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Semestereröffnungsgottesdienst  am 12. Oktober 1995 in der Kapelle des Alfred-Delp-Hauses

Auf die Frage, was ich als Hauptalltagsproblem betrachte, antworten die meisten:
"Ich hab keine Zeit, wie schön wäre es Zeit zu haben"
Mein Tagesablauf wird davon diktiert,
alles unter Zeitdruck zu tun:

Ich stehe auf und fülle die Kaffeemaschine. Während der Kaffee durchläuft, dusche ich mich.
Dann stelle ich das Radio an, um während des Anziehens nur ja nicht zu verpassen, was so alles in der Welt passiert. Man muß schließlich informiert sein. Dann lese ich schnell die Schlagzeilen in der Zeitung und schlürfe dabei den leider noch viel zu heißen Kaffee. Ich greife meine Jacke und meine Tasche und rase unter Zeitdruck zur Straßenbahn. Während der Fahrt lese ich schnell noch meine Unterlagen. Den ganzen Tag über hetze ich von Vorlesung zu Übung, von Termin zu Termin.
Das Mittagessen zwischendurch geschieht auch eher in Eile Wieder zu Hause angelangt, stelle ich laute Musik an und räume erstmal auf. Dann bereite mich auf den nächsten Tag vor. Zwischendurch schiebe ich mir ein Brot in den Mund.
Wenn ich mich beeile reicht es sogar noch für ein Bier mit Freunden zum Abschluß des Tages. Todmüde falle ich danach ins Bett.
Ein Alptraum?
Ihr müßt nur mal überlegen wie es bei Euch abläuft. Wie oft habe ich das Gefühl, alles stürmt gleichzeitig auf mich ein. Ich habe keine Möglichkeit meinen Tagesablauf, selbst zu bestimmen.
Mein Studium, meine Arbeit, der Wunsch vorwärts zu kommen, etwas zu erreichen, sie diktieren mir den Ablauf meines Tages.
Dagegen liest es sich wie aus einer anderen Welt, wenn wir den Lesungstext aus dem Alten Testament hernehmen:

"Für jedes Geschehen gibt es eine bestimmte Zeit, eine Zeit zum Weinen, eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Schweigen, eine Zeit zum Reden"

Wir dagegen tun alles gleichzeitig:
Reden, Hören, Lesen, Rennen.

Zugegeben, oft wird uns dieser Termindruck von außen vorgegeben. Nur, ist unser Problem dabei auch, daß wir so daran gewöhnt sind, aus Zeitmangel vieles nebeneinander zu tun, daß wir das auch fortführen, wo wir unsere Zeit selbst bestimmen.
Wir lesen, essen und hören gleichzeitig Musik. Wir haben Urlaub
und geben uns auch da noch Leistungsziele:
Wir erstürmen Gipfel, klappern alle Sehenswürdigkeiten, die der Reiseführer beschreibt, ab
und belegen einen Tauchkurs.
Zumindest in diesen Bereichen, in unserer sogenannten Frei-zeit, könnten wir ja versuchen frei von Zeit, jedem Geschehen seinen Raum zu geben und wieder zu lernen, daß auch Schweigen, Ruhe, Stille
und Innehalten dazu gehören und wichtig sind zum Auftanken.
Wie sonst können wir die Zeit, die tatsächlich nicht von uns bestimmt ist, überstehen?
Natürlich wäre es illusorisch, davon auszugehen, daß wir jetzt alle aussteigen
und keinen Terminkalender mehr führen.
Wir können nun mal nicht immer das tun, was wir wollen.
Wir sind bestimmten Sachzwängen unterworfen und oft fremdbestimmt.
Unser Stundenplan, die Prüfungsordnung, später die Familie und die Arbeit, bestimmen über unseren Tagesablauf.
Aber es sind nicht nur diese äußeren Zwänge, die unser Handeln beeinflussen
und uns dirigieren.
Wie oft stelle ich fest, daß ich etwas gut vorbereitet habe und es mißlingt.
Ich leiste ungeheuer viel,
aber das Ergebnis ist allenfalls mittelmäßig.
Und andere Tage gehe ich in eine Prüfung und habe das Gefühl:
"ich bin nicht besonders gut vorbereitet"
und trotzdem schließe ich mit einer guten Note ab. Ich sage:
"Mensch, da hab ich aber Glück gehabt."
Da spüren wir doch, daß wir nur sehr klein sind
und daß wir nicht die Macher sind. Ist es nicht so, daß unser Leben nicht von uns allein abhängt? Aus diesem Gespür heraus wissen wir, unser Tun gelingt nur mit Gottes Hilfe. Da das aber so ist, liegt auch unsere Zeit in Gottes Händen. Weil das so ist und wir nicht allein für unsere Zeit verantwortlich sind, können wir auch etwas mehr Gelassenheit an den Tag legen.I ch brauche morgens nicht mit dem Gefühl aufzustehen, daß ich gar nicht alles schaffen kann, was ich mir vorgenommen habe.
Vielleicht gelingt mir tatsächlich nicht alles. Aber da es nicht nur von mir abhängt kann ich sagen:
"Ich bemühe mich redlich, den Tag zu nutzen, aber Gott wird mir schon helfen, daß das was daran wirklich wichtig ist, auch dabei herauskommt."
Und wenn ich mir zwischendrin mal eine Pause gönne und dadurch nicht alles schaffe, gibt es, so Gott will, auch noch ein Morgen, an dem ich den Rest, der durch diese Ruhephase liegenblieb, auch erledigt bekomme. Es gibt Zeit, die nach der Wärme des Herzens und nicht nach dem Zeiger der Uhr gemessen wird. Wenn wir das beherzigen und uns vor Augen halten, wird unser Zeitdruck vielleicht schon erträglicher und nicht mehr als solcher empfunden.
Auch das Schicksalhafte des Zeitablaufs und das Fatalistische, das sich im Buch Kohelet offenbart, können uns dann nicht schrecken.
Es gibt zwar Geburt und Tod, Krieg und Frieden, Haß und Liebe als natürliche Abfolge im Lauf der Zeit. Aber ich brauche in meinen Bemühungen nicht nicht dabei stehn zu bleiben, so nach dem Motto:
"Da kann ich sowieso nichts dran ändern. Es ist nun mal alles vorherbestimmt. Genauso kann ich nichts daran ändern, daß ich nun mal keine Zeit habe. Das ist heute eben so.
Wer vorwärts kommen will muß alles geben. Da bleibt keine Zeit." Nein, so einfach ist es nicht. Es gibt die positive Wendung: Meine Zeit liegt in Gottes Händen, aber ich nutze sie, mit seiner Hilfe. Ich bin dabei selbst aktiv. Was ich tue, tue ich jedoch mit ihm
und mit seiner Hilfe wird es positiv gewendet oder wie Psalm 127 es formuliert:
Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, daß ihr früh aufsteht und Euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den seinen im Schlaf.

Dazu noch ein Text:
Herr, meiner Stunden und meiner Jahre, du hast mir viel Zeit gegeben. Sie liegt hinter mir
und sie liegt vor mir. Sie war mein und wird mein, und ich habe sie von dir.
Ich danke dir für jeden Schlaf der Uhr und für jeden Morgen, den ich sehe.
Ich bitte dich nicht, mir mehr Zeit zu geben. Ich bitte dich aber um viel Gelassenheit, jede Stunde zu füllen.

Ich bitte dich, daß ich ein wenig dieser Zeit freihalten darf von Befehl und Pflicht, ein wenig für Stille, ein wenig für das Spiel, ein wenig für die Menschen am Rande meines Lebens, die einen Tröster brauchen.

Ich bitte dich um Sorgfalt, daß ich meine Zeit nicht töte, nicht vertreibe, nicht verderbe. Jede Stunde ist ein Streifen Land.
Ich möchte ihn aufreißen mit dem Pflug. Ich möchte Liebe hineinwerfen, Gedanken und Gespräche, damit Frucht wächst.
Segne du meinen Tag.

 

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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