Der Ausgang des 19. Jahrhunderts

Die Position der Katholiken war jetzt in Deutschland äußerst schwierig. Das zweite Kaiserreich, das das Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland prägte, war preußisch-protestantisch dominiert. Katholiken, die immer im Verdacht standen, innerlich mehr dem Papst als dem Kaiser verpflichtet zu sein, waren von wichtigen Staatsämtern häufig ausgenommen.

1. Badischer Kirchenkampf und Kulturkampf

Bereits bevor der preußische König deutscher Kaiser wurde, äußerten sich solche Spannungen im Großherzogtum Baden im sogenannten badischen Kirchenkampf.

Sie gingen fast nahtlos in den großen Kulturkampf über, jene Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche, die das Ende des 19. Jahrhunderts überschattete.

Die preußische Regierung unter Reichskanzler Otto von Bismarck versuchte dabei durch eine Fülle von Maßnahmen, die katholische Kirche wegen ihrer Bindung an den Papst in Rom unter Druck zu setzen und ihren Einfluß im öffentlichen Leben weitgehend zu verdrängen.

Maßnahmen der preußischen Regierung unter Bismarck waren:

Zahlreiche Bischöfe und Priester wurden in den Jahren 1874 bis 1875 wegen Verstößen gegen diese Gesetze verhaftet.

Das sogenannte Brotkorbgesetz von 1875 stellte dann alle Geldleistungen und Zuschüsse des Staates an die Kirche ein.

Trotz dieser staatlichen Maßnahmen wuchs der Widerstand der katholischen Bevölkerung gegen einen Staat, der die Katholiken diskriminierte. Viele Geistliche befolgten die Maigesetze nicht und wurden deswegen mit Gefängnis bestraft. Bismarck musste schließlich einlenken, als er sah, wie erfolglos sein Vorgehen war. Er baute die Kampfgesetze zum Teil wieder ab.

Als 1878 Papst Pius IX. gestorben war, einigte sich Bismarck mit dessen Nachfolger Leo XIII. nach und nach. Beide Seiten verzichteten auf überspitzte Forderungen.

So wurde der Kulturkampf langsam überwunden, nicht aber ohne deutliche Spuren hinterlassen zu haben. Er hatte die Katholiken im Deutschen Reich zwar geeint, aber sie auch in eine Ghettohaltung gezwungen, die eigentlich erst nach dem 2. Weltkrieg überwunden wurde.

2. Das I. Vatikanische Konzil

Nun sind wir aber in der Folge der Ereignisse etwas vorausgeeilt. Ich habe nun schon einmal die politischen Ereignisse und ihre Einwirkungen auf die Kirche grob nachgezeichnet. Ein einschneidendes theologisches und kirchenpolitisches Geschehnis muss ich an dieser Stelle noch nachtragen. Ich meine das sogenannte I. Vatikanische Konzil.

a. Die Vorgeschichte

Pius IX., den ich gerade eben im Zusammenhang mit dem Kulturkampf erwähnt habe, war ein Papst, der von ungeheurer Angst getrieben war. Überall witterte er Angriffe gegen die Kirche. Und gegen solche Angriffe glaubte er sich ständig zur Wehr setzen zu müssen. Bereits im Jahre 1864 übersandte Pius mit seiner Enzyklika "Quanta cura" allen Bischöfen einen "Syllabus", das heißt eine Zusammenstellung von 80 Zeitirrtümern, die vom katholischen Standpunkt aus zu verwerfen seien. Strömungen wie der Pantheismus, Naturalismus, Rationalismus, Sozialismus und Kommunismus waren in diesem Rundumschlag unter anderen genannt. Darüber hinaus wurden irrige Meinungen über das Verhältnis von Kirche und Staat, über die Natur der christlichen Ehe und die Notwendigkeit bzw. Nicht-Notwendigkeit des Kirchenstaates aufgeführt. Besonders scharf wurden der Liberalismus und der ungezügelte Fortschrittsglaube zurückgewiesen.

Katholiken wie Protestanten warfen dem Papst daraufhin Rückständigkeit und Kulturfeindschaft vor. Und sie taten dies sicher nicht ganz zu unrecht. Der eigentlich unnötige Syllabus Pius' IX. gehört durchaus in das Kapitel einer angstbetonten Reformverweigerung.

b. Der Verlauf des I. Vatikanums

Am 29. Juni 1868 wurde nun durch Pius IX. die Einberufung eines Allgemeinen Konzils in den Vatikan angekündigt. Die Angst unter den Bischöfen war groß, dass einzelne Punkte des Syllabus zu Dogmen erklärt werden sollten.

Tatsächlich beabsichtigte das Konzil, eine umfassende Darstellung der Lehre von der Kirche zu verabschieden. Man begann dabei mit ihrem irdischen Haupt, dem Papst, und eröffnete am 9. Mai 1870 die Beratungen über die sogenannte päpstliche Unfehlbarkeit. 37 Sitzungen und 140 lange und harte Reden zeugen davon, wie umstritten die Thematik war. Letztlich setzte sie der Papst und die Majorität der Bischöfen, die durch die Strömungen der Vergangenheit, durch Gallikanismus, Episkopalismus und Staatskirchentum verängstigt waren, auf dem Weg der Abstimmung durch.

In der Schlussabstimmung am 18. Juli 1870 wurde festgehalten, dass der Papst, wenn er in Glaubens- und Sittenfragen, ausdrücklich und als Amtsperson, also ex cathedra, eine endgültige Entscheidung treffe, aufgrund der göttlichen Führung in dieser Entscheidung nicht fehl gehen könne.

Vor allem in Deutschland löste diese Erklärung Widerspruch aus. Ein nicht zu kleiner Teil der Kirche, der mit der Dogmatisierung der Unfehlbarkeit nicht konnte, spaltete sich als altkatholische Kirche deshalb von der römisch-katholischen Kirche ab.

c. Das Ende des I. Vatikanums

Viel mehr gibt es im übrigen vom I. Vatikanischen Konzil nicht zu berichten. Unmittelbar nach der Definition der Unfehlbarkeit zwang der bereits am 19. April 1870 ausgebrochene Deutsch-Französische Krieg viele Konzilsväter zur Heimkehr. Am 20. September 1870 machte die Besetzung Roms durch die Piemontesen eine Fortsetzung des Konzils gar unmöglich. Das I. Vatikanum endete deshalb vorzeitig, ohne dass es sein Ziel erreicht hatte - manche sagen glücklicherweise. Die große Darstellung der Lehre von der Kirche war nicht in Angriff genommen worden. Sie folgte erst ein knappes Jahrhundert später, dann aber unter ganz anderen, positiveren kirchenpolitischen Vorzeichen.

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Letzte Änderung: 20. Juli 2000