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Predigt gehalten im Jugendgottesdienst am 9. Mai 1998  St. Paul

Lk 1 ‚26-38 - Jugendgottesdienst in St. Paul am 9. Mai 1998

Liebe Gemeinde,

Vor einigen Jahren nahm ich an der Universität Köln an Kursen für Historiker teil. Im ersten Jahr gab es einen Grundkurs, im zweiten Jahr einen Aufbaukurs. Beim Aufbaukurs saßen wir am ersten Abend noch bei einem Kölsch zusammen, die anderen Kursteilnehmer und ich, die gleiche Besetzung wie im Jahr zuvor. Wir unterhielten uns übers Heiraten und ich erzählte, dass ich katholisch getraut worden bin. Plötzlich drehte sich eine Kursteilnehmerin zu mir um und sagte:

Was, Du Du bist verheiratet? und katholisch bist du auch noch? Ja, ich bin katholisch! Entsetzt haben die anderen mir erklärt, so etwas könne ich, eine junge Frau, Akademikerin, doch nicht allen Ernstes sein, katholisch! Wo doch die Kirche Frauen so unmöglich behandle: Ich solle doch nur an Paulus denken: der sagt: die Frau schweige in der Kirche, ich solle an Hexenprozesse im Mittelalter denken, Frauen, daß sieht man doch schon an Maria, sind nur zum Dienen da, Frauen sind zum Kircheputzen bestimmt.

Ja, es stimmt, leicht hat es unsere Kirche uns Frauen nie gemacht, und das, obwohl wir immer noch den höchsten Anteil der Kirchenbesucher darstellen, obwohl wir es sind, die den Glauben an die Kinder weitergeben! Die Älteren unter ihnen werden sich jedoch noch an Zeiten erinnern, wo Frauen in der Kirche noch viel weniger durften. Frauen sind seit dem 2. Vatikanischen Konzil als Lektorinnen und Kommunionhelferinnen tätig, Frauen geben ihren Glauben weiter, sie verkündigen ihn: in der Sakramentenkatechese, in Andachten als Wortgottesdienstleiterinnen, Mädchen sind Ministrantinnen. Ja, es stimmt, vieles hat sich geändert, vieles hat sich getan, auch in der katholischen Kirche. Nur, für mich sind diese Errungenschaften Normalität. Seit ich Kirche bewußt erlebe, seit ich regelmäßig in den Gottesdienst gehe, seit ich Kommunionunterricht hatte, gibt es all die Fortschritte schon:

Ich kenne keinen Gottesdienst mehr ohne all die Frauen, Lektorinnen, Kommunionhelferinnen, Katechetinnen, das ist normal für mich. Das einzige, was später kam, das sind die Ministrantinnen, das hat man mir noch verwehrt, das wurde erst später möglich. Ich träume nun von den nächsten Schritten, was bringt das neue Jahrtausend? was bringt es für mich? was für meine Töchter? Wird der Zeitpunkt kommen, wo Frauen nicht nur im Kleinen den Glauben weitergeben, sondern offiziell predigen dürfen? Wird der Zeitpunkt kommen, wo Frauen, nicht nur in den Gemeinden sozial engagiert sind, sich um Arme, Kranke, Schwache kümmern? Wird der Zeitpunkt kommen, wo Frauen nicht nur sozial engagiert sind, sondern auch zur Diakonin geweiht werden dürfen? zu diesem Amt, das ja genau dies beinhaltet: Kümmern um Randgruppen Verkündigung - Sakramentenspendung. Werden meine Töchter erleben, daß Frauen nicht nur die Stützen der Hospizbewegung sind, sondern auch das Sakrament der Krankensalbung spenden dürfen?

Ich würde mich freuen, wenn ich es noch erleben dürfte, erleben dürfte, daß meine Visionen Wirklichkeit werden. Ich fordere nicht radikalen Feminismus, wie die 80ger Jahre, wo plötzlich nur noch Frauenliturgie in war, wo Maria zur ersten feministischen Theologin wurde, nein, all das fordere ich nicht. Ich fordere nur Gleichbehandlung: Erkennen wir doch, daß die Bibel eine Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte von Männern und Frauen. Erkennen wir, daß Gott männliche und weibliche Züge hat:  Dann erkennen wir auch, daß es nur im Miteinander von Mann und Frau geht. Maria, die Frau, sagte ja, ja zu Gott, Maria wurde Mutter, sie sagte ja zu ihrem Sohn. Gott berief in Maria eine Frau, er beruft Frauen und Männer.

Hoffen wir, daß auch die Amtskirche bald die Notwendigkeit der beiden Pole erkennt: wir brauchen Mann und Frau, männliche und weibliche Seelsorge, männliche und weibliche Verkündigung, männliche und weibliche Diakonie. Und bis dahin halten wir es so, wie bei den Ministrantinnen: sie wurden hier in St. Paul 1981 eingeführt, der Papst erlaubte sie 1994. So lange lebte St. Paul im vorauseilenden Gehorsam, dieser Gehorsam ist es, der mich als Frau in unserer Kirche hält.

Ich stehe hier und sage Ihnen heute etwas, zum Thema "Frauen in der Kirche" und darf dies hier tun, hier in St. Peter und St. Paul. Das ist es, was mich hält, deshalb bin ich noch katholisch. So kann ich nur mit dem Kehrvers von Ina Deter schließen:
Frauen kommen langsam aber gewaltig auch in die Kirche, auch in der Kirche, trotzdem, dennoch und unverdrossen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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