Zum Umgang mit geschichtlichen Stoffen

Es grenzt schon beinahe an Vermessenheit, auf diesen wenigen Seiten die Geschichte der Kirche nachzeichnen zu wollen. Wenn Sie eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Kirche haben wollen, dann müssen Sie in den einschlägigen Publikationen nachlesen. Vom mehrbändigen Handbuch bis zum schnell überflogenen Taschenbuch bietet der Buchmarkt in dieser Beziehung schließlich alles, was das Herz begehrt.

Ich kann hier lediglich einige Linien ausziehen, die einige Aspekte der Geschichte der Kirche deutlich machen sollen. Und ich kann versuchen aufzuzeigen, dass alles viel, viel komplizierter gewesen ist, als wir uns das gemeinhin vorstellen.

Zum Umgang mit geschichtlichen Stoffen

Und das ist eigentlich schon mein erstes Stichwort. Wir Menschen neigen nämlich dazu, in der Rückschau vieles zu simplifizieren, zu vereinfachen, Geschichte zusammenzudrängen auf wenige Ereignisse und vor allem auf wenige Personen. Das hängt schon damit zusammen, dass wir viele Dinge ganz einfach vergessen, dass wir sie einfach aus unserer Erinnerung streichen. Solche Vereinfachungen passieren also schon rein unterbewusst.

Sie sind aber auch ein regelrechtes Stilmittel. Wenn wir nicht die Absicht haben, eine regelrechte wissenschaftliche Untersuchung anzustellen, wenn wir Geschichte einfach erzählen wollen, dann reduzieren wir sie meist, dann streichen wir die Ereignisse auf wenige Linien und wenige handelnde Personen zusammen.

1. Die Geschichtsdarstellung in den Romanen Alexandre Dumas als Beispiel

Ein ganz deutliches Beispiel für diese Art von Simplifizierung geschichtlicher Vorgänge ist etwa der historische Roman. Wenn Sie beispielsweise an die Französische Revolution denken und diese in den Romanen von Alexandre Dumas an sich vorbeigleiten lassen, dann erscheinen die Ereignisse am Ausgang des 18. Jahrhunderts wie eine Beziehungskiste zwischen einer Handvoll Menschen. Es sind immer wieder die gleichen Personen, die auftauchen und die Handlung vorwärtstreiben.

Dadurch wird das ganze komplexe Geschehen sehr leicht nachvollziehbar. Man kennt die Akteure, kann sich mit ihnen identifizieren und die Zusammenhänge werden leichter verstehbar.

Nun ist das beim historischen Roman leicht zu erkennen. Aber solche historischen Reduktionen begegnen eben nicht nur in Romanen. Wir finden sie eigentlich überall, wo nicht Geschichtsforschung im modernen Sinne des Wortes getrieben wird.

2. Neutestamentliche Beispiele

Wir finden sie beispielsweise auch in den Evangelien. Denn unsere Evangelien sind ja alles andere als historiographische Aufzeichnungen über das, was Jesus an diesem oder jenem Tag getan hat. Die Verfasser der Evangelien wollen weit mehr: Sie wollen eine Botschaft transportieren, eine Theologie.

Und dazu sortieren sie, dazu ordnen sie ihren Überlieferungsstoff so an, dass diese Botschaft in ihren Berichten erkennbar und deutlich wird. Sie wählen aus der Fülle des ihnen vorliegenden Materials die Stoffe aus, die ihnen am besten geeignet scheinen, ihre Botschaft vom auferstandenen Jesus Christus den Menschen nahezubringen.

So hat der Verfasser des Lukas-Evangeliums zum Beispiel eine Fülle von Texten und Einzeltraditionen vorliegen. Aus dem gesamten Leben Jesu hat er Wunderberichte, Erzählungen von Predigten, Zusammenstellungen von Gleichnissen; Schlaglichter aus allen möglichen Situationen des Wirkens Jesu.

Und was tut er? Er sortiert das Ganze, er ordnet es nacheinander an und zwar so, dass man den Eindruck gewinnen könnte, Jesus bricht in Galiläa auf und marschiert mit seinen Jüngern direkt nach Jerusalem und auf diesem Weg ereignet sich nun all das, was der Evangelist an Traditionen vorliegen hat.

Das ist ein theologisches Konzept, damit möchte der Verfasser etwas zum Ausdruck bringen, und es stört ihn dabei absolut nicht, dass er die geschichtlichen Ereignisse zusammendrängt, verkürzt, vereinfacht. Er möchte schließlich etwas anderes als ein Tagebuch schreiben. Er möchte eine Botschaft transportieren.

Dies aber muss ich eben wissen, wenn ich als moderner Historiker durch die neutestamentlichen Schriften hindurch frage, was sich damals denn nun historisch gesehen ereignet hat.

3. Weitere Simplifizierungen in der christlichen Tradition

Die Tatsache, dass wir de Frage, was sich damals ereignet hat, auf dem Hintergrund unserer christlichen Tradition stellen, macht die Angelegenheit noch einmal komplizierter Wir haben ja schon von klein auf eine gewisse Vorstellung von dem, was sich damals ereignet haben mag.

Diese Vorstellung ist aber ganz stark geprägt eben von unserer christlichen Tradition. Und diese Tradition hat die Ereignisse der urchristlichen Zeit noch einmal vereinfacht.

Wenn die Evangelisten in ihrem Traditionsmaterial noch davon sprechen, dass Jesus mit unterschiedlichsten Leuten zu tun hatte, so identifiziert die spätere Tradition diese Leute immer stärker miteinander. So aber entsteht im Nachhinein der Eindruck, als hätte Jesus eigentlich nur mit einer Handvoll Menschen zu tun gehabt.

So sprechen die Evangelien etwa von einer Sünderin, die Jesus die Füße salbt, und sie sprechen von einer Frau, die beim Ehebruch ertappt wird und von Jesus vor der Steinigung gerettet wird und sie sprechen ferner von einer Maria aus Magdala, die dann am Karfreitag unter dem Kreuz steht.

In der Tradition wird dann vereinfacht. Alle drei Frauen werden plötzlich zu einer einzigen, nämlich zur Maria Magdalena, der Sünderin, die Jesus vor der Steinigung bewahrt, die ihm die Füße trocknete und ihm dann nachfolgte.

So wird der Blick verengt, so werden geschichtliche Zusammenhänge in der Erinnerung simplifiziert und vereinfacht, so wird Geschichte einfach, so einfach, dass ich sie dann in wunderschönen romantischen Hollywood-Filmen - und das wäre dann der Abschluss dieser Entwicklung - zum Anfassen nah präsentieren kann.

In Wirklichkeit aber war alles viel, viel komplizierter. Und wenn es mir gelingt, hier ein  klein wenig ein Gespür dafür zu eröffnen, dass die ganze Geschichte des frühen Christentums ein ungeheuer komplexer und beinahe schon undurchsichtiger, bisweilen chaotischer Prozess gewesen ist, und wenn ich dabei vielleicht noch den ein oder anderen weitverbreiteten Irrtum ausräumen kann, dann ist erreicht, was wohl auch maximal hier zu erreichen ist.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 17. Juli 2000