Zurück zur StartseitePredigten, Gottesdienste und Vorträge

Gedenkansprache anlässlich des Konzerts zur Erinnerung an die Zerstörung Bruchsals am 1. März 2014 in der Lutherkirche

Da wir uns im Kirchenraum befinden, erlauben Sie mir, dass ich Sie nicht einzeln begrüße sondern die hier übliche Anrede benutze:

Liebe Schwestern und Brüder,
in diesem Jahr haben Sie die Worte "Hebe deine Augen auf", die aus Psalm 121 stammen, in den musikalischen Focus dieser Veranstaltung gestellt.
Dieser Psalm lautet mit den Worten der Einheitsübersetzung:

Der Wächter Israels
1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er läßt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht.
4 Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
5 Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite.
6 Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht.
7 Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben.
8 Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit.

Welche Verheißung anläßlich des Gedenkens an 69 Jahre Zerstörung Bruchsals! Die Hilfe kommt von unserem Schöpfer, er passt auf uns auf, er behütet unser Leben. Wie viele Menschen haben das am 1. März 1945 hier in Bruchsal nicht so erlebt. Wie viele sind jäh ums Leben gekommen. Daher mögen solche Psalmworte auf manche eher wie Hohn wirken! Nicht alle können diese Zusage teilen. Gerade heute, wo wir an ein Ereignis denken, das Tod und Zerstörung gebracht hat.

Wenn wir an Krieg, an Zerstörung, an Tod und Leid denken, verbinden wir dies mit Dunkelheit, in vielen Gedichten, in der Lyrik werden solche Erfahrungen mit November, mit Herbstbildern verknüpft, weil da die Natur ohnehin vergeht.

Meteorologisch ist heute Frühlingsbeginn. Und das hat man an diesem 1. März 1945 auch gespürt, es war ein wunderschöner Tag mit Sonnenschein, bei dem viele sicher Frühlingsgefühle hatten! Natürlich, es war Krieg, manche Menschen hatten gerade ihre Liebsten verloren, Männer waren als Soldaten umgekommen, Kinder betrauerten ihren Vater, aber manche haben trotz der Kriegssituation vermutlich Pläne geschmiedet, die ersten Sonnenstrahlen ausgekostet und sich daran gefreut.

Wenn es im Buch Kohelet oder Prediger heißt "Alles hat seine Zeit", dann ist dies verbunden mit der Erkenntnis, dass im Leben der Menschen alle Ereignisse parallel verlaufen, da gibt es Menschen, die trauern, und Menschen, die glücklich sind und tanzen möchten, ja, die verliebt sind, da gibt es Menschen, denen das Herz schwer ist und Menschen, die sich freuen, Menschen, die sterben und Menschen, die geboren werden.
Auch an diesem Tag werden die Menschen hier in der Stadt all das erfahren haben. Sie alle kennen sicher auch Stunden ihres Lebens, in denen der Sonnenschein auf sie wirkte, als wäre er falsch, wo wir den am liebsten aussperren würden, Tage an denen er in uns keinen Raum hat, weil unser Herz schwer ist und in uns Dunkelheit herrscht. Manchmal kann es in Sekundenschnelle so passieren, dass das strahlende Licht der Schwärze weicht.

Dies  beschreibt es die Lyrikerin Hilde Domin mit wie ich finde passenden Worten in ihrem Gedicht Osterwind.

So ähnlich wird es an diesem 1. März 1945 wohl auch gewesen sein, die Jahreszeiten waren schneller, aber es dauerte nicht mal eine Stunde, bis der Winter symbolisch kam, wo eben noch Frühling war, war kurz nach 14 Uhr plötzlich Dunkelheit und Tod. Durch die Bomben hat sich auch der Himmel verdunkelt, der Rauch hat den Frühling vertrieben und dann war alles ganz anders. Da konnten sich die glücklich schätzen, die da noch an die Auferstehung der Toten glauben konnten, die in allem, dennoch einen Sinn sehen konnten. Ich denke, das waren die wenigsten!

Wir wollen heute an die denken, die in diesen Augenblicken des Angriffs den Tod fanden, auf der Straße, im Versteck der Keller, in ihren eigenen Häusern, dort wo sie Zuflucht gesucht haben. Wir wollen an die Eltern denken, die ihre Kinder betrauerten, die Kinder, die ihre Eltern verloren haben, die Liebsten, die Abschied voneinander nehmen mussten, an all die Familien, die auseinandergerissen wurden! Viele, die heute hier sind, sind mit ihren traurigen Erinnerungen gekommen, die wir mit ihnen teilen wollen.

Und dann gab es die, die es tatsächlich so sehen konnten, wie im Psalm 121 beschrieben, die erfahren haben, dass ihre Hilfe vom Herrn kam, der dafür gesorgt hat, dass sie nicht zu Schaden kamen, der sie vor dem Bösen behütet hat. Es gibt nämlich auch die Geschichten wunderbarer Errettung, die Erfahrung von Menschen, die eigentlich woanders hätten sein sollen, aber wie durch ein Wunder verschont wurden, Berichte von denen, die im Keller heil blieben, während neben ihnen Menschen ums Leben kamen, die, die tatsächlich Hilfe vom Herrn erfahren haben. Mit ihnen wollen wir in ihren Dank einstimmen.

So wollen wir heute all das mit hineinnehmen in unser Gedenken. Solche Tage können uns auch helfen, sorgsamer mit unserem eigenen Leben umzugehen. Das Bewußtsein der Endlichkeit, der Vergänglichkeit kann uns helfen, dankbarer für die schönen Momente in unserem Leben zu sein. Der 1. März 1945 hat uns gezeigt, wie jäh solche Ereignisse zu Ende gehen können, wie schnell alles ganz anders sein kann. Jeder Augenblick zählt. Und es ist wichtig, die Trauer ebenso zuzulassen, wie die Freude. Jedes Menschenleben durchlebt beides. Eben wie im bereits zitierten Buch der Bibel,

dem Buch Kohelet, Prediger Salomon, 3, 1-8 im Text Alles hat seine Zeit von Christa Spilling Nöker

Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns, dass wir Hilfe vom Herrn erfahren dürfen, dass er unser Leben behütet, dass Sie neben Zeiten der Trauer und des Gedenkens an Verstorbene auch Zeiten der Freude und der Feste erleben dürfen. Dieses Jahr ist der 1. März der Faschingssamstag, da liegen Trauer und Frohsinn, Tanz und Innehalten eng nebeneinander. Heute machen wir Pause im Fasnachtstreiben und verneigen uns still vor den Toten des 1. März 1945, aber wir werden auch wieder leichten Herzens lachen, hier in dieser Stadt. Morgen geht es mit Fröhlichkeit weiter. Beides hat seine Zeit. Legen wir so alles in die Hände Gottes, Traurigkeit und Frohsinn, die Dankbarkeit derjenigen, denen Hilfe widerfahren ist, die Trauer um die Toten, unsere je eigenen Leiderfahrungen, die eigenen Erlebnisse, die Situationen, die uns förmlich erdrückten, aber auch die, in denen uns Hilfe gewährt wurde und werden wir still in unserem eigenen Gedenken und unserem eigenen Gebet.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

zum Seitenanfang