Roter Mohn

Es geschah an einem schönen sonnigen Tag. Die Straße war erfüllt von Kinderlärm, als plötzlich meine Welt zusammenbrach. Ein Schrei tötete das Gelächter. Es war Jackie. Sie rannte auf mich zu. Ihr Gesicht war weiß vor Angst und Schrecken.

"Fynn", rief sie, "oh Gott! Fynn, Anna! Sie ist tot. Sie ist bestimmt tot."

Eiswasser rann mir den Rücken hinunter. Ich rannte die Straße entlang. Da hing Anna quer über einem Zaun. Ihre Finger griffen kraftlos nach einem Halt. Ich hob sie herunter und wiegte sie in meinen Armen. Schmerz flackerte in ihren Augen.

"Bin vom Baum gefallen", flüsterte sie.

"Ist gut Fratz. Wird alles gut. Ich bin bei dir. Ich halte dich fest."...

Ich stürzte zum Fenster, riß es auf. Cory war draußen.

"Schnell, hol den Arzt!"

Cory nickte und raste davon. Plötzlich wußte ich Bescheid. Ich ging zurück an Annas Bett. Es war keine Zeit zum Weinen. Es war niemals Zeit zum Weinen. Kalte Angst saß in meinem Herzen. Ich hielt ihre Hand. Ich dachte, ich bat, ich betete, ich beschwor Mister Gott.

"Fynn", flüsterte sie, und wieder lief ein Lächeln über ihr Gesicht. "Fynn, ich hab dich lieb!"

"Ich dich auch, Fratz."

"Fynn, ich wette, Mister Gott läßt mich dafür in sein Himmel rein."

"Ich wette, er wartet persönlich auf dich am Tor."

Ich wollte noch viel mehr sagen, aber sie hörte nicht mehr zu. Die Tage brannten nieder wie große Kerzen. Die Zeit schmolz und gerann zu nutzlosen, häßlichen Klumpen. Zwei Tage nach Annas Begräbnis fand ich eine Schachtel, in der sie Samenkörner gesammelt hatte. Das gab mir Arbeit. Ich ging zum Friedhof und stand dort eine Weile herum. Wäre ich ihr nur näher gewesen, hätte ich nur mehr von ihr gewußt. Hätte ich... hätte ich... Ich streute die Körner auf die frisch aufgeworfene Erde und warf die Schachtel fort.

Ich wollte Mister Gott hassen, wollte ihn aus meinem Leben werfen. Aber er ließ sich nicht verscheuchen. Er wurde realer als je zuvor. Ich konnte nicht hassen, höchstens verachten. Gott war ein Idiot, ein Dummkopf, ein Kretin. Er hätte Anna retten können; warum hatte er es nicht getan? Er ließ es einfach geschehen, und es war die unsinnigste Sache der Welt. Dieses Kind... es war noch nicht acht Jahre alt. Gerade als es... ach, zum Teufel.

Der Textausschnitt aus dem Kapitel "Roter Mohn" ist dem Buch "Hallo Mister Gott, hier spricht Anna" von Fynn entnommen, Ó Scherz Verlag, Bern und München (9. Auflage 1979) S. 167, 169-170 [In jeder Buchhandlung erhältlich]. Wir danken dem Scherz Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung und weisen auf die Produkte des Verlages gerne hin.

Bitte sagen Sie uns Ihre Meinung oder schreiben Sie uns ganz einfach. Meine Adresse lautet: Dr. Jörg Sieger, Mannheimer-Str. 54, 76131 Karlsruhe, Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.

Unser Glaube - Ein Versuch zeitgemäßer Antworten
Hinführung zum Themenkreis: Warum hast Du mich verlassen? -
Die Frage nach Leid und Tod