"Gewissen! Jeder Mensch hat ein anderes Gewissen. Welches Gewissen ist denn im Recht? Darüber habe ich schon ziemlich viel nachgedacht."

"Dann will ich mich anders ausdrücken: Nicht die juristische, sondern die religiöse Seite. Wer von Schuld spricht und weiß, wovon er spricht, meint religiöse Schuld."

Auch sie blickte jetzt wieder geradeaus. Sie legte die linke Hand vor ihren Mund und blies den Atem durch die Finger. "Nun fangen Sie damit an. Ich habe schon die ganze Zeit darauf gewartet, daß Sie mit irgend so etwas kommen würden. Schuld, juristische Schuld, menschliche Schuld, religiöse Schuld, Schuld und immer wieder Schuld. Ich kann das Wort nicht mehr hören, also ich kann es einfach nicht mehr hören. Wenn es einem Tag und Nacht vorgehalten wird, dann - kann - man - es - nicht - mehr - hören." Ihre Hand schlug im Rhythmus des Sprechens gegen das Kinn und fiel dann auf den Sitz.

"So."

"Wer hält es Ihnen denn Tag und Nacht vor?"

"Soll ich Ihnen einmal etwas sagen?" Ihre Stimme bekam einen entschlossenen Klang, einen etwas zu entschlossenen Klang, so, als müsse sie sich selbst den Rücken stärken. "Es gibt überhaupt keine Schuld. Die Menschen denken einfach nicht mutig genug nach, nicht frei genug. Sie bringen einfach nicht den Mut auf, einmal alles beiseite zu schieben, was andere herausgefunden haben, und von vorn anzufangen."

Das ist allerdings eine erstaunliche Behauptung."

"Wenn man erst einmal vor den großen und erhabenen Wörtern keine Angst mehr hat, stößt man auf lauter erstaunliche Dinge." Sie stützte die Handballen auf den Polstersitz und stemmte sich ein bißchen hoch. "Schuld ist auch so ein erhabenes Wort, so einen erhabene Lüge."

(Manfred Hausmann)

Der Text ist entnommen dem Band: "Stern in dunkler Nacht" von Manfred Hausmann, Ó S. Fischer Verlag GmbH, (Frankfurt am Main 1988) S. 132-133. Wir danken dem S. Fischer Verlag für die Erlaubnis den Text hier veröffentlichen zu dürfen und weisen auf die Produkte des Fischer Verlages gerne hin.

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