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Predigt in der Andacht zum Gräberbesuch an Allerheiligen 2018 um 15 Uhr in St. Peter  

Von Nachfolge und Selbstverleugnung: Mt 16,24-28
24 Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
25 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.
26 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?
27 Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.
28 Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen.

Liebe Schwestern und Brüder,
vor einigen Wochen zeigte das Titelbild des Konradsblattes den Berg der Kreuze. Die Zeitschrift berichtete darüber, dass Papst Franziskus dort zu Besuch war, wie auch schon Johannes Paul II. Ich selbst habe diesen Wallfahrtsort letztes Jahr im Sommer auf einer Baltikumrundreise besucht.


Dieser Berg, der eigentlich nur ein leichter Hügel ist, auf dem ein Weg aus Holzbohlen entlang von zig Kreuzen führt, liegt in Litauen. Schon seit dem Mittelalter muss dort eine heilige Stätte gewesen sein und es gab schon lange die Tradition, dort ein Kreuz aufzustellen, z.B. bei der Hochzeit. Aber erst nach dem 2. Weltkrieg, als viele Litauer, die nach Sibirien deportiert worden waren, aus den Gulags der Sowjets zurückkehrten und ihre Kreuze zur Erinnerung an das Leid aufstellten, das ihnen widerfahren war, wurde der Berg zu einem politischen Symbol. Immer mehr Kreuze wurden aufgestellt und sie waren der Regierung der UDSSR, zu der Litauen gehörte, ein Dorn im Auge. Mehrfach wurde der Hügel mit Baggern überrollt und die Kreuze niedergemäht. Aber immer wieder wurden neue aufgestellt, so dass nach 1990, seit Litauen selbständig ist, dieser Berg der Kreuze als Mahnmal und Zeichen des Widerstands gilt, aber auch als religiöse Wallfahrtsstätte des Landes.

Kreuze als politischer Widerstand, dazu habe ich zwiespältige Gefühle. Aber ich fand es dennoch unglaublich beeindruckend, dass die Menschen mit ihren Kreuzen dem Regime getrotzt haben. Außerdem war Religion nicht erlaubt, so dass die Kreuze doppeltes Symbol waren, gegen die Besatzer und gegen das Religionsverbot. Die Kreuze, die z.T. auch Inschriften tragen, zeigen den Glauben der Menschen, die in Leid und Trauer, aber auch zum Dank und zur Freude ihre Kreuze ablegten und aufstellten. Zugegeben, einige sehr kitschig, auch mit Engeln und Bildchen, die für mich nichts mit dem Symbol Kreuz und seiner Schwere, dem Schmerz und Leid, der sich damit verbindet, zu tun haben.Möglicherweise verbirgt sich dieses hinter den kindlichen Motiven. Wie viel Schweres mag dabei gewesen sein, als Gläubige kamen, um ihre Kreuze aufzustellen, wie viele Gebete haben diesen Akt begleitet? Wie viele Kreuze lasteten auf den Schultern dieser Menschen? Das habe ich mich gefragt, als ich an den weit über 50000 Kreuzen entlangschritt.

Jesus sagt im eben gehörten Evangelium, wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich.
Es gibt ein Sprichwort, das besagt, jede und jeder bekomme nur so viel Last auferlegt, wie sie auch tragen können. Wenn ich mich heute hier in der Kirche umschaue, wenn ich an die Trauerfeiern denke, die ich in den vergangenen 12 Monaten gehalten habe, wenn ich an viele Menschen denke, die hier sind, weil sie um liebe Angehörige trauern, weil sie Menschen verloren haben, die ihnen unendlich viel bedeuteten, dann weiß ich nicht, ob das immer so stimmt. Sind die Kreuze, die uns auferlegt werden, nicht manchmal unerträglich? Sind sie nicht manchmal so schwer, dass wir unter ihrer Last zusammenbrechen?
Wie ist das, wenn Menschen ihre Kinder durch Tod verlieren, wenn Partner sterben, wenn Kinder ihre Eltern verlieren? Können sie den Verlust, die Trauer, das Kreuz wirklich tragen?
Verstehen wir welches Schicksal Gott für uns ausersehen hat?

Es ist das Vertauen darauf, dass Gott unsere Kreuze mit uns trägt, dass er um unsere Lasten weiß. Dieses Vertrauen ist es, was uns das Kreuz vielleicht wirklich tragen lässt, was es uns ermöglicht, die Last zu tragen. In Jesus Christus haben wir die Versicherung, dass er durch seinen Tod am Kreuz unser Kreuz aushält. Dass er uns vorausgegangen ist in der Verheißung auf ein Leben nach dem Tod, auf ein Leben bei Gott. Wir werden getröstet, unsere Tränen werden getrocknet durch Gott, durch Jesus, aber auch, indem wir uns gegenseitig unsere Kreuze zumuten, indem wir sie miteinander aushalten, sie manchmal sogar beieinander abgeben dürfen. Wir dürfen gemeinsam in unserer Trauer, in unserem Angewiesensein auf Nähe und Trost hier sein.
Gott wird uns unsere Taten vergelten, er wird uns aufnehmen und wir werden nicht wirklich sterben, so die Aussage bei Matthäus. Auch die Menschen, die Sie so schmerzlich vermissen, sind nicht wirklich tot. Am Ende wird unser Kreuz mit dem Kreuz Christi verbunden werden und wir dürfen ihm unser Leben, das zu schwer geworden ist, hinhalten, ihm, der es aushält und der uns neues Leben schenkt, verwandeltes Leben. Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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