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Predigt in der Andacht zum Gräberbesuch an Allerheiligen 2017 um 15 Uhr in St. Peter  

Offenbarung 21, Übertragung Walter Jens

Und ich sah einen Neuen Himmel
und die Erde, die neu war;
denn vergangen ist der erste Himmel,
vergangen die erste Erde,
und auch das Meer ist nicht mehr.
Gesehen habe ich die Neue Stadt,
das Heilige Jerusalem,
herniedergekommen,
von Gott gesandt
aus den Himmeln
und geschmückt wie eine Braut,
ein schönes Kind,
das seinen Bräutigam erwartet:
Komm, Du! Laß mich nicht allein!
Und ich hörte, vom Thron her,
eine gewaltige Stimme,
die sprach:
Ich sage Dir, und das ist wahr:
Gott hat sein Zelt aufgeschlagen
unter den Menschen.
Und er wird mit ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein,
und Gott selbst ist bei ihnen
und wird abtrocknen die Tränen in ihren Augen,
und Tod wird nicht mehr sein
und auch kein Weinen, keine Trauer,
keine Mühsal mehr:
denn die alte Zeit ist vergangen.

In den BNN wurde dieses Jahr im August dazu aufgerufen, seine Erinnerungen an den 31. August 1997 der Zeitung mitzuteilen. Und ich hatte Erinnerungen! Ich wusste genau, wie wir vor 20 Jahren auf der Rückfahrt vom Sommerurlaub an der Ostsee im Auto saßen. Normalerweise liefen Kassetten mit Kinderliedern, von 1-2-3 im Sauseschritt bis Willi mit dem Wackelzahn. Nur wenn Nachrichten und Verkehrsfunk kamen, wurde unterbrochen und Radio gehört. Und dann kam die Nachricht, dass Lady Diana bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam und es wurde ruhige Musik ins Programm genommen. Als die Frage nach den Erinnerungen an dieses Ereignis kam, fiel mir auch der Hype um den Tod wieder ein, dachte ich an das Lied "Candle in the Wind", das Elton John eigentlich für Marilyn Monroe geschrieben hatte und nun noch mal umdichtete und es einmal auf der Trauerfeier sang und damit Millionen Herzen berührte und Menschen zu Tränen rührte. Inzwischen habe ich es noch auf manch einer Trauerfeier gehört, die ich gehalten habe. Wenn es da heißt, du bist mittlerweile im Himmel, die Sterne rufen deinen Namen, aber die Fußspuren deines Lebens sind weiterhin sichtbar, dann sind das Gedanken und Gefühle, die viele von uns haben, wenn sie an Menschen denken, die ihnen etwas bedeutet haben und die inzwischen verstorben sind.

Mich hat es geärgert, dass ich diese Erinnerungen hatte, dass ich mich rein theoretisch am Gedankenaustausch der BNN hätte beteiligen können. Es hat mich gewurmt, weil ich dachte, wieso ist der Tag so wichtig? Wieso kamen mir Gedanken an die Autofahrt, an dieses Ereignis in den Sinn? Wieso hat er sich in meine Erinnerungen eingeprägt?

Natürlich, es war tragisch, dass diese Frau, die nur 1 Jahr älter als ich war, so jung, mit gerade mal 36 Jahren hat sterben müssen, es ist immer tragisch, wenn Menschen sterben, es ist besonders tragisch, wenn jemand so zeitig gehen muss. Sie war Mutter von 2 Söhnen, die sie noch brauchten. Der Anblick der beiden auf der Trauerfeier brach den meisten das Herz. Aber ansonsten war es ein Tod wie viele andere, wie viele Menschen müssen zu jung sterben! Wie viele Kinder verlieren ihre Eltern! Wie viel Tragik passiert immer wieder, durch Unfälle, Kriege oder Krankheit!

Hier unter ihnen, unter den Menschen, die zu dieser Andacht gekommen sind, um an ihre Toten zu denken, sind sicher viele, die dazu ganz eigene, traurige, tragische Erinnerungen haben, die liebe Angehörige viel zu früh verloren haben. Diana war damals die geschiedene Frau des britischen Thronfolgers und hätte sicherlich eigentlich von ihrem Status her keine öffentliche Beisetzung verdient. Aber die Menschen sind in einen Schock verfallen, es gab eine beispiellose öffentliche Trauer und das Königshaus musste sich dem beugen und für Lady Di eine große Trauerfeier gestalten. Diana Spencer stand für so vieles, für die junge Märchenprinzessin, für die verlassene Ehefrau, für die Mutter, für die Frau, die zu Aidskranken und Minenopfern ging, die ihre Probleme in der Öffentlichkeit zeigte, über ihre Essstörungen sprach und damit ein Herz zeigte. Daher hat ihr Tod eine unglaubliche Wellen ausgelöst.

Millionen verfolgten die Trauerfeier, sowohl am Straßenrand in London, als auch über den Fernseher. Und ich glaube, viele Menschen haben dabei einfach ihren Gefühlen freien Lauf gelassen, waren gerührt, haben geweint, zeigten ihre Trauer. So wie diese englische Prinzessin in ihrem Leben aus bestimmten Traditionen des englischen Königshauses ausgestiegen ist, das immer Haltung verlangt, so wie sie statt dessen manchmal einfach unverkrampft daher kam, so zeigten die Menschen anlässlich ihres Todes plötzlich auch Gefühle.
Hier konnten sie es. Wenn wir um eigene Angehörige oder um Freunde trauern, wird schnell erwartet, dass wir die contenance wahren, wieder zur Normalität zurückkehren, unsere Gefühle unter Kontrolle haben. Warum dürfen wir außer an Tagen wie heute normalerweise unsere Trauer nicht zeigen? Warum ist es peinlich, in der Öffentlichkeit in Tränen auszubrechen, wenn uns bestimmte Dinge an die erinnern, die wir verloren haben, um die wir trauern?

Dort, wo uns die Menschen kennen, wollen wir diesen Bereich außen vor lassen, aber bei einer uns Unbekannten, haben viele plötzlich ihre Emotionen gezeigt, haben Fremde umarmt und gemeinsam unter den Blicken vieler Kameras geweint. Lassen wir dem Tod seinen Platz in unserem Leben, lassen wir es zu, dass wir auch zeigen dürfen, wenn wir trauern, dass wir uns verletzlich machen und damit auch Nähe zulassen.

Ich bin überzeugt, wenn es im Bibeltext aus der Offenbarung heißt:
Gott hat sein Zelt aufgeschlagen
unter den Menschen.
Und er wird mit ihnen wohnen,
und sie werden sein Volk sein,
und Gott selbst ist bei ihnen
und wird abtrocknen die Tränen in ihren Augen,
und Tod wird nicht mehr sein
und auch kein Weinen, keine Trauer
…dann will Gott unsere Tränen nicht deshalb trocknen, weil er nicht will, dass wir sie zeigen, nein, Gefühle wie Trauer und Tränen dürfen wir vor seinem Angesicht haben. Wir dürfen unsere Trauer zeigen, wir dürfen weinen und um unsere Toten trauern. Unser Leid ist Gott nicht egal, er hat Jesus in die Welt gesandt, der gelitten hat wie wir, um sich mit uns zu solidarisieren. Gott hat sich damit auf unsere Augenhöhe gestellt. Aber Trauer und Leid sind nicht das Ende.

Gott will uns sagen, ihr braucht nicht mehr zu weinen, denn Eure Toten sind bei mir, sie sind angekommen in einer Welt, die keinen Tod und keine Trauer mehr kennt. Das soll kein billiger Trost sein, keine Vertöstung aufs Jenseits. Es ist die Hoffnung, die uns Christen antreibt, es ist das, was uns bewegt, hier und heute zur Andacht zusammenzukommen, bevor wir die Gräber unserer Verstorbenen aufsuchen, es ist das, woran wir glauben, worauf wir vertrauen. Gott spricht zu uns "ich mache alles neu"! Darauf können wir vertrauen, darauf können wir auch heute hoffen, auch wenn es uns sicherlich oft schwer fällt. Amen.

 

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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