch nicht dafür geschaffen, damit er ihm etwas gebe, etwas opfere. Er hat den Menschen nicht für sich geschaffen.

Für den Erdendienst bestimmt

Gott erschafft den Menschen, weil es niemanden auf der Welt gab,

"... um den Erdboden zu bebauen." (Gen 2,5)

Er formt den Menschen und setzt ihn in seinen Garten,

"... damit er ihn bebaue und bewache." (Gen 2,15)

So schildert es die Schrift. Das ist der eigentliche Sinn des Menschen. Der Sinn des menschlichen Lebens ist nicht der Gottesdienst. Es ist der Erdendienst, der Weltdienst. Wir sind von Gott in seinen Garten gesetzt worden, um seine Schöpfung zu bebauen und zu bewachen.

Deshalb kann es für Christinnen und Christen so etwas wie "Weltflucht" gar nicht geben. Unser Leben verwirklicht sich in der Welt. Die Welt zu bebauen und zu bewahren, das ist unser Schöpfungsauftrag.

Der Adam als der "Erdling"

Die Bibel umschreibt diese Bestimmung des Menschen mit einem wunderbaren Bild: Gott schafft den Menschen als "Adam".

Dieses "Adam" darf man nicht mit einem Namen verwechseln. Adam ist kein Name. Und es ist deshalb erst recht nicht der Name eines Mannes. Gott hat nicht einen Mann geschaffen und dieser Mann hieß eben Adam. Das anzunehmen, ginge am Text der Bibel vorbei.

Der "Adam" ist der Mensch schlechthin. Er ist der von der "Adama", dem fruchtbaren Ackerboden - dem Erdboden - Genommene; der "Adam" ist sozusagen der "Erdling". Dieser Erdling, dieser Mensch - das sagt die Bibel mit diesem Bild -, ist der, der ganz von dieser Welt stammt und dem diese Welt anvertraut ist, der für diese Welt bestimmt ist.

Die Dinge dieser Welt zu gestalten, das ist demnach eine der ersten Aufgaben für den Menschen. Das sei all jenen ins Stammbuch geschrieben, die behaupten, Politik - die Dinge dieser Welt - hätte nichts mit Religion zu tun, sei nicht Sache der Christen, sei etwas, aus dem sich die Christen "raushalten" müssten.

Der Weltdienst ist die erste Aufgabe des Menschen.

Der Mensch soll nicht allein bleiben

Aber diesen Dienst braucht niemand allein zu leisten. Es geht nicht um ein aufopferungsvolles Mühen des Einzelnen. Gott lässt den Adam nicht als Einzelkämpfer, als all-einzigen Streiter zurück.

"Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt." (Gen 21,8)

Gott sucht - so schildert es der biblische Bericht auf allerliebste Weise - ein Gegenüber, das dem Menschen entspricht. Oder besser gesagt: Er lässt den Menschen selbst, dieses Gegenüber aussuchen.

Aber es gibt eben für den Menschen nichts, was ihm so entsprechen würde, wie ein anderer Mensch. Allein entsprechend für den Menschen ist der Mensch.

Mann und Frau

Deshalb nimmt Gott den Adam, den Menschen, am Ende auch auseinander, wie es der älteste, der sogenannte jahwistische Schöpfungsbericht so farbenfroh schildert (vgl. Gen 2,22). Er nimmt ein Stück aus der Herzmitte des Menschen und formt daraus ein "Ihm-Gegenüber, das ihm entspricht". So entstehen aus dem Menschen - jetzt erst! - Mann und Frau.

Es zeugt von keiner großen Kenntnis der altisraelitischen biblischen Theologie, wenn man heute behauptet, der Mann sei zuerst geschaffen worden und die Frau sei aus dem Mann hervorgegangen. (Die Tatsache, dass ein späterer Autor dann ein Wortspiel über diesen vermeintlichen Zusammenhang von Mann und Frau an dieser Stelle des Schöpfungsberichtes eingefügt - und diese Vorstellung dann sogar in die neutestamentlichen Schriften Einzug gehalten hat -, darf dabei nicht irritieren.)

Und noch schlimmer ist es, wenn aus diesem Fehlverständnis am Ende gefolgert wird, dass die Frau - weil sie eben erst aus dem Mann hervorgegangen sei - auch noch weniger wert sein soll. Es ist hoffentlich - aber schlimm genug - nur Gedankenlosigkeit, was da in der Vergangenheit phantasiert wurden - und zum Teil bis heute phantasiert wird.

Gott schuf den Menschen und dieser Mensch besteht in Mann und Frau. So sagt es die Bibel gleich auf ihren ersten Seiten. Und der zweite Schöpfungsbericht, der ältere, schildert es in seiner bildhaft-blumigen Sprache so: Mann und Frau entstanden erst, als der "Adam" auseinandergenommen wurde, als aus dem Adam "isch" (hebräisch für "Mann") und "ischa" (hebräisch für "Frau") wurden (vgl. Gen 2,23).

Der Mensch als sprechendes Wesen

Warum aber war dies nötig? Warum war keines der Tiere für den Menschen ein Gegenüber, das ihm entsprochen hätte? Hier muss man nur darauf schauen, wie die Menschen der Bibel die Tiere nannten. Ein Tier, das war "bœhema" - so lautet das hebräische Wort für Tier. "Bœhema" bedeutet übersetzt aber soviel wie "das Stumme".

Ein Tier - das war für die Bibel wichtig - kann zwar Laute von sich geben, es kann aber nicht sprechen. Es kann den Menschen nicht ansprechen. Der Mensch aber ist für die Bibel - im Unterschied zum Tier - das sprechende Wesen: Er kann sprechen, er kann ansprechen und er kann auch antworten, wenn er angesprochen ist.

Deshalb entspricht dem Menschen allein der andere Mensch, weil er antwortet, weil er auf mein Sprechen reagieren kann, weil er mir entspricht.

"Ich" und "Du" und "Wir"

Und dort, wo ich angesprochen werde, dort, wo ich antworte, dort wo ich in meiner Antwort letztlich auch meine Verantwortung erfahre, dort entsteht dann das Miteinander: ein Miteinander von Ich, Du und Wir.

Gott lässt den Menschen nicht als einsamen Einzelkämpfer. Er schafft den Menschen als "Ich" und "Du", als ein "Wir", als ein gemeinschaftsbezogenes Wesen; als ein Wesen, das im Miteinander von "Ich" und "Du" die Welt voranbringen soll.

Das ist nach Ausweis der Bibel die Bestimmung des Menschen: Der Mensch ist dazu geschaffen, um gemeinsam - als "Ich" und "Du" - die Welt voranzubringen.

Der Mensch in Gemeinschaft als Gottes Bild

Schon dieses Miteinander der Menschen, schon diese Gemeinschaftsbezogenheit hat für mich etwas damit zu tun, dass der Mensch nach dem Bild dieses Gottes geschaffen ist, wie die Schrift sagt. Denn Gott ist schließlich nicht die "Einsamkeit in Person". Ob die Christen nun sagen, dass ihr Gott ein dreifaltiger Gott ist oder ob die Menschen des ersten Bundes erahnen, dass in Gott eine Dynamik des Miteinanders wirksam ist, beides sagt im Letzten nichts anderes aus, als dass in Gott eine gemeinschaftliche Kraft am Werk ist: eine Kraft, die Vorbild ist für das Leben des Menschen. Vorbild für den Menschen, der so von sich aus bereits auf Gemeinschaft hin angelegt ist. Niemand lebt für sich allein.

Und vielleicht ist in diesem Zusammenhang am wichtigsten, dass gerade dort, wo Menschen in der Gemeinschaft von Mann und Frau zusammenkommen und sich vereinigen, sie an der Weitergabe des Lebens teilhaben. Wo Menschen Leben weitergeben, dort verwirklicht sich zutiefst ihre Gottebenbildlichkeit.

Der Mensch als Bild eines personalen Gottes

Was es weiter bedeutet, wenn die Schrift davon spricht, dass der Mensch Gottes Abbild ist, darüber haben sich die Theologen und Philosophen der vergangenen Jahrhunderte die Köpfe zerbrochen.

Es scheint so zu sein, dass das Bewusstsein des Menschen hier eine ganz wesentliche Rolle spielt. Jeder ist sich seiner selbst bewusst. Ich weiß, dass ich bin! Vermutlich spielt dieses Selbstbewusstsein des Menschen eine große Rolle, wenn wir danach fragen, was es heißt, dass der Mensch Bild Gottes ist.

Dass ich darum weiß, dass ich "Ich" bin, und dass ich den anderen als "Du" erfahre - das macht mich diesem Gott ähnlich. Denn Gott steht uns allen als der "Ich bin für Euch da" gegenüber. Er steht uns als "Du" gegenüber. Das Bewusstsein meiner selbst, mein "Selbst-Bewusstsein" dürfte einen wesentlicher Punkt meiner Gottebenbildlichkeit ausmachen.

Und hinzu kommt, dass ich meiner mächtig bin, dass ich über weite Strecken frei über mich verfügen kann. Das macht mich zu einer eigenständigen Person, einem unverwechselbaren Geschöpf, einem (Ab-)Bild meines Schöpfers.

Der Mensch, der so von Gott gedacht ist, ist in seiner Art einzigartig. Jeder Mensch ist eine unverwechselbare Persönlichkeit, eine Person, ein unverzichtbarer Teil dieser gewaltigen Schöpfung. Von daher hat jeder einzelne Mensch eine ganz eigene ihm zukommende Würde. Und diese Würde ist unveräußerlich. Niemand kann und niemand darf sie ihm nehmen.

Das ist das Ergebnis zu dem die Theologen und die Philosophen kommen, wenn sie darüber nachdenken, was es für den Menschen bedeutet, Gottes Bild zu sein.

Gottes Liebe zu seinem Geschöpf

Die Bibel sagt es viel einfacher, schlichter. Aber in dieser Schlichtheit sagt sie es vielleicht um ein Vielfaches schöner und ergreifender. Die Bibel spricht ganz einfach davon, dass jedes einzelne Gottesgeschöpf, dass jeder einzelne Mensch von seinem Schöpfer geliebt ist.

Sie meint damit das, was die Theologen und Philosophen mit der Würde des Menschen bezeichnen.

Gott liebt sein Geschöpf. Damit ist die ganze Bandbreite des biblischen Menschenbildes umschrieben.

Daran ändert sich nichts. Ob ich jetzt auf dem Höhepunkt meiner Schaffenskraft stehe, ob ich erfolgreich und von anderen geachtet bin oder ob ich überall nur meine Grenzen erfahre, verlassen und einsam bin, meine Arbeit verloren habe, krank und gebrechlich bin: Gott liebt mich.

Was ich bin? Ich bin nicht das, was ich berufsmäßig tue. Sich von daher zu definieren, das würde mich von vornherein in ein Schema pressen, das im Letzten unmenschlich ist, weil es mich nur nach Produktivität und Leistung misst.

Ich bin ein Mensch, ein Mensch in all seiner Begrenztheit und Winzigkeit. Ein Erdling eben. Einer, der im Letzten - wie es die Schrift sagt - von dieser Erde genommen ist. Ich bin Staub, der wieder zum Staub zurückkehren wird. Genaugenommen bin ich ein Nichts.

Aber Gott hat dieses Nichts zusammengefügt. Und weil Gott es war, der mich aus diesem Nichts als Menschen zusammengefügt hat, weil Gott mir seinen Atem eingeblasen hat, mich zum Menschen formte, deshalb habe ich meine unverwechselbare Bedeutung. Ich bin wichtig. Ich bin wertvoll, denn Gott hat mir eine ganz besondere Würde verliehen. Mir ist von Gott Würde verliehen worden, denn ich werde von Gott geliebt.

Wir sind zwar Staub: Daran führt kein Weg vorbei. Sich etwas andere einreden zu wollen, hieße sich selbst hinters Licht zu führen. In all unserer Begrenztheit, mit all unseren Fehlern und in unserer Hinfälligkeit sind wir nichts anderes als wertloser Staub. Aber wir sind von diesem Gott unendlich geliebter Staub. Und deshalb in seinen Augen unendlich wertvoll.

(Dr. Jörg Sieger)

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