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Ansprache bei der Karfreitagsliturgie am 25. März 2016 in St. Peter 

Bibelstelle:

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, laßt uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Laßt uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit. Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.  Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt;  zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden (Hebr 4,14-16; 5,7-9)

Liebe Gemeinde,
sie kennen sicher auch die schöne Geschichte vom Berliner Funkturm am Alexanderplatz. Was war dort bei sonnigem Wetter auf der Turmkugel zu sehen? Ich denke, Sie ahnen, worauf ich hinaus will: Ein Kreuz! Dieses Lichtkreuz soll ein Ärgernis für die SED-Regierungen gewesen sein. Daher wurde dieses Kreuz auch als Rache des Papstes bezeichnet. Ob die Regierungen der DDR sich wirklich intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt haben, weiß ich nicht, aber es ist für mich durchaus denkbar. Außerdem ist es ein wunderschönes Zeichen für die Unbesiegbarkeit des Kreuzes, aber auch ein Zeichen dafür, dass das Christentum sich seinen Weg bahnt, auch da, wo es nicht gern gesehen wird. Auf dem Einband eines Buches über Glauben in Berlin, mit dem Titel ...unterm Himmel über Berlin" da prangt sie, diese Lichtreflexion, die das Zeichen von uns Christen darstellt. Ein wunderschönes Titelbild! War das die Rache der Kirche gegenüber dem Kommunismus?

Wie sagt schon Paulus im 1. Brief an die Korinther?
"Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. ...
Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die
Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit."

Nicht nur für die Juden zur Zeit der Urkirche stellte das Kreuz ein empörendes Ärgernis dar. Damals, als der Kommunismus noch regierte, war dieses Kreuz vermutlich für die Machthaber der DDR auch eine Torheit und ein Ärgernis. Zu dieser Zeit war der Himmel über Berlin auch noch geteilt. Viele Menschen meiner Generation sind mit dem Buch und Film von Christa Wolf "Der geteilte Himmel" im Deutschunterricht konfrontiert worden. Eine Grenze ging mitten durch Deutschland, eine Mauer mitten durch Berlin.

Über Berlin ist der Himmel nicht mehr geteilt. Aber es gibt auf der Welt immer noch geteilte Himmel. Viele Menschen sitzen in Afrika fest und wünschen sich nichts sehnlicher, als die Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten in die Sicherheit nach Europa. Aber für sie ist der Himmel über dem Mittelmeer auch geteilt, die Fluchtwege sind oft Wege in den Tod. Viele von ihnen machen in diesen Situationen unendliche Leiderfahrungen, Familien werden getrennt, Menschen wissen nicht mehr weiter, sehen kein Licht am Horizont. Sie kommen nicht weiter auf ihrem Weg heraus aus dem Bombenhagel, stehen vor Grenzen. Es wurden wieder Zäune und Mauern errichtet, der Himmel wurde wieder geteilt.

Heute, am Karfreitag, in der Todesstunde Christi, richten wir unseren Blick auf das Leiden und das Kreuz. Im Hebräerbrief macht Paulus deutlich, dass Jesus in seinem Tod unendlich leiden musste. "Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte" so haben wir eben in der Lesung gehört.
Auch die Menschen, die ihren Glauben nicht im Zeichen des Kreuzes leben, die nicht Christen sind, wenden momentan sicher unter Tränen Gebete an Gott.

Auch angesichts der Terroranschläge der letzten Wochen und Monate, in Paris, Ankara, Istanbul und zuletzt Brüssel spüren wir, wie bedroht unsere Welt ist. Viele Menschen haben Angehörige bei diesen Anschlägen verloren oder sind selbst schwer verletzt worden. Wir empfinden Mitgefühl. Wir spüren, die Welt ist durch Kriege, Flüchtlinge und Bombenattentate aus den Fugen geraten und im Innersten gefährdet.

Wir alle haben daneben unsere eigenen Situationen, unsere eigenen Schicksalsschläge, unser eigenes Kreuz zu tragen.
Dieses Kreuz ist also Ausdruck unendlichen Leides, unendlicher Schmerzen und unendlicher Pein. Jesus hat geweint, geschrien und gebetet, wie viele gläubige Menschen es in ihrem Leid auch tun. Für diese Menschen ist das Kreuz ein Zeichen der Solidarität, ein Zeichen des Mitgefühls. Sie wissen, Gott hat seinen Sohn auf die Welt gesandt, damit er ein Mensch unter Menschen wird, mit allen Schmerzen, allen Tränen und aller Trauer, die auch wir empfinden. Lassen wir uns daher den Himmel nicht teilen, sondern als unseren gemeinsamen Himmel betrachten. Das Kreuz ist nicht Zeichen der Trennung sondern Zeichen der Einheit, denn Jesus hat uns Barmherzigkeit und Mitgefühl gegenüber allen leidenden Menschen vorgelebt.

Wenn wir nachher zur Kreuzesverehrung vorgehen, bringen wir alle unsere eigenen Kreuze mit und legen sie gewissermaßen in Gedanken symbolisch vor dem Kreuz ab. Wir denken an so vieles, was es uns schwer gemacht hat und richten den Blick auf Jesus, der sich am Kreuz mit uns solidarisiert hat.

Sorgen wir dafür, dass das Zeichen des Kreuzes nicht zum Ärgernis wird, sondern zu einem Hoffnungszeichen. Der leidende Christus am Kreuz hat sich mit den Menschen die es schwer haben, solidarisiert. Daher sollte auch unser Blick auf die Menschen gerichtet sein, die in Not sind, die unsere Hilfe brauchen. Amen.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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