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Ansprache bei der Andacht zum Gräberbesuch an Allerheiligen 2016 in St. Peter 

Bibelstelle:

Buch Tobit 12, 8-13
Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein. Lieber wenig, aber gerecht, als viel und ungerecht. Besser, barmherzig sein, als Gold aufhäufen. Denn Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und reinigt von jeder Sünde. Wer barmherzig und gerecht ist, wird lange leben. Wer aber sündigt, ist der Feind seines eigenen Lebens. Ich will euch nichts verheimlichen; ich habe gesagt: Es ist gut, das Geheimnis eines Königs zu wahren; die Taten Gottes aber soll man offen rühmen. Darum sollt ihr wissen: Als ihr zu Gott flehtet, du und deine Schwiegertochter Sara, da habe ich euer Gebet vor den heiligen Gott gebracht. Und ebenso bin ich in deiner Nähe gewesen, als du die Toten begraben hast. Auch als du ohne zu zögern vom Tisch aufgestanden bist und dein Essen stehengelassen hast, um einem Toten den letzten Dienst zu erweisen, blieb mir deine gute Tat nicht verborgen, sondern ich war bei dir.

Liebe Schwestern und Brüder,

vielleicht wundern Sie sich, warum Sie am Allerheiligentag zum Gräberbesuch ausgerechnet diese Stelle hören, die sicher ungewöhnlich für diesen Tag ist. Eher erwarten wir vermutlich einen Lesungstext von Paulus, in dem es um Hoffnung auf Auferstehung geht, als diesen alttestamentlichen Text.
Für mich jedoch ist er einer der wichtigsten Texte für das Jahr 2016. Denn Papst Franziskus hat dieses Jahr zum Jahr der Barmherzigkeit erklärt. Früher gab es in Anlehnung an Matthäus 25 nur 6 Werke der Barmherzigkeit, nämlich:

In der Aufzählung fehlt das Bestatten der Toten, das von dem Kirchenvater Lactantius im 3. Jahrhundert n.Chr. mit Bezug auf das Buch Tobit hinzugefügt wurde. Dies hat sich in der Folge als Bestandteil der sieben Werke der Barmherzigkeit etabliert.

Im Buch Tobit werden auch schon die anderen Werke der Barmherzigkeit erwähnt, so wie wir sie später aus dem Neuen Testament kennen, aber eben darum ergänzt, die Toten zu bestatten. Es heißt dort an anderer Stelle:

Ich gab den Hungernden mein Brot und den Nackten meine Kleider; wenn ich sah, daß einer aus meinem Volk gestorben war und daß man seinen Leichnam hinter die Stadtmauer von Ninive geworfen hatte, begrub ich ihn. (Buch Tobit 1,17-20 )

Als es darum geht, welche Taten dem Herren gefallen, wird herausgehoben, dass Tobit vom Tisch aufgestanden ist, um den Toten den letzten Dienst zu erweisen. Dabei ging es um die Leichen, die von der Stadtmauer in Ninive geworfen wurden. Den Juden war es im babylonischen Exil verwehrt worden, ihre Toten zu bestatten, woran er sich nicht hielt, was zur Konsequenz hatte, dass er erblindete. Er hat das Verbot ignoriert und diesen Dienst geleistet, denn er war von dessen Notwendigkeit überzeugt. Bis heute ist die Ehre der Toten im Judentum so wichtig, dass deren Gräber auch nie zerstört werden dürfen.

Auch wir sind heute hier versammelt, um den Toten den letzten Dienst zu erweisen. Wir sind hier, um an unsere Lieben zu denken. Niemand verwehrt uns dieses Andenken.

Im Urlaub kann es sogar Teil des Sightseeingprogramms sein, Friedhöfe zu besuchen, wenn ich da nur an Paris mit Père Lachaise, Montmatre und Montparnasse denke. In diesem Jahr war ich in Genua auf dem Zentralfriedhof. Dort finden sich Skulpturen von Bildhauern aus gut 100 Jahren, in denen man die Verstorbenen und ihre Familien in Marmor gemeißelt auf die Gräber stellte. Man sah natürlich an der Art der Kleidung und der Kunst sofort, von wann das Grab war. Es war ein wunderschönes Zeugnis von Trauerarbeit von Angehörigen, geschaffen für die Ewigkeit. Tote bestatten, ein Dienst, der über die Jahrtausende zum Leben der Menschen gehört und ein Zeugnis von deren Glauben und Kultur ist.

Schon als Kind liebte ich es, über den Friedhof zu gehen, der kurz vor dem Haus begann, in dem ich aufwuchs. Das Pfarrhaus St. Peter stand dann ja wieder in unmittelbarer Friedhofsnähe.

Bei den Römern dagegen waren die Friedhöfe immer außerhalb der Städte, an den Ausfallstraßen. Im Mittelalter hat sich dies verändert. Sie alle kennen Dörfer und kleine Orte mit einer Kirche in der Mitte im Ortskern und direkt daneben auch der Friedhof. Sie sind Zeugnisse der Einstellung das Tod und Leben zusammengehören, der Tod gehört zum Leben.

Der evangelische Friedhof in Langenberg, wo ich herstamme, ist ein Paradies von Friedhofsgestaltung. Er wurde als "Reformfriedhof" landschaftlich gestaltet von einem Gartenarchitekten und ist ein Park mit hohen Bäumen, Wiesen, Sträuchern und Blumen. Wenn im Frühjahr die Azaleen und gewaltigen Rhododendronsträucher blühen, war und ist es für mich wunderschön, dort spazieren zu gehen, es ist ein Zeichen des Lebens mitten im Tod.

Auch hier in Bruchsal hat die Nähe zum Friedhof, der ja sehr schön liegt und schön gestaltet ist, dazu geführt, dass ich mit den Kindern, wenn sie in der Schule im Herbst basteln mussten, Kastanien und Blätter auf dem Friedhof suchte. Wir beobachteten Eichhörnchen und genossen die Natur in dieser Umgebung.

Wenn es bei den Ministranten eine Nachtwanderung über den Friedhof gab, hatte das den Effekt, dass meine Töchter Lichtchen bewunderten und es romantisch fanden, statt sich zu gruseln. Auch bei der jetzigen liturgischen Nacht der Firmanden, in der es über den Friedhof zur Peterskirche ging, habe ich mit einigen darüber gesprochen wie schön es war, all die funkelnden Grablichter zu sehen, die Licht spenden.

Für andere dagegen ist der Friedhof ein Ort zum Gruseln! An Halloween wurde ursprünglich der Untoten gedacht. Wer so denkt, fürchtet sich nachts auf dem Friedhof. Da werden alte Gespenstergeschichten und Gruselromane lebendig, da vermutet man, dass plötzlich sich die Gräber öffnen.

Aber ich denke, für uns ist Friedhof eher ein Ort zum Verweilen. Er ist außerdem ein Ort des Glaubens, des Glaubens an die Auferstehung und der Hoffnung, dass die Menschen, deren Leib hier ruht, längst bei Gott sind. Wenn wir an den Gräbern entlangschlendern und die Namen und Daten der Verstorbenen anschauen, können wir mit einem kurzen Gebet, einem kurzen Gedenken die Menschen würdigen, die dort begraben sind, egal, ob wir sie kannten oder nicht. Zu manchem Grabstein fallen einem Namen und Gesichter oder auch Geschichten über diejenigen ein, die dort begraben liegen. Vielleicht denken wir an das, was sie ausgemacht hat, was uns mit ihnen verbindet.

In unserer heutigen Zeit wird es jedoch immer schwieriger, dies zu pflegen. Die Mobilität verlangt von uns häufig umzuziehen, viele wohnen nicht dort, wo sie geboren sind. Ich habe schon einige Gespräche im Bekanntenkreis geführt, bei denen es um die Frage ging, wo möchte ich einmal beerdigt werden. Hat dies nicht auch etwas mit Heimat zu tun? Wer besucht mein Grab, wer erinnert sich an mich an dem Ort, an dem ich meine letzte Ruhestätte finde? Soll dies am Ort meiner Vorfahren sein? Das sind Fragen, die auch zu Lebzeiten drängend sein können. Auch wenn es für viele noch weit weg scheint, der Tod gehört zum Leben. Ihn zu verdrängen, ist keine Lösung.

Wir wissen, unsere ewige Heimat ist bei Gott, dort ist uns eine Wohnung bereitet, aber wo sollen die irdischen Erinnerungsstätten an uns, an unser Leben einmal sein? Der Monat November gibt uns die Möglichkeit, uns darüber Gedanken zu machen und den Tod nicht auszusperren.

Er gibt uns darüber hinaus gerade in diesem Jahr den Anstoß, uns zu verdeutlichen, dass Tote begraben ein Werk der Barmherzigkeit ist. Gott will, dass wir uns um unsere Toten kümmern. Für mich gehört dazu auch, Trauernde zu trösten, Sterbende zu begleiten, das Andenken von Menschen zu bewahren, die von allen vergessen werden und sich um Gräber zu kümmern, die keiner versorgt. Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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