Die theologischen Schwerpunkte der ersten beiden Jahrhunderte

Ich möchte nun, nachdem wir hier gleichsam den äußeren, den politischen Strang betrachtet haben, noch einen kurzen Blick auf die innere Entwicklung werfen. Was hat sich im Zeitraum der ersten vier Jahrhunderte, theologisch getan, welche theologischen Schwerpunkte setzt die Kirche in diesen Jahrhunderten?

1. Vorbemerkung

Ich habe ja bereits an ein paar Stellen auf Ansatzpunkte theologischer Entwicklung hingewiesen: das Ausbleiben der Parusie und die Überwindung der Naherwartung zum Beispiel; oder die Ausprägung der Theologie des Amtes im Zusammenhang mit der Entwicklung der kirchlichen Struktur; und nicht zuletzt die Entfaltung einer Theologie der Buße, bedingt durch die große Zahl abgefallener Christen in der Verfolgung durch Kaiser Decius.

Schon diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass Entwicklungen in der Theologie kaum einmal geplant vor sich gingen. Es war nie so, dass irgendwo Theologen oder Bischöfe sich hingesetzt haben und sich überlegt haben, über was man sich denn heute wieder Gedanken machen könnte.

Theologische Aussagen waren immer durch konkrete Situationen veranlasst. Ein neu aufgetretenes Problem machte eine Antwort durch die Theologie notwendig. Auf diese Art und Weise wurde und wird Theologie vorwärtsgetrieben.

Und meistens war der konkrete Anlass für eine neue theologische Formulierung ein ganz konkreter und handfester Streit. Da hat irgendwo irgend jemand etwas ganz Unmögliches behauptet und darauf musste nun reagiert werden.

An zwei Punkten möchte ich das abschließend zumindest ansatzweise demonstrieren.

2. Die Festlegung auf einen Kanon der Heiligen Schrift

Und der erste Punkt in diesem Zusammenhang ist die Frage nach der Heiligen Schrift. Wie kam es zur Herausbildung eines christlichen Kanons Heiliger Schriften?

Am Anfang war ja auch für die Christen Heilige Schrift lediglich das, was wir in den Büchern des sogenannten Alten Testamentes finden. Weder Paulus noch die Evangelisten haben sich ja hingesetzt um Heilige Schrift zu schreiben.

Ab wann aber hat man nun diese christlichen Texte als Heilige Schrift bezeichnet? Und warum nur diese, warum nicht auch andere Texte, die etwa in der gleichen Zeit im Christentum entstanden sind?

a. Markion

Am Anfang dieses sogenannten Kanonisierungsprozesses stand wie so oft ein einzelner Theologe. Ein Mann namens Markion verkündete nämlich um die Mitte des 2. Jahrhundert, dass das Christentum in der Gefahr sei, sich von seinen Ursprüngen zu entfernen. Und er propagierte daher, dass man zurück zu den Quellen müsse. Nur das könne schließlich als wirklich christlich gelten, was auch den alten Quellen des Christentums entsprach.

So legte Markion eine Sammlung christlicher Schriften vor, die für ihn allein verbindlich sein sollten. Dazu gehörten einige Paulusbriefe und ein Teil des Lukasevangeliums. Alles andere zählte für ihn nicht dazu. Vor allem nicht das Alte Testament. Die Schriften des ersten Bundes schied Markion aufgrund seiner stark antijüdischen Haltung völlig aus.

b. Die kirchliche Reaktion

Solch eine Festlegung rief natürlich Kritik auf den Plan. Es kam zu gewaltigen Diskussionen um die Frage, welche Schriften nun als Heilige Schriften betrachtet werden konnten. In der Folge dieser Diskussionen wurde Markion, der sich wenig diskussionsbereit zeigte, als Irrlehrer aus der Kirche ausgeschlossen.

Als Abschluss dieser Entwicklung finden wir dann bereits gegen Ende des 2. Jahrhunderts den Katalog von Heiligen Schriften vor, den wir auch heute als Bibel vor uns haben.

Klar bekannt hat man sich dabei zum Alten Testament, das ja die Bibel Jesu und auch der Apostel gewesen ist. Darüber hinaus betrachtete man auch eine Reihe von Schriften als heilig und verbindlich, die erst in christlicher Zeit entstanden sind.

Um entscheiden zu können, welche Schriften nun zu diesem Neuen Testament gehören und welche nicht, hat man drei Kriterien entwickelt. Die entsprechende Schrift musste apostolisch sein, das heißt, man musste sie auf einen Apostel oder Apostelschüler zurückführen können, sie musste eine gewisse Universalität aufweisen, das heißt, sie musste eine Bedeutung für alle Christen haben, durfte also nicht etwa ein privates Schreiben sein, und sie musste mit dem Christusbild und der in der Kirche von Anfang an gelehrten Botschaft übereinstimmen.

Schon diese Kriterien lassen erahnen, dass hier Zündstoff für unzählige Diskussionen enthalten war.

3. Die Frage nach der Gottheit Christi

Diese möchte ich aber nicht weiter vertiefen, sondern noch auf einen weiteren Punkt aufmerksam machen, eine Frage, die in dem uns vorliegenden Zeitraum aufgebrochen ist, und eigentlich auch die ganzen weiteren Jahrhunderte beschäftigt hat.

Es ist dies die Frage, wer denn dieser Jesus Christus nun ist.

a. Das Zeugnis der Schrift

Wir haben in der Schrift ja ganz ambivalente Aussagen. Wir haben einmal die Formulierung, dass der Sohn und der Vater eins sind; wir finden im Johannesevangelium aber auch die Formulierung, dass der Vater größer ist als der Sohn.

In dieser Spannung befand sich die ganze christliche Theologie von Anfang an, vor allem aber dann mit dem Beginn des 4. Jahrhunderts.

b. Arius

In Alexandrien begann nun nämlich ein Priester namens Arius diese Frage zu ausdrücklich zu thematisieren. Und er entschied sie ganz einfach folgendermaßen:

Arius sagte, dass es eine Zeit gegeben habe, in der der Logos, so sprach man in der Theologie gemeinhin von Jesus Christus, in der dieser Logos eben noch nicht existiert hat. Der Logos Jesus Christus sei nichts anderes als ein Geschöpf des Vaters und dementsprechend ihm auch untergeordnet.

Diese Lehre des Arius sorgte für einen ungeheuren Sturm in der alten Kirche. Es brach ein Streit vom Zaun, der die Kirche nicht nur zu zerreißen drohte, sondern auch tatsächlich zerrissen hat.

c. Konstantin und das Konzil von Nicäa

Hier zeigt sich aber nun, dass mit dem 4. Jahrhundert innerhalb der Kirche ein neues Zeitalter begonnen hatte. Streit in der Kirche betraf nun nicht mehr nur die Christen allein. Er war mit Kaiser Konstantin nun auch Reichssache geworden.

Konstantin fühlte sich - obwohl selbst ja noch gar kein Christ - dazu berufen, diese Sache aus der Welt schaffen zu lassen. Sie gefährdete schließlich die Ordnung im Reich.

So berief der Kaiser im Jahre 325 n. Chr. ein Konzil nach Nicäa. Auf ihm sollten die Bischöfe und Theologen die Frage nach dem Verhältnis von Vater und Sohn diskutieren und letztlich auch lösen.

Gelöst wurde das Problem allerdings nicht, zumindest nicht wirklich.

Arius wurde verurteilt und seine Anhänger zogen dementsprechend als Arianer aus der Kirche aus. Eine Lösung, die eigentlich gar keine ist.

Und um die Frage nach dem Verhältnis von Vater und Sohn zu klären wählte man in Nicäa den Begriff "homoousios", "wesenseins". Man sprach also davon, dass der Sohn wesenseins mit dem Vater sei.

Genaugenommen wusste allerdings keiner, was damit jetzt so ganz richtig gesagt war. Was dieses "homoousios" nun genau bedeuten sollte, darüber stritt man sich noch weit über ein halbes Jahrhundert lang. Gelöst war die Frage damit also noch nicht.

4. Schlussbemerkung

Über diese Fragen und Probleme mag der ein oder die andere heute vielleicht den Kopf schütteln. Man mag sich fragen, ob die Theologen damals keine anderen Sorgen gehabt haben. Aber ich denke wir sind hier an einem ganz wichtigen Punkt angelangt, wir sind eigentlich sogar am Nerv des Christentums angelangt. Die Diskussionen, die nun in der Theologie aufbrachen, kreisten eigentlich um nichts anderes, als um die eigentlich zentrale Frage innerhalb der christlichen Theologie und innerhalb des Christentums überhaupt.

Es ist die Frage, wer dieser Jesus Christus denn ist, die eigentliche Frage, mit der christlicher Glaube im Grunde beginnt. Und es ist letztlich die Frage, die Jesus schon seinen Jüngern gestellt hat; die Frage nämlich:

"Ihr aber, für wen haltet Ihr mich?"

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Letzte Änderung: 18. Juli 2000