"Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen." (Mk 1,17) -
Leben aus dem Glauben

Was heißt glauben? Als Christ zu leben, wie geht das? Woran erkennt man einen Christen? Von Entscheidungen aus dem Glauben und einfachen Antworten, die es nicht gibt. Vom Zusammenleben in den Gemeinden. Wie kann ich beten? Und was heißt Frömmigkeit?

"Leben aus dem Glauben" - Das klingt zunächst recht einfach und klar, aber was ist das eigentlich? Was heißt das, aus dem Glauben heraus zu leben? Und aus was für einem Glauben heraus überhaupt? Was ist das für ein Glaube, von dem wir hier reden?

Der Glaube des Glaubensbekenntnisses

Viele werden jetzt sagen: "Ist doch klar! Unser Glaube ist das, was wir eben glauben!" Und dann beginnen wir meistens aufzuzählen, was wir glauben: dass Gott die Welt geschaffen hat, dass Jesus Mensch geworden ist, dass er auferstanden ist und dann noch dieses oder jenes ...

Wir zählen normalerweise mehr oder weniger die Sätze unseres Glaubensbekenntnisses auf. Und so ist Glaube auch gemeinhin definiert: Das versteht man bei uns unter Glaube.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Bibel - und mit ihr auch Jesus - unter Glaube etwas anderes versteht.

Biblisch glauben

Wir konstruieren das Wort "glauben" normalerweise mit dem Akkusativ. Normalerweise fragen wir zuerst "was" wir glauben: "Was glaube ich?"

Der Hebräer denkt da anders. Er konstruiert das Wort "glauben" zuerst mit dem Dativ. Und er fragt dabei: "Wem glaube ich?" Glauben heißt demnach im Verständnis der Bibel, nicht zuerst aufzuzählen, was ich glaube. Für den Hebräer kommt das erst in zweiter Linie.

Biblisch glauben heißt zuallererst zu sagen, wem ich glaube: Ich glaube dir! Und in Bezug auf Gott heißt das: Ich glaube dir, mein Gott. Ich glaube dir dein Jahwe-Sein. Ich glaube dir, dass du es gut mit mir meinst.

Alles andere ergibt sich dann daraus.

Von daher ist der Glaube, den uns die Bibel nahe bringen möchte, immer ein personaler Glaube. Es kann der Bibel nie darum gehen, Glaubenswahrheiten zu studieren. Glaube ist zuallererst die persönliche Auseinandersetzung, das persönliche Ringen mit Gott.

Mit, nicht über Gott reden

Die Bibel weiß, dass es nie gut ist, zuviel über Gott zu reden. Das Theologiestudium verhindert den Glauben meistens mehr, als dass es dazu hilft. Glauben heißt mit Gott zu reden, sich mit ihm auseinander zusetzen.

Überall dort, wo dies nicht geschieht, steht der Mensch und sein Glauben in großer Gefahr. Eine Gefahr, die Theologie, Religion und auch Kirche immer mit sich bringen. Es lässt sich in ihrem Raum so trefflich über Gott reden. Und Berufsredner über Gott - die Theologen, Theologinnen und die Pfarrer - erwecken dabei so gerne den Eindruck, als könnten sie am Besten darüber reden, als wüssten sie auch am Besten Bescheid. Und sie drängen sich daher gerne zwischen die Menschen und ihren Gott - nach dem Motto: "Fragt zuerst einmal uns, wir wissen schließlich Bescheid."

Und dabei ist die Gefahr sehr groß, dass die Menschen ihrem Gott immer mehr entfremdet werden. Manchmal könnte man überspitzt zur Auffassung gelangen, dass die Menschen gar keinen Gott mehr brauchen: Sie haben ja die Kirche und ihre Pfarrer.

Sich festmachen in Gott

Aber glauben heißt, jemandem zu glauben: Gott zu glauben. Nicht über Gott zu reden, sondern ihn anzusprechen und seinem Wirken in unserer Welt zu antworten. Dies macht auch das hebräische Wort für "glauben" deutlich. Das Wort "aman" - von dem unser "Amen" kommt - bedeutet zuallererst: "sich fest machen in jemandem", "sich ganz fest an jemanden halten", "sich und sein Leben in Gott verankern". Nicht von ungefähr ist der Anker zu einem der ältesten christlichen Symbole geworden.

Aus dem Glauben zu leben, heißt zuallererst - ganz persönlich und immer wieder neu - sich ganz fest in diesem Gott zu verankern, sich an diesen Gott zu halten. So wie es der jüdische Philosoph Martin Buber immer wieder umschrieben hat. Für ihn heißt, den Weg des Glaubens zu gehen, jeden Morgen aufs Neue zu fragen: "Welchen Weg muss ich heute wandern mit dir, du mein Gott!"

Kein detaillierter Verhaltenskatalog

Jetzt spätestens wird man spüren, dass es hier keinen Verhaltenskatalog geben wird - keine Zusammenstellung von Dingen, die man tun muss, um ein guter Christ zu sein. Solch eine Aufstellung wird man im übrigen in der ganzen Bibel nicht finden. Jesus selbst gibt vielmehr dem jungen Mann, der ihn genau danach im Evangelium fragt, eine abschlägige Antwort.

Es gibt keine allgemeinen Rezepte für das Leben. Jeder Tag ist anders und jeden Tag gilt es, sich neu auf eine ganz eigene Situation einzustellen. Und da ist es mit dem Glauben kein bisschen anders wie im Umgang mit einem anderen Menschen. Ich muss mich jeden Tag immer wieder neu auf ihn einstellen. Es gilt jeden Morgen aufs Neue die Frage zu stellen: "Welchen Weg muss ich heute wandern mit dir, du mein Gott!"

Mit Gott durch den Tag

Aber wie mache ich das? Wie soll dies gehen?

Eine Hilfestellung kann es schon sein, das Bewusstsein zu trainieren, dass Gott ganz einfach da ist. Dies sich immer wieder, den ganzen Tag über bewusst zu machen, scheint mir ein erster Schritt zu sein: "Du bist jetzt da, und das ist gut so. Ich danke dir dafür." Das ist der Anfang eines Lebens aus dem Glauben. Das ist schon der Anfang des Betens.

Über das Beten

Natürlich ist dieses eben beschriebene Beten kein Beten, wie es die meisten gelernt haben. Natürlich ist das kein ausformuliertes Gebet. Und natürlich will dieses Beten ausformulierte Gebete in keinster Weise zurücksetzen.

Unsere ausformulierten Gebete sind wichtig. Es braucht formulierte Gebete, denn ich kann nicht immer aus mir heraus beten - vor allem nicht beim Gebet in Gemeinschaft. Ich brauche formulierte Gebete auch dann, wenn ich aus irgend einem Grund - aufgrund eines Schicksalsschlages etwa - gar nicht mehr in der Lage bin selbst zu beten. Gerade da sind Gebetsformulare, ausformulierte Gebete wichtig.

Aber Beten ist an sich sehr viel mehr. Beten fängt dort an, wo ich aus dem Bewusstsein heraus lebe, dass Gott da ist; wo ich anfange ihm das zu sagen, ihn anzusprechen: "Du bist da. Und das ist gut so und ich danke dir dafür!"

Dies sich immer wieder, den ganzen Tag über, bewusst zu machen, das ist der Anfang vom Beten - und vielleicht auch schon die Vollendung des persönlichen Betens. Denn ich beginne dann auf ganz harmonische Weise, mit diesem Gott durch den Tag zu gehen.

Aufmerksam durchs Leben gehen

Bewusst mit Gott durch den Tag zu gehen auch schon der natürlichste Beginn eines Lebens aus dem Glauben. Wenn ich mit Gott gemeinsam in meinen Alltag gehe, dann werde ich manche Dinge ganz anders machen, als wenn ich einfach so "vor mich hin" lebe. Wenn ich darum weiß, dass Gott jetzt bei mir ist und dass er für mich am Werk, dann gehe ich meinen Weg anders. Dann werde ich vieles nicht so schnell als selbstverständlich erachten. Ich werde dankbarer sein. Ich werde darum wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, etwas zu Essen zu haben. Ich werde Gott beim Essen danken, bei Tisch beten …

Von Gott her zu entscheiden versuchen

Und ich werde mich immer wieder fragen: "Wie würdest Du jetzt weitergehen? Was würdest Du jetzt tun? Was meinst Du, mein Gott, was jetzt das richtige sein wird?"

Selbst wenn es auch nur in den wenigsten Fällen konkrete Antworten gibt - selbst wenn ich immer noch alleine entscheiden muss und Gott mir keine Entscheidung abnimmt - bin ich von einem überzeugt: Wenn ich ehrlichen Herzens frage, dann kann ich auch mit Fug und Recht zu meinem Gott sagen: "So mache ich es jetzt! Du weißt, dass ich mich redlich gemüht habe. Und wenn es nicht die richtige Entscheidung sein sollte, führe du es trotzdem zu einem guten Ende. Mach, dass am Ende das dabei herauskommt, was du für richtig hältst."

Ich bin überzeugt, dass ich auf diese Weise nie in die Irre gehen kann. Auch wenn am Ende vielleicht etwas anderes dabei herauskommt, als ich mir ausgerechnet habe: es wird dennoch gut werden. Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.

Und wenn ich Gott zugestehe, dass am Ende sein Wille - und nicht der meine - geschehen wird und soll, dann darf ich darauf vertrauen, dass Gott selbst da, wo Menschen es zum Bösen denken, eine Sache zum Guten denken wird.

Es gibt keine einfachen Antworten

Damit stehe ich dann aber - und da führt meines Erachtens kein Weg vorbei - auf recht unsicherem Grund. Leben wird dadurch kompliziert, es gibt keine einfachen Antworten. Es ist sehr schwer zu sagen: So genau ist es richtig - und das ist immer, absolut immer falsch.

Weil jeder Tag und jeder Mensch anders ist, muss ich jeden Tag, jeden Menschen und jede Sache neu betrachten. Deshalb kann es in unserem Leben auch nur allgemeine Prinzipien, Ideale, richtungsweisende Vorbilder geben; so wie es Jesus in seinen Worten und seinen Taten uns vorgegeben hat. Im Einzelfall muss ich noch einmal genau hinsehen - vor allem, wenn es darum geht, eine Sache zu beurteilen. Es gilt auch da noch einmal zu fragen: "Du, mein Gott, wie würdest du das jetzt sehen? Wie würdest du jetzt urteilen?"

Den einzelnen Fall betrachten

Natürlich ist es ein hohes Ideal und ein wertvolles Gut, wenn zwei Menschen in der Ehe einen gemeinsamen Lebensweg beginnen. Aber kann ich Menschen verurteilen, die in diesem Unterfangen trotz allem Bemühen scheitern? Kann im ein oder anderen Fall ein neuer Anfang nicht vielleicht sogar geboten sein?

Und natürlich darf ich nicht töten. Aber kann es nicht sein, dass es im Einzelfall tatsächlich Gründe für eine Frau gibt, ein Kind nicht zu bekommen? Ist hier wirklich alles rundweg zu verurteilen?

Und ganz klar ist die Gemeinschaft der Kirche wichtig. Und sicher ist es auch nachzuvollziehen, wenn die Kirchenleitung betonen, dass nur der, der in der Gemeinschaft dieser konkreten Kirche steht, voll an ihrem Leben teilnehmen kann. Aber lädt deshalb nicht trotzdem Gott zur Eucharistie ein? Unterscheidet er so, wie wir das gemeinhin tun?

Nach all dem, was ich von diesem Jesus Christus mitbekommen habe, sind Barmherzigkeit, Großmut und vor allem Menschlichkeit wesentliche Züge, die wir von ihm zu lernen haben. Eine Kirche mit menschlichem Antlitz - die den individuellen Menschen in seiner Situation sieht und nicht nur das Prinzip -, das ist eine Kirche, die ihm am ehesten entspricht.

Ist damit der Beliebigkeit nicht Tür und Tor geöffnet?

Natürlich werden einige jetzt sagen: Wenn Kirche keine klaren Grenzen mehr setzt, wenn es keine verbindlichen Richtlinien mehr gibt, dann gibt es einen "Dammbruch", dann ist der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet, dann macht jeder nur noch, was er will.

Aber ist diese Gefahr wirklich so groß? Ich denke, dieser Gefahr unterliegt nur der, der nicht begriffen hat, wer dieser Gott für ihn ist. Wer im Bewusstsein durchs Leben geht, dass Gott mit ihm zusammen unterwegs ist, wird mehr Zuversicht haben. Wer sich wirklich bewusst ist, was dieser Gott für uns bedeutet, der wird ganz einfach keinen anderen Gott neben ihm haben können. Er wird mit diesem Gott wandern wollen und er wird deshalb gar nicht den einfachsten Weg suchen. Er wird den Weg gar nicht suchen, auf dem ich mich um ein konsequentes Leben lediglich herummogele.

Wenn ich einmal begonnen habe zu glauben, wenn ich diesen Gott einmal in meinem Leben erspürt habe, dann will ich doch auch, dass dieser Glaube in meinem Leben seinen Platz hat.

Die wahre Frömmigkeit

Trotz aller Unsicherheit des Abwägens können wir einen Grundsatz für ein Leben aus dem Glauben auf jeden Fall mitnehmen: Wer sich auf den Weg des Glaubens macht, der macht sich auf den Weg der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen. Beides gehört immer zusammen.

Keiner, der nur eines von beidem im Blick hat, kann von sich behaupten, dass er dem Ruf Gottes wirklich folgt. Es gibt kein einseitig horizontales und genauso wenig ein einseitig vertikales Christentum.

Wer Gott aus seinem Leben ausklammert, dem fehlt eine elementare Dimension seines Daseins. Und wer den Nächsten aus den Augen verliert, kann nicht von sich behaupten, wirklich fromm zu sein.

Auch wenn unser deutsches Wort "fromm" mittlerweile stark nach reiner Gottesfrömmigkeit - und damit nach Weltfremdheit - riecht, ist wahre Frömmigkeit etwas anderes. Die Menschen des Mittelalters wussten noch sehr genau darum: Zur wahren Frömmigkeit gehörte für sie immer beides: Gott-offen zu sein und gut zu den Menschen.

Wozu mache ich das?

Warum aber soll ich nun diesen Weg gehen? Warum soll ich mich auf den Weg der Nachfolge machen? Was habe ich davon?

Nun, ich brauche es gewiss nicht umsonst zu tun. Ich darf mich ruhig fragen, was ich davon habe. Ich habe nämlich sehr viel davon. Ich werde mit einer Hoffnung belohnt, die alles andere übersteigt. Eine Hoffnung, die mich selbst bei Schicksalsschlägen - und seien sie noch so hart - über manches hinwegtragen kann. Eine Hoffnung, die anderen Menschen fehlt, die den Menschen, die diesen Gott noch nicht kennengelernt haben oder seinen Anruf noch nicht verspürten, schlichtweg fehlt. Und es fehlt ihnen damit für meine Begriffe unermesslich viel!

Von der Weitergabe des Glaubens

Muss ich noch sagen, dass diese Hoffnung dann von sich aus danach drängt, weitergesagt zu werden?

Wer einmal diese Dimension von Glauben ergriffen hat, der kann das ganze gar nicht für sich selbst behalten: Er wird von sich aus einen "Missionsdrang" verspüren. Nicht um andere zu bevormunden, nicht um andere zu etwas zu zwingen, was sie gar nicht wollen, sondern um diese Dimension von Glauben und von Leben anderen Menschen zu erschließen.

Ein vom Glauben erfüllter Mensch will dies alles weitergeben, so wie es der erste Petrusbrief aufs vortrefflichste sagt:

"Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt ..." (1 Petr 3,15)

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Unser Glaube - Ein Versuch zeitgemäßer Antworten