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Predigt gehalten im Semesterschlussgottesdienst in der Schloßkirche Mannheim am 6. Februar 1991

Jeden Morgen, wenn wir aufwachen sind die bangen Gefühle da, ob in der Nacht wieder etwas Furchtbares geschah, vielleicht der Giftgasangriff auf Israel. Wir fragen uns wie viele Menschen durch den Krieg bereits wieder starben. Die Nachrichten bringen den ganzen Tag hindurch unheilvolle Botschaften. Die Bilder von der Zerstörung des Krieges, von hilflosen Tieren, die qualvoll durch den Ölteppich im Golf verenden und zusätzlich noch die Bilder der Verwüstung durch Naturkatastrophen wie Stürme Überflutung und Erdbeben, an die wir uns schon längst gewöhnt haben, verheißen Unheil und lösen Zukunftsangst in uns aus.

Nachdem vor einem Jahr das Ende des kalten Krieges uns die Gewißheit eines Weltfriedens näher zu bringen schien, sind diese Hoffnungen nun neuem Unglück gewichen.

erschüttern uns zutiefst.

Zudem haben die meisten von uns noch mit persönlichen Problemen zu kämpfen

und all die großen oder kleinen Alltagssorgen treten zu den beunruhigenden Weltnachrichten hinzu.

Daher erlebe ich im Moment in vielen Gesprächen mit Freunden und Bekannten, daß sich bei ihnen durch die genannten Ereignisse Niedergedrücktheit, Trauer und eine negative Grundhaltung bemerkbar machen.

Momentan würden wir, wenn die Katastrophen in der Welt nicht wären, Karneval oder Fasnacht feiern. Dieses Jahr ruhen die tollen Tage als Zeichen für die vielen Opfer, die der Krieg fordert. Das ist richtig, aber viele sagen, daß wir dann eigentlich nie Karneval feiern dürften, da täglich Menschen als Opfer von Hunger und Gewalt sterben. Ich meine jedoch, daß wir ab und zu Feiern brauchen. Ohne daß wir die Menschen vergessen, denen es schlecht geht, ohne daß wir Parties bei denen Vergnügen nur auf Alkoholkonsum beruht, nachrennen sollen, sollten wir ab und zu Feste feiern, denn es nützt nicht nur uns1 sondern auch anderen mehr, wenn wir nicht niedergedrückt sondern von einer inneren Heiterkeit beseelt1 durch das Leben gehen.

Halten wir kurz inne und lassen die Gedanken, die Phil Bosman sich dazu machte, auf uns wirken:

Sag: Wo sind die Blumen geblieben? Die Blumen der Lebensfreude, die Blumen der schönen und der guten Dinge in der Tagesschau, in der Tageszeitung, in den Tagesgesprächen?
Sie sind erstickt und gestorben in der Lawine von Haß und Gewaltnachrichten, von Mord- und Skandalgeschichten.
Niemand hat die Blumen gesehen. Niemand hat von ihnen gehört. Sie sind erstickt und gestorben, auf den Lippen der Unglückspropheten, in der Brieftasche der Leute, die auf Sensationen spekulieren.
Sag, wo sind die Blumen geblieben? Die Blumen der kleinen Aufmerksamkeiten, daß man aneinander denkt
und daß man einander beschenkt— der Mann die Frau, die Frau den Mann,
Weil keine Blume da ist, die für sie blüht. Und dabei wirken Blumen doch Wunder! Es müssen nicht die kostspieligen Blumen sein. Gewöhnliche, einfache Blumen:
ein Lächeln, ein gutes Wort, eine kleine Geste.
Die geringste Blume, die von Herzen gegeben wird, erzählt eine schöne Geschichte, ein Märchen sonder Maßen, von einem Stückchen Himmel auf Erden, wo die Menschen Engel sind, wo alle Ängste, Schmerzen und Tränen ihren Trost finden, wo die Menschen füreinander blühen wie Blumen.

Woher jedoch sollen wir die Fähigkeit nehmen, die Blumen der Freude am Wegrand zu erkennen und sie nicht zu zertreten? Ich denke, daß die Gewißheit, daß Gott uns auch in schweren Zeiten beisteht, daß er uns nicht vergessen hat und wir uns in allem Kummer und aller Sorge an ihn wenden dürfen, es uns ermöglicht, zu einem der Freund den Freund, die Freundin die Freundin, einer den anderen, alle einander?

Sie sind eingegangen an unserer Eigensucht, verkümmert an unserer kindischen Gereiztheit. Sie wurden zertreten beim kalten Krieg in unseren vier Wänden.

Sag, wo sind die Blumen geblieben? Die Blumen der Geborgenheit, die uns fröhlich machen, die wir uns schenken können? Hier ist dein Herz, und da ist ein Mensch, der dich braucht:

Leg Blumen bereit!

Warum haben so viele Menschen nichts vom Leben?

Weil sie keine Freunde haben.

Weil sie keinen kennen, der zu ihnen hält.

Weil sie kein Zeichen sehen, daß sie einer mag.

Zeichen der Hoffnung für die Welt zu werden und auch in schwierigen Situationen noch ein offenes Herz zu bewahren. Wir können aus einer inneren Gelassenheit und vielleicht sogar einer positiven inneren Grundstimmung heraus handeln, die der Gewißheit entspringt, nicht allein zu sein, auch wenn es - wie jetzt - keine Antwort auf die Frage nach dem “Warum“ gibt.

Aus der Verheißung heraus, daß Gott in unserem Leben ist, uns kennt und uns niemals verläßt, sollten wir nach den kleinen Dingen des Alltags suchen, die wieder Freude bringen können, die ein Zeichen der Güte und Liebe Gottes sind. Wenn wir sie gefunden haben, pflücken wir sie wie Blumen und geben sie denen, die sie noch dringender brauchen als wir.

Wir dürfen nicht wie viele andere kopflos werden, sondern können im Gebet und in der Stille Kraft suchen, um den negativen Dingen des Alltags Stand zu halten. Nur wenn wir dadurch getröstet werden und unsere Angst ein wenig geringer wird, können wir anderen Blumen des Trostes schenken, können wir Angst mindern, Leidenden ein Wort des Zuspruchs sagen und vielleicht sogar in eigenen schweren Sorgen noch anderen ein Zeichen des Mutes sein.

Ich denke, gerade das ist unsere Aufgabe, nicht die Weltuntergangsstimmung, sondern die Heiterkeit aus der Verheißung Gottes.

Die Verheißung Gottes, uns beizustehen und in unserem Leben zu sein, drückt sicher keiner besser aus als der Schreiber von Psalm 139, wenn er sagt:

Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken.

Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen.

Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge- du Herr, kennst es bereits.

Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.

Zu wunderbar ist für mich dieses Wesen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.

Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?

Würde ich sagen: “Finsternis soll mich bedecken, statt Licht soll Nacht mich umgeben“, auch die Finsternis wäre für dich nicht finster, die Nacht würde leuchten wie der Tag, die Finsternis wäre wie Licht.

Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter.

Aus dieser wunderbaren Gewißheit heraus, hat all unser Tun seinen Sinn. Wir können mit unseren Ängsten, unserem Kummer und der Frage nach dem Warum zu Gott fliehen wie Kinder zu ihren Eltern. Aus dieser Geborgenheit heraus ist es leichter, Heiterkeit und Gelassenheit zu gewinnen.

Wenn wir uns um diese Heiterkeit bemühen, werden wir vielleicht eher zu dem, was andere von Christen erwarten und zu einem glaubwürdigeren Zeichen, als wenn wir nur durch Spenden und Aktionen Zeichen setzen.

Gerade in unseren Kirchen hat man zwar den Eindruck, als sei Fröhlichkeit ein größeres Fremdwort als düstere Worte. Aber an der Fröhlichkeit werden wir gemessen. Hilfeleistungen zeichnen jeden humanitären Menschen aus, das Zeichen des Christseins kann jedoch darüber hinaus Heiterkeit und Gelassenheit sein, weil uns eine innere Kraft stärkt und leitet, so daß wir neben allen wichtigen Taten, auch durch Zuspruch und Trost, Hoffnung und Optimismus anstecken können. D.h. nicht, daß sich in uns Fatalismus und Nichtstun breit machen sollen. Natürlich sind Aktionen und Handlungen oder im Moment auch Demonstrationen für den Frieden wichtig. Nur, dürfen sie nicht ohne die Hoffnung geschehen, daß es auch noch Gutes, Liebenswertes und Positives in der Welt gibt, sonst ist der Einsatz gegen das Unrecht in der Welt bloßer Aktionismus.

Wenn wir uns bemühen, die Blumen der Liebe wieder zu finden und in der Gewißheit der Liebe Gottes zu handeln, dann gibt es ab und zu in allen Katastrophen Grund zum Feiern und zur Freude. Es gibt Zeichen der Liebe, die den Alltag leichter machen, und die wir erkennen und suchen müssen. Nur durch diese Sonnenstrahlen, die durch das Grau des Alltags dringen, durch die geschenkten Blumen der Freude, lassen sich auch die schweren Dinge des Lebens und die furchtbaren Ereignisse in der Welt ertragen. Suchen wir sie deshalb!

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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