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Geistliche Ansprache an Volkstrauertag, Aussegnungshalle, Friedhof Bruchsal, 18. November 2018  

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderates, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens und der Bundeswehr, sehr geehrte Damen und Herren,
dieses Jahr gab es viele Gedenktage, vor allen Dingen jetzt im November.

Am Weltfriedenstag, am 21. September hieß es "Friede sei ihr erst Geläute - Ringing the Bells". Dieses Geläut, an dem sich auch Bruchsaler Kirchen beteiligten, mahnte uns zum Innehalten und dazu, uns um Frieden zu bemühen. Dieses Geläut sollte auch an das Ende des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren erinnern. Wie viele Glocken konnten damals nicht mehr läuten, weil sie eingeschmolzen waren, um daraus Waffen zu machen!

Glocken verkündeten in der Vergangenheit viele Ereignisse, auch Krieg und Frieden.
Genau vor 100 Jahren im November 1918 haben sie das Ende des 1. Weltkriegs eingeläutet. In diesem November damals herrschte Chaos in Deutschland, es gab Aufstände, Streiks, nach der Abdankung des Kaisers und der Ausrufung der Republik unklare Verhältnisse. Aber was viel schlimmer war, es gab zahlreiche Menschen, die ins Elend gestürzt waren! Nie waren die Verletzungen so brutal, nie waren so viele Soldaten grausam verstümmelt worden, waren Menschen durch die Gasangriffe verletzt, waren sie angesichts der Erlebnisse hochgradig traumatisiert wie in diesem Krieg.

In der Schule und im Studium haben wir davon gehört, haben Bilder und Texte von Künstlern vorgestellt bekommen, die ihre Erlebnisse mittels ihrer Werke verarbeitet haben. Mit diesen Bildern im Kopf war für mich klar, dass diese Menschen nach den Schlachten, die sie erlebt hatten, nur ein Motto kennen konnten: "Nie wieder Krieg!"

Aber es war nicht so. Der Frieden dauerte nicht sehr lange. Daher spielte in Deutschland - ganz anders, als das etwa bei den Alliierten der Fall war - das Gedenken an das Ende dieses 1. Weltkrieges auch keine große Rolle. Es gab keinen Sieg zu feiern, die Erinnerung an das Ende des Krieges führte unweigerlich auch dazu, sich Gedanken darüber zu machen, wie der Weg der Weimarer Republik in die Katastrophe des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges führen konnte. Aber die zahlreichen Toten dieses 1. Weltkrieges mahnen uns zum Gedenken, mahnen uns zur Erinnerung und zum Bemühen um Frieden und verdienen es auch, an diesen Krieg zu denken.

Hoffnung auf Frieden angesichts von Leid und Krieg ist so alt wie die Menschheit. Wenn bei uns die Glocken am 24. Dezember läuten, erinnern sie daran, dass vor über 2000 Jahren einer geboren wurde, der der Friedensfürst genannt wurde. Der Prophet Jesaja kündigte Jesus so an. Er verheißt: Denn uns ist ein Kind geboren, /ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; / man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, / Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. (Jes 9, 5)

Als Jesus geboren wurde, herrschte nicht unbedingt Frieden. Zwar wird die Zeit unter Kaiser Augustus als Pax Augustae - also die Friedenszeit des Augustus - bezeichnet, aber die römischen Truppen waren Besatzungsmacht und haben auch mit militärischen Maßnahmen auf Aufstände reagiert und Länder eingenommen. So war Palästina damals ein besetztes Land. Dennoch oder gerade deswegen wurde Jesus als Friedensfürst und Heilsbringer erhofft. Viele waren aber von seinem Wirken enttäuscht. Sie erwarteten von ihm einen Umsturz der bestehenden Verhältnisse. Er konnte jedoch in den Augen der Welt keinen wirklichen Frieden bringen. Er hat nicht, wie einige erhofften, die bestehenden Verhältnisse umgewälzt.

Beziehungsweise, er hat es getan, aber auf eine andere Weise. Menschen, die an ihn glauben und glauben, haben seine Lehre als Aufforderung zum Gewaltverzicht verstanden.

Ich kann mir vorstellen, was in vielen Köpfen vor sich geht! Einige denken sicher, wie, kann das sein? Hat Kirche nicht zu Glaubenskriegen und Kreuzzügen aufgerufen, wurden im 1. Weltkrieg nicht Waffen gesegnet? Natürlich haben Sie damit recht.

Es stimmt, dass Kirche nicht wirklich als Friedensbote unterwegs war. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Lehre des Christentums, dass die biblischen Aussagen nicht anders zu verstehen sind, als als Aufforderungen zu Frieden und Gewaltverzicht. Dazu hat Jesus die Menschen aufgefordert. Er hat gefordert, dass wir sogar unsere Feinde lieben sollen. Er hat die Menschen dazu herausgefordert, Gewalt nicht mit Gewalt zu begegnen. Er hat immer wieder Friedfertigkeit angemahnt. Seine Art, Dinge zu bewegen, zu lehren, hat Menschen, die ihm wirklich nachfolgten, immer wieder dazu bewegt, gewaltfrei Veränderungen herbeizuführen.

Paulus sagt über Jesus im Epheserbrief (Eph 2, 17)
Er kam und verkündete den Frieden. Diese Aussage bezieht sich bei Paulus nicht zuletzt auf das Miteinander von Juden und Christen. Welch ein Satz angesichts der tragischen 2000 jährigen Geschichte zwischen Juden und Christen! Am 9. November haben in Bruchsal die Glocken in diesem Jahr einen ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Gedenkens an die 80. Wiederkehr der Reichspogromnacht eingeläutet. Dieser Gottesdienst bot Raum für Erinnerung, aber er zeigte auch den Blick auf die Versöhnungsarbeit, die inzwischen geleistet wurde und die von den Nachfahren der Bruchsaler jüdischen Familien die anlässlich der Stolpersteinverlegung hierher kamen gewürdigt wird, Hier sind Menschen, die bereit sind, Wege der Vergebung zu gehen.

Es gibt diese Menschen. Es gab und gibt sie auch in den Ländern, denen durch Deutsche in beiden Weltkriegen viel Leid zugefügt wurde. Dennoch gibt es Menschen die bereit waren, den Hass zu überwinden.

Ich bin so dankbar dafür, dass wir mit unseren Nachbarn in Europa in Frieden leben. Ich bin dankbar, dass uns die Hand gereicht wurde. Ich habe mich gefreut, als meine Tochter, die gerade ein Auslandssemester macht, mir erzählte, dass vorige Woche, am 11. November, der ja in Frankreich Feiertag ist, ein Tag, an dem an das Ende des 1. Weltkrieges gedacht wird, französische und deutsche Studierende gemeinsam zur Gedenkfeier eingeladen waren. Ich freue mich über das Haus Europa, das nach den Weltkriegen gebaut wurde und das es zu bewahren gilt. Vergebung, Versöhnung und Neubeginn sind in meinen Augen die einzig denkbare Möglichkeit des Zusammenlebens.

In meiner Jugend wurde bei uns das Musical Ave Eva aufgeführt, in dem ein Song lautet: Ich will gegen das Geläut der Leute mein Geschweige stimmen, ich will gegen das Gedröhn der Bomben meine Träume summen. Es war für uns eine Zeit des Protestes gegen Waffen, gegen Gewalt, gegen Krieg. Wir zitierten die Seligpreisungen der Bergpredigt als Text zur Ausrichtung des Lebens. Sie galten uns als Leitbild. Dort heißt es selig die Frieden stiften, wir könnten auch sagen, die für den Frieden arbeiten, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden. Mit diesem Text haben viele ihre Wehrdienstverweigerung begründet, zudem gab es Proteste gegen den Natodoppelbeschluss bei Ostermärschen und im Bonner Hofgarten. Damals haben uns deswegen viele belächelt, uns als naiv erachtet, weil wir meinten, uns mit der Bibel für Frieden einsetzen zu können. 

Doch dann schien es so, als ob Gewaltfreiheit und Proteste die Welt verändern könnten, damals, als die Mauer fiel, als der eiserne Vorhang entzwei riss und der kalte Krieg beendet war. Es schien, als könne die Welt sich doch zum Positiven verändern.

Wer hätte gedacht, dass sich Rechtsextremismus wieder breit macht, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder aufflammt, dass der Respekt gegenüber Andersgläubigen, gegenüber Menschen anderer Hautfarbe auf der Strecke bleibt? Und es erschüttert mich, wenn Lügen verbreitet werden, die Wahrheit dagegen als fake news abgetan wird. Ein sachlicher Meinungsaustausch ist teilweise nicht mehr möglich.

Wer hätte gedacht, dass wir in Bruchsal zu Demonstrationen gegen Rassismus aufrufen müssen? Am 2. Juni haben einige es bedauert, dass in Bruchsal nicht die Glocken geläutet haben, als sich die Kette für Menschlichkeit schloss. Glocken als Zeichen für ein Miteinander, gegen Fremdenfeindlichkeit. Wir haben uns am 2. Juni aber auch einiges anhören müssen, als wir die Menschenkette vorbereiteten. Menschen, die vorbei gingen, haben mir erklärt, mit Händchen halten und Luftballons könne man die Welt nicht verändern.

Vielleicht ist mein Glaube an das Gute im Menschen, an die Fähigkeit zu Friedfertigkeit und Gewaltfreiheit, der sich aus meinem Glauben an Gott nährt, naiv? Ich weiß es nicht, aber ich kann nicht anders. Egal wie sehr ich dafür belächelt werde. Ich glaube, dass ein Zeichen gegen Hass, ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, ein Zeichen des Miteinanders, eine Hand, die zum Frieden gereicht wird, vieles verändern kann. Kriege verändern nur zum Schlechten. Ich bin davon überzeugt, dass jede Bemühung um Frieden und seien es noch so kleine Schritte, etwas zum Guten bewegt.

Ich glaube, dass es mich wirklich zu einer Tochter Gottes macht, wenn und weil ich Frieden stifte, wenn ich mich bemühe, anderen mit Respekt und Friedfertigkeit zu begegnen.

Angesichts der vielen Toten der Weltkriege, an die wir heute am Volkstrauertag denken, angesichts der vielen Familien, die Angehörige verloren haben, die ihre Heimat verloren haben, scheint mir das Bemühen um Frieden der einzig gangbare Weg in die Zukunft zu sein.
Wenn wir diesen Weg nicht einschlagen, werden wir meines Erachtens nicht mehr lange die Früchte der Friedensarbeit nach dem 2. Weltkrieg ernten können. Dann werden wir nicht mehr lange mit unseren Nachbarn gemeinsam Hand in Hand an einem Europa des Friedens bauen können. Dann werden Religionsfreiheit, freie Meinungsäußerung und Würde des Menschen wieder mit Füßen getreten.
Viele Entscheidungen, die im November vor 100 Jahren getroffen wurden, waren weise und richtig. Aber sie konnten nicht in die Herzen und Köpfe aller Menschen dringen. Werte wie Demokratie und Freiheit wurden nicht wirklich von allen verstanden. Daher war der Friede von Anfang an brüchig.

Ich kann nur hoffen, dass wir heute, 100 Jahre später, nicht wieder die gleichen Fehler machen. Ich kann nur hoffen, dass Menschen sich nicht wieder als unfähig erweisen, mit einer demokratischen Gesellschaft umzugehen und darin zu leben.
Ich als  Vertreterin der Kirchen kann angesichts dieser Herausforderungen der Gegenwart
hier nur stehen und diese ins Gebet bringen:

Guter Gott
Ich will beten für diese Welt
die seufzt und stöhnt nach Erlösung.
Für die ganze leidende Menschheit unserer Zeit.
Für die blutigen Opfer der Kriege und Gewalttaten,
für die Opfer von Vertreibung und Unterdrückung.
Gott, du willst das Wohl und nicht das Elend der Menschen.
Nimm weg aus unserer Mitte alle Gewalt,
lösch aus den Hass in den Herzen der Menschen.
Lass Frieden werden auf Erden für alle Völker,
darum bitten wir in Jesus Christus. Amen.

Ich möchte meine Gedanken abschließen mit dem Gebet, das alle Christinnen und Christen vereint. Ich möchte es beten im Gedenken an unsere Verstorbenen. Und ich lade Sie ein, wenn es Ihnen möglich ist, sich zu erheben und mit mir zu beten, wie Jesus uns zu beten gelehrt hat:

Vater unser...

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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