Die Anfänge des Christentums

Dass alles sehr viel schwieriger zu fassen ist, als es sich in unserer Vorstellung festgesetzt hat, das wird deutlich, wo wir auch hinschauen. Denn beinahe überall stoßen wir auf wunderschön glatte, sehr eingängige, aber eben geglättete und vereinfachte - und historisch betrachtet deswegen auch nicht richtige - Vorstellungen von den Anfängen des Christentums.

So kann ich mich noch gut daran erinnern, wie ich mir früher den Anfang der Kirche vorgestellt habe. Von den einschlägigen Hollywood-Schinken versaut, stellt sich der Anfang des Christentums in unserer Vorstellung ja meist als beinahe schon planmäßig organisiertes Missionswerk dar. Die zwölf Apostel Jesu haben sich in Jerusalem versteckt, werden am Pfingsttag vom Geist übermannt und brechen danach in alle Welt auf, um dort Gemeinden zu gründen.

Die geschichtliche Wirklichkeit stellt sich selbst in der Darstellung des Neuen Testamentes und erst recht für den Historiker dann doch etwas anders dar.

1. Die Träger der Mission

Schon der Kreis der Apostel war zum einen gar keine so fest gefügte Größe, wie sich das in der späteren Tradition darstellt. Wie hätte ansonsten Paulus dazu kommen können, sich Apostel zu nennen. Er gehörte schließlich nie zu den Zwölfen.

a. Nicht nur "zwölf Apostel"

Und darüber hinaus dürfen wir die Bedeutung der Zwölf für die Anfänge der Mission nicht überschätzen. Die ersten Missionare, wenn wir so wollen, die kennen wir überhaupt nicht. Missionare der Botschaft Christi, das waren nicht zuerst die sogenannten zwölf Apostel, Missionare waren vielmehr ganz einfach die Menschen, die Jesus gehört haben, oder Jerusalem-Pilger, die beim Todespascha in der Hauptstadt waren und die Kreuzigung und den Wirbel um seine Person mitbekommen haben.

Missionare, das waren Menschen, die auf irgendeine Art und Weise zum Auferstehungsglauben bekehrt worden sind und die nun die Botschaft vom auferstandenen Jesus von Nazareth ganz einfach nach Hause mitbrachten, sie weitersagten, sie und andere damit ansteckten.

b. Schon nach kurzer Zeit Verbreitung bis in die Reichshauptstadt

So berichtet Sueton etwa von Unruhen, die es vermutlich im Jahr 49 n. Chr. in Rom wegen eines Streites um einen Chrestos gegeben haben soll. Selbst in die Reichshauptstadt war die Botschaft von Jesus Christus zu dieser Zeit also schon gekommen. Das war aber bereits Jahre bevor Paulus in Rom angekommen ist. Auch Petrus war noch nicht dort. Wer das Christentum letztlich nach Rom brachte, das wissen wir nicht. Hier waren wohl solche anonymen Missionare am Werk, Menschen, die meist ganz unsystematisch ihre Begeisterung für den Auferstehungsglauben weitergetragen haben.

c. Unterstützende Faktoren

Und das konnte damals recht einfach geschehen. Eine ganze Reihe von Faktoren begünstigten diese spontane, ungeplante und unsystematische, aber nichtsdestoweniger ungeheuer rasche Ausbreitung des Christentums.

Es gab auf der einen Seite eine große jüdische Diaspora. In vielen Städten auch außerhalb Palästinas gab es bedeutende jüdische Gemeinden. Diese bedingten aber rege Kontakte mit Palästina. Die Wallfahrten zu den großen Festen nach Jerusalem zum Beispiel, setzten nicht unbeträchtliche Menschenmassen in Bewegung. Dies aber brachte es mit sich, dass Nachrichten von dort wie ein Lauffeuer durch die Mittelmeerwelt gingen.

Dass solche Nachrichtendamals tatsächlich auch durch die ganze Mittelmeerwelt gehen konnte, das hängt damit zusammen, dass diese ganze Mittelmeerwelt durch das Imperium Romanum zu einer mehr oder minder einheitlichen Größe geworden war.

Wir haben es in der damaligen Zeit mit einer bedeutenden Friedensperiode zu tun. Fast der gesamte Mittelmeerraum lag im Einflussbereich des römischen Imperiums. Er war erschlossen durch ein ausgeprägtes Verkehrsnetz und vor allem durch die überall gleiche Verkehrssprache, das Griechische. Paulus aus dem Osten des Reiches kann Griechisch, er kann nach Rom auf Griechisch schreiben und wird dort verstanden. Das begünstigt die Ausbreitung der christlichen Botschaft natürlich ungemein.

So können wir also sagen, dass der Anfang der Missionsbewegung absolut nichts Geplantes und Geordnetes gewesen ist. Wir haben es vielmehr mit einer recht spontanen und unkontrollierten Verbreitung des Christentums durch eine Fülle anonymer spontaner Gelegenheitsmissionare zu tun. Und diese Spontan-Mission wurde durch die politischen Gegebenheiten um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ungemein unterstützt.

d. Die Flurbereinigung der Apostel

Apostel gab es nun weit mehr als nur die bekannten Zwölf. Diese Berufsmissionare - wenn wir sie so nennen dürfen -  hatten nun im Nachhinein alle Hände voll zu tun. Aus den Paulusbriefen wissen wir etwa, dass der Apostel die ganze Zeit gegen irgendwelche Auswüchse des Christentums zu kämpfen hatte. Die Briefe des Paulus sind voll von scharfen Angriffen gegen Irrlehrer und falsche Auffassungen über Jesu Botschaft.

Dies ist nun also der zweite Schritt. Nach der spontanen Verbreitung der Botschaft durch zum Glauben gekommene Menschen folgt nun gleichsam die apostolische Mission, die Mission durch die bedeutenden Persönlichkeiten, deren Namen uns in den neutestamentlichen Schriften überliefert sind. Jetzt wird das, was allüberall entstanden ist, gleichsam gesammelt und geordnet.

Es wird aber auch ausgesondert und ausgegrenzt. Paulus findet ganz harte Worte für das, was man eben nicht mehr christlich nennen kann. Dieser zweite Schritt, der nun folgt, kann man dementsprechend gleichsam als die "Flurbereinigung der Apostel" bezeichnen.

2. Vom Judenchristentum zum Heidenchristentum

Genauso wenig wie die Ausbreitung des Christentums ein planmäßiger Vorgang gewesen ist, genauso wenig war es geplant, dass Heiden, also Nichtjuden, zum Christentum übertreten. Das ist schlicht und ergreifend passiert.

Vor allem wohl im Umkreis jüdischer Synagogen bekehrten sich sogenannte Gottesfürchtige, also dem Judentum nahestehende Menschen, die aber nicht den Schritt der Beschneidung auf sich genommen hatten, zum Glauben an Jesus, den Christus.

Die Größen der christlichen Bewegung standen demnach nicht vor der Frage, sollen wir auch zu den Heiden gehen oder nicht. Man musste sich vielmehr fragen: "Was machen wir mit den Heiden, die jetzt halt einmal da sind."

Die Mehrheit war wohl der Meinung, dass solche Menschen zuerst einmal Juden werden müssten, um sich taufen lassen zu können. So entstand ein regelrechter Streit, der die junge Kirche schon ganz am Anfang beinahe zu zerreißen drohte. Die Apostelgeschichte beschönigt etwas arg, wenn sie davon spricht, dass man sich in Jerusalem getroffen hätte, und dort auf dem sogenannten Apostelkonzil einen wunderschönen Kompromiss herausgearbeitet hätte. In Wirklichkeit scheint sich eine jahrelang andauernde Auseinandersetzung entwickelt zu haben, ein theologischer Streit, der eigentlich nie richtig gelöst wurde.

Die Briefe des Apostels Paulus geben Zeugnis von der Heftigkeit dieses Streites. Paulus spricht davon, dass er dem Petrus ins Angesicht getrotzt habe. Es ist letztlich Paulus zu verdanken, dass sich die beschneidungsfreie Mission am Ende durchgesetzt hat.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 18. Juli 2000