Zum Verhältnis von Kirche und Staat

In unserem Durchmarsch durch das erste Jahrtausend sind wir jetzt bereits an der Schwelle zum Mittelalter angelangt. Die politischen Konstellationen in Europa hatten sich in der Zwischenzeit grundlegend verändert. Während der östliche Mittelmeerraum weiterhin unter dem Einfluss des oströmischen Reiches stand, war das weströmische Reich in den Wirren der Völkerwanderung längst zugrundegegangen. Neue Imperien, neue Dynastien drängten in das entstandene Machtvakuum.

1. Von der Taufe Chlodwigs (498/99 n. Chr.) bis zur Kaiserkrönung Karls des Großen

Eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung des mitteleuropäischen Raumes spielten dabei die Franken.

Bereits Ende des 5. Jahrhunderts hatte der Frankenkönig Chlodwig (482-511 n. Chr.) die Alamannen besiegt. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts schlug er die Westgoten und besetzte Aquitanien. Damit war er zu einem Machtfaktor geworden, an dem man nicht mehr vorbeikam.

Entscheidend für die weitere religiöse Entwicklung des mitteleuropäischen Raumes war dabei, dass Chlodwig am Weihnachtsfest des Jahres 498 oder 499 in Reims durch Bischof Remigius getauft worden war. Mitteleuropa kam demnach unter den Einfluss eines Herrschergeschlechtes, das, was die Religion anging, aufs engste mit dem Papst in Rom verbunden war.

Das fränkische Königsgeschlecht der Merowinger, das sich auf Chlodwig zurückführte, verlor im Laufe der Jahrhunderte zwar an Einfluss, aber die Franken selbst blieben die entscheidende Größe.

Als 743 n. Chr. Childerich III. König wurde, war das fränkische Königtum eigentlich völlig ausgehöhlt. Daneben aber war ein anderes Geschlecht erstarkt, das in der Folge die eigentliche Macht übernehmen sollte. Neben dem völlig unbedeutenden König hatte Karl Martell (714-741 n. Chr), sein "maior domus", sein Hausmeier, nämlich ganz unumstritten die Macht inne. Dies setzte sich unter seinen Söhnen Karlmann (741-747 n. Chr.) und Pippin (741-768 n. Chr.) fort.

Pippin wagte nun den Schritt, die faktische Herrschaft auch in eine offizielle Herrschaft umzuwandeln. Dazu musste er aber den König absetzen. Er tat dies nun, indem er in Rom, bei Papst Zacharias (741-757 n. Chr.), nachfragen ließ, ob nicht dem die Königswürde zustünde, der auch die tatsächliche Macht innehatte.

Der Papst stimmte dem zu und so wurde Pippin im Einvernehmen und mit dem Segen des Papstes König der Franken. Zacharias beauftragte sogar Bonifatius, Pippin zum König zu salben. Damit erhielt das neue fränkische Königtum gleichsam eine sakrale Weihe. Und Winfrid Bonifatius wurde dadurch nicht zuletzt zum Wegbereiter Karls d. Gr. und damit bereits vor ihm "Grundleger des Abendlandes".

Wichtigster Spross dieses neuen fränkischen Herrschergeschlechts war nämlich Karl, den man später der Große nannte. Er setzte die Politik Pippins ganz konsequent fort und reiste im Jahre 800 n. Chr. nach Rom, wo er sich vom Papst am Weihnachtsfest zum neuen römischen Kaiser krönen ließ.

2. Das Papsttum zwischen dem Untergang des römischen Reiches und der Kaiserkrönung Karls des Großen

Über dreihundert Jahre nach der Absetzung des römischen Kaisers Romulus Augustus im Jahre 476 durch den germanischen Heerführer Odoaker gab es im westlichen Europa nun also erstmals wieder einen Kaiser. Es war der Franke Karl d. Gr.

Während die römischen Kaiser des Altertums diesen Titel aber ganz einfach als Herrscher des römischen Imperiums innehatten, erlangte Karl den Kaisertitel auf ganz anderem Wege. Er wurde vom Papst zum Kaiser gekrönt. Und dieser Umstand weist bereits darauf hin, dass sich in den vergangenen Jahrhunderten einige Akzente ganz deutlich verschoben hatten.

Nachdem das weströmische Imperium untergegangen war, hatte nämlich der römische Papst - gleichsam als einziges Überbleibsel der alten Ordnung - viele Fäden, die bislang beim Kaiser zusammengelaufen waren, in die Hand genommen. Mit fortschreitender Zeit verstanden sich die Päpste daher auch immer stärker beinahe als so etwas wie Rechtsnachfolger des alten römischen Imperiums. Der Papst übernahm immer mehr die Rolle, die früher der Kaiser innegehabt hatte. Es entstand das, was man mit einem Schlagwort knapp als "Papocaesarismus" bezeichnet.

Von daher keine Frage, dass Papst Leo III. davon ausging, das Recht zu haben, einen neuen römischen Kaiser zu krönen. Dieser neue Kaiser sollte - wie vormals die Kaiser nach Konstantin - weltlicher Schutzherr der christlichen Kirche sein.

3. Caesaropapismus und Papocaesarismus

Natürlich ging der Papst in der Folge davon aus, dass das religiöse Oberhaupt, der Papst, über dem Kaiser als weltlicher Instanz stehe. Damit war der Konflikt zwischen Kaiser und Papst, der das ganze Mittelalter prägen sollte, bereits vorprogrammiert.
Im Osten des Mittelmeerraumes war die Entwicklung eine ganz andere. Während der Papst im Westen immer mehr die Rolle der Caesaren übernommen hatte, also - wie bereits gesagt - der sogenannte "Papocaesarismus" entstanden war, gab es im Osten des Mittelmeerraumes den Kaiser als politische Instanz natürlich weiterhin.

Ostrom existierte ja noch und mit ihm sein Kaiser und damit natürlich auch das alte Bewusstsein, nach dem der Kaiser auch oberste Instanz innerhalb der Kirche sei. Die Rolle, die im Westen der Papst innehatte, spielte im Osten ganz selbstverständlich weiterhin der Kaiser. Im oströmischen Reich begegnet uns demnach der sogenannte "Caesaropapismus".

Dies ist mit ein ausschlaggebender Grund dafür, warum sich in der Ostkirche eine Instanz wie unser Papsttum nie entwickeln konnte. Die politischen Voraussetzungen, die im Westen das Machtvakuum entstehen ließen, in dem sich eine starke zentrale kirchliche Gewalt herausbilden konnte, die zudem auch politische Macht beanspruchte, waren im Osten nie gegeben.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 19. Juli 2000