Vom I. zum II. Vatikanischen Konzil

An der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert hatten die Menschen in Europa und weiten Teilen der Welt ganz andere Sorgen, als sie das I. Vatikanische Konzil thematisiert hatte. Der Nationalismus und Totalitarismus eroberte nach und nach die Staaten der Welt.

1. Europa im Zeitalter des Totalitarismus

Vor allem Europa wurde - und das brauche ich Ihnen ja nicht näher darzulegen - von zwei grausamen Kriegen erschüttert und in die Knie gezwungen. Fast überall gab es in diesen Jahren nationalistische, ja faschistische Strömungen. Keine jedoch kam in ihrer teuflischen Vollkommenheit an die nationalsozialistische Diktatur heran - eine Zeit, in der auch die Rolle und Stellung der Kirche mehr als nur schwierig war.

Natürlich gab es viel Versagen, viel Mitläufertum und manches Fehlverhalten von Seiten kirchlicher Autoritäten. Über manches aber schüttelt man im Nachhinein viel zu leicht den Kopf. Vieles ist wohl einzig und allein aus der Situation der damaligen Zeit heraus zu verstehen - was nun absolut keine Rechtfertigung für tatsächliches Versagen sein soll.

Nicht vergessen werden darf hier aber die beispielhafte Haltung einer ganzen Reihe einzelner Christen, die etwa jüdische Mitbürger versteckten, ihre Flucht ermöglichten oder auch mutig gegen das Unrecht des Regimes aufstanden. An Dietrich Bonhöffer, Alfred Delp oder wie sie alle heißen, sei hier erinnert. Aber auch die Frauen dürfen hier nicht vergessen werden, für die ich stellvertretend ganz einfach Edith Stein nennen möchte.

Die Kirchenleitungen taten sich insgesamt nicht ganz so rühmlich hervor, wie diese einzelnen Persönlichkeiten. Leider aber wird die Rolle des Papstes heute vielfach viel zu einseitig unter dem Aspekt des Versagens von Kirche dargestellt. Ich möchte nur daran erinnern, dass Pius XII. persönlich in den Mauern des Vatikanstaates Hunderten von Juden das Leben gerettet hat.

dass in einer Zeit, in der Menschen wie in kaum einer anderen Epoche Schuld auf sich geladen haben, auch die Christen nicht unschuldig geblieben sind, will allerdings niemand in Abrede stellen.

2. Das Aggiornamento

Die Zeit nach dem Krieg wurde um so mehr eine Zeit des Wiederaufbaus und der Erneuerung auch der Kirche. Was im Rahmen des I. Vatikanischen Konzils aus Ängstlichkeit und übertriebener Sorge unter dem Titel Reformverweigerung auf der Strecke blieb, sollte dann unter Papst Johannes XXIII. und seinem Nachfolger Paul VI. tatsächlich mit Hilfe eines großen Reformkonzils nachgeholt werden.

Die Einzelheiten dieses großen II. Vatikanischen Konzils hier darzustellen, erspare ich mir und Ihnen an dieser Stelle. Ich möchte es mit einer Begebenheit im Vorfeld des II. Vatikanums bewenden lassen, die letztlich im Grunde aber bereits das Ganze umreißt. Als nämlich am 25. Januar 1959 Papst Johannes XXIII. in der Sankt Pauls Basilika in Rom verkündet hatte, er werde demnächst ein allgemeines Konzil einberufen, da waren seine engsten Mitarbeiter entsetzt.

Warum, um alles in der Welt sollte denn ein Konzil stattfinden? Klappte denn in der Kirche nicht alles vorzüglich? Warum also ein Konzil? Johannes XXIII. soll sich diese besorgten Einwände und Fragen eine Zeitlang angehört haben. Dann soll er lediglich aufgestanden und zum Fenster gegangen sein. Und dann habe er das Fenster weit aufgemacht und dabei ganz einfach gesagt: "Ecco", deswegen.

Neuen Wind, frische Luft, das wollte das II. Vatikanische Konzil in unsere Kirche bringen. Es schuf dazu ein gewaltiges Werk an Beschlüssen und Dokumenten. Diese gilt es nun, wie bei allen großen Konzilien der Geschichte, in die Tat umzusetzen. Und damit sind wir auch 30 Jahre nach dem Konzil noch lange nicht am Ende.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 20. Juli 2000