Auf der Suche nach einer neuen Radikalität

Im Osten wie im Westen des römischen Imperiums finden wir Ende des 4. Jahrhunderts eine starke Theologie und eine starke Kirche mit ausgeprägten Bischofspersönlichkeiten, einer festgefügten Struktur und nicht zu unterschätzendem Einfluss.

Seit dem Religionsedikt des Kaisers Theodosios aus dem Jahre 380 n. Chr. war das Christentum im großen römischen Imperium nun Staatsreligion. Christ zu sein, das war etwas Normales geworden. Auf die persönliche Entscheidung des Einzelnen kam es mittlerweile nur noch am Rande an.

Immer dann, wenn die persönliche Entscheidung des einzelnen Gläubigen für seinen Glauben im Grunde gar nicht mehr gefragt ist, wenn es normal ist, Christ zu sein - wenn man eben bereits als Kind getauft wurde und sich eigentlich nie richtig Gedanken darüber machen musste, warum man jetzt an Jesus Christus glauben soll - immer dann beginnt das Christentum aber auch ganz gewaltig an Strahlkraft zu verlieren.

Und diese Entwicklung, diese behagliche Beheimatung des Christentums in der Gesellschaft der damaligen Zeit, diese erste große Volkskirche der Geschichte, sie war der Anlass einer bedeutenden "Aussteigerbewegung", die nun einsetzte.

1. Die "Aussteigerbewegung" in Folge des Religionsedikts von 380 n. Chr.

Getrieben von der Frage nach dem Eigentlichen des Christseins, nach dem sogenannten "Proprium Christianum", verließen eine Fülle von Menschen in diesen Jahrzehnten diese wohlsituierte kirchliche Struktur.

Sie sagten sich, Christsein beinhalte schließlich eine Radikalität. Da gehe es um Nachfolge, darum, alles zurückzulassen und Christus zu folgen. Und so ließen sie buchstäblich alles zurück, verließen die Städte und christlichen Gemeinden und gingen - biblischem Beispiel folgend - in die Wüste. Es begann die Zeit der großen Wüstenväter.

2. Die Entstehung des Mönchtums

Es waren zum größten Teil faszinierende Persönlichkeiten, die wir in dieser Zeit antreffen, Menschen, die Christsein mit einer Radikalität zu verwirklichen versuchten, die zu allen Zeiten ihresgleichen sucht.

Aber natürlich entstanden auch eine Fülle von zweifelhaften Formen christlicher Existenz, die heute bestenfalls ein Schmunzeln, wenn nicht sogar ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen. Das Ganze geht dann bis hin zu jener Art von christlicher "Freiluftaskese", bei der sich Menschen auf Säulenstümpfen anketten ließen und dort den Rest ihres Lebens verbrachten, nichts anderes mehr machend, als täglich die 150 Psalmen zu rezitieren. Unter dem Namen "Säulensteher" sind sie in die Geschichte eingegangen.

Solche Absurditäten aber, waren auf die Dauer gar nicht zu verhindern. Der Versuch einer Nachfolge Christi völlig allein und abgeschieden von allen anderen Menschen steht schließlich schon von vorneherein ganz stark in der Gefahr, auf ein schiefes Gleis zu führen. Christsein ist schließlich auf Gemeinschaft hin angelegt.

Bereits Ende des 3., vor allem aber dann in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts sammelte deshalb Antonios, der selbst als Einsiedler in die libysche Wüste gezogen war, eine Fülle von Eremiten um sich und vereinigte sie zu einer Gemeinschaft. Eine feste Regel sollte Extremen wehren und die eigentlich wesentlichen Punkte, eines solch radikalen Weges christlicher Nachfolge herausstreichen.

Hier liegen die eigentlichen Wurzeln des - vor allem dann für das Mittelalter - so wesentlich gewordenen Mönchtums.

3. Die Gründung des Klosters Monte Cassino durch Benedikt von Nursia (ca. 480 - 547 n. Chr.)

Was unter Antonios nun im 4. Jahrhundert in der Wüste Nordafrikas entstanden war, machte letztlich im ganzen römischen Imperium Schule, und zu Beginn des 6. Jahrhunderts wurde es von Benedikt von Nursia dann zur wirklichen Reife gebracht.

Benedikt, der um 480 n. Chr. als Spross einer gutsituierten Adelsfamilie geboren wurde, schuf bei Subiaco und letztlich dann in Montecassino eine Mönchsbewegung, die das ganze christliche Abendland prägen sollte.

Maßgebend für den Erfolg seines Werkes war neben seiner Überzeugungskraft und seiner starken Persönlichkeit vor allem die von ihm geschaffene Regel. Sie ist ein weitsichtiges und überaus praktikables Werk, das selbst heute noch über weite Strecken höchst modern klingt.

Man muss sich nur vor Augen halten, dass in den Klöstern Benedikts der Abt schon von Anfang an von allen Brüdern gleichermaßen gewählt worden ist, wobei die Stimme des Jüngsten genau das gleiche Gewicht wie die des Ältesten hatte. Und bei allen wichtigen Entscheidungen musste der Abt nach Benedikts Regel den Rat der Brüder - und ganz ausdrücklich genannt -, auch der jüngsten, einholen.

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Letzte Änderung: 18. Juli 2000