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Predigt 10.06.19 in der Stadtkirche - Ökumenischer Gottesdienst an Pfingstmontag

Apg 2, 1 Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort.
2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.
4 Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.
5 In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.
7 Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden?
8 Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören:
9 Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien,
10 von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber - wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
12 Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten?
13 Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

vor einigen Jahren war ich in den Sommerferien in Barcelona. Bei der Planung der Reise war klar, wir wollen auch die Sagrada familia besichtigen, die berühmte Kirche von Antonio Gaudi, an der immer noch gebaut wird. Mittlerweile muss man dort Onlinetickets bestellen, um überhaupt reinzukommen. Wir hatten unseren Besichtigungstermin an einem Sonntagmorgen um 11 Uhr. Als wir die Kathedrale betraten, staunten wir wie die anderen Besucher über den Lichteinfall und die Wirkung von Fenstern und Architektur. Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass in der Krypta gerade ein Gottesdienst begann. Wir setzten uns dazu. Es war eine ganz normale heilige Messe, auf Spanisch. Aber die Menschen, die dort waren, waren eine bunte Mischung von Touristen aus allen Herren Ländern, logisch, es war August, eine Zeit in der in vielen Ländern Sommerferien sind.

So begrüßte der Pfarrer auch alle, die gekommen waren, auf Englisch und lud beim Vaterunser ein, dieses in der eigenen Muttersprache zu beten. Welch ein buntes Gemisch! Mir kam sofort die Erinnerung an die Apostelgeschichte in den Sinn.

Natürlich war das, was in Barcelona geschah, eher eine babylonische Sprachverwirrung, im Gegensatz zum Pfingstereignis in Jerusalem, bei dem jeder die anderen in seiner Sprache reden hörte. Aber wir sprachen das Vater unser, jenes Gebet, das Jesus uns zu beten gelehrt hat und das jeder von uns einfach in- und auswendig kennt und bei dem ganz klar ist, was die anderen gerade beten, egal ob ich deren Sprache beherrsche oder nicht. Daher war es in meinen Augen keine Sprachenverwirrung sondern einfach nur ein buntes Sprachengemisch.

Vielleicht ist es das, was Pfingsten geschieht, wenn es in der Apostelgeschichte heißt, jeder von uns kann die anderen in seiner Muttersprache hören!

Vielleicht geht es dabei ja nicht um Übersetzungen in die anderen Sprachen, sondern einfach nur um das Verstehen! Es geht nicht darum, die anderen in meiner Sprache zu hören. Auch wenn die andere anders spricht, verfolgt sie das Gleiche. Wir verstehen die anderen, wir wissen, was sie sagen. Dieses Gebet, das uns allen vertraut ist, eint Christen rund um den Erdball. Dabei gibt es keine Fremdsprachen!

Es ist egal, welche Konfession wir haben, wie die Liturgie unserer Gottesdienste abläuft, welche Sprache wir sprechen, dieses Gebet verbindet uns und lässt uns eine gemeinsame Sprache sprechen. Wir sind in Christus geeint, das sagt uns Pfingsten. Selbst wenn wir verschiedene liturgische Sprachen sprechen, es ist gleich-gültig.

Bei der Gebetswoche in Bruchsal durften wir genau das auch schon erfahren, Wir haben nicht alle die gleiche Art uns im Gebet auszudrücken, es gibt Formen, die den anderen fremd sind! Aber sobald wir das Vater unser beten, ist es unsere gemeinsame Art zu beten, unsere gemeinsame Sprache, in der wir uns ausdrücken können, die uns verbindet.

Vielleicht ist das der Geist von Pfingsten, ein Heiliger Geist, der beten lehrt, beten lehrt in einer Sprache, die alle verbindet Der Geist eint uns im Gebet. Es ist die Vielfalt, das Bunte des Christentums, das hier deutlich wird. Menschen aus allen Ländern der Erde vereinen sich und sprechen eine Sprache, die der Geist ihnen eingibt, die Sprache des Betens.

In Barcelona, in Gaudis Kathedrale ging der Gottesdienst danach sogar noch mit einem wunderschönen Zeichen weiter, den Friedensgruß haben wir uns auch in allen Sprache gewünscht, da tönte es peace und paix und pace und Frieden… Wir waren eine Gemeinschaft, egal woher wir kamen, vereint im Glauben.

Gestärkt mit diesem Zeichen und durch die Erfahrung des gemeinsamen Gebets, ging ich die Treppe wieder hoch in die Kirche selbst, wo Menschen aus ganz verschiedenen Nationen und Religionen die Kathedrale besichtigten. Ich sah, hier sind nicht nur Christen. Dennoch wollten alle dieses Gotteshaus anschauen. Das hat mich sehr berührt, es hat mich gefreut, dass die Menschheit sich inspirieren lassen kann von der ausdruckstarken Architektur, der Verkündigung in Stein, dieser frohen Botschaft.

Ich bin jedoch nicht so naiv, nur zu sehen, wie schön das Ganze war. Ich weiß auch, dass wir in Zeiten leben, in denen es viele Menschen gibt, die die Vielfalt und Buntheit, die mich an diesem Sonntagmorgen im August 2016 so beeindruckt hat, nicht ertragen. Für viele ist Konfessionsvielfalt, Ökumene, Miteinander ein Stein des Anstoßes.

Wir haben es in diesem Jahr auch wieder mal erlebt, wie fragil der Friede von Gotteshäusern ist, wir denken an Christchurch und an das Osterfest auf Sri Lanka. Wie viele Menschen sind dort gerade, als sie im Gottesdienst friedlich vereint waren, Opfer von Terror und Gewalt geworden. Es gibt Menschen, die nicht wollen, dass Andersgläubige ihre Religion auch friedlich ausüben dürfen.

Dass Gotteshäuser magische Orte sein können, haben wir jedoch auch erlebt. Denken wir nur an den Brand der Notre Dame in Paris. Die Zerstörung dieses alten Baus hat nicht nur Katholiken, nicht nur Christen erschüttert. Viele standen fassungslos vor den Flammen oder haben die Videos im Netz geschaut.
 Was ist die Anziehungskraft dieses Gotteshauses?

Der Gedanke, wie viele Menschen in solch einem Gebäude ihre Sorgen und Nöte, ihre Freude und Trauer vor Gott gebracht haben, dort waren mit all ihren Anliegen, macht die Gebäude zu etwas Besonderem.

Dabei gibt es sicher auch Momente, in denen die Menschen, die kommen, nur still da sitzen, keine Worte finden, um das, was sie bewegt, zum Ausdruck zu bringen.
Oft schaffen wir es nicht mehr, frei zu beten, dann kann ein Gebet wie das Vater unser helfen, oft sind selbst die Worte schwierig.
Michael Zielonka, ein Pfarrer und Lyriker schrieb in einem Pfingstgedicht:

Der Heilige Geist seufzt in uns,
er betet in uns.
Wir brauchen also selbst nicht mehr zu beten
(vor allem die Gebete nicht,
die Gott verändern wollen – nach unserem Bild).
Wir brauchen nur tief genug in uns hinabzusteigen,
um das Gebet zu finden,
das Gott selbst in uns spricht.

Dieser Text lehnt sich an eine Bibelstelle aus dem Römerbrief an. Dort sagt Paulus: Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.

Der Geist Gottes betet in uns, auch wenn wir es nicht mehr können. Der Geist Gottes eint uns als Christen im Gebet, auch in dem, ohne Worte.

Kirchen atmen den Geist Gottes und den Geist der Menschen, die dort ihre Anliegen vor ihn tragen. Sie atmen den Geist der Menschen, die sie besuchen.

Pfingsten zeigt uns, wie wichtig dieser Geist ist, der  das Gemeinsame, Verbindende betont. Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche. Diesen Geburtstag feiern wir heute ökumenisch. Die Apostelgeschichte ist die Botschaft einer Verkündigung, die im römischen Reich bis an die Grenzen der damaligen Welt gebracht wurde, wovon eine Ausstellung hier in der Stadtkirche erzählt. Schauen Sie nachher ruhig mal die Schautafeln an.

Das Christentum hat sich damals in seinen Anfängen friedlich ausgebreitet und gerade deswegen auch eine Erfolgsbotschaft gehabt, weil es nicht von zornigen Göttern sondern von Jesus, in dem Gott Mensch wurde, berichtete und Trennendes, wie z.B. Klassenschranken aufhob. Die Botschaft war und ist die eines liebenden Gottes, der sich auf die Seite der Menschen stellt. Jesus hat die Jünger mit dem Geist gestärkt, damit sie in alle Welt gehen und seine Botschaft von der Liebe verkünden. Wir dürfen daher auch Abba, Vater sagen, wenn wir beten. Diese Botschaft war damals für die Menschen eine Zusage und ist es heute noch.
Das drücken wir auch im Beten des Vater unser aus. Pfingsten erinnert daran, dass wir in Christus geeint sind, egal welche Sprache wir sprechen. Wir haben eine gemeinsame Sprache, die uns verbindet. Amen.

Das, was mich in Barcelona beeindruckt hat, in dieser Messe, nämlich der Friedensgruß in allen Sprachen, würde ich gerne im Anschluss an meine Predigt mit Ihnen teilen und darum bitten,dass wir uns gegenseitig den Friedensgruß reichen

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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