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Vortrag bei der Frauengemeinschaft St. Paul am 13.03.2012

Thema: "Biblische Gerechtigkeit - soziale Gerechtigkeit, ein Widerspruch?" 

So habe ich das Thema überschrieben und wir haben im Programm ausgeführt: oder ist Gottes Zusage, dass seine Gerechtigkeit "steht wie die Berge" (Ps 36) sowohl diesseitig als auch jenseitig gemeint? Gott fordert von uns Gerechtigkeit und Nächstenliebe, was aber verstehen wir unter biblischer Gerechtigkeit und wie sollen wir als Christinnen und Christen heute leben, damit wir die Erwartungen an uns erfüllen? Wie sieht Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert aus? Wie setzen wir die biblischen Ideale in unser Leben um?

Es gibt bestimmte Schlüsselwörter in der Bibel, die für uns Messlatte für unser Verhalten sind: Erbarmen, Barmherzigkeit, Treue und eben Gerechtigkeit sind alttestamentlich diese zentralen Begriffe.

In letzter Zeit wurde bei uns in der Familie viel über Gerechtigkeit diskutiert, meine Tochter wird nächsten Montag Deutsch-Abi schreiben, eine der Pflichtlektüren: Kleists Michael Kohlhaas, der sich ungerecht behandelt fühlt und zu Selbstjustiz greift. Eine Novelle, in der uns die Frage nach Gerechtigkeit stets begleitet.

Was ist gerecht, was bedeutet Gerechtigkeit?

Im Griechischen heißt Gerechtigkeit dikaiosýne und meint einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt, also das Wort wird auf die Gesellschaft angewendet. Lateinisch: iustitia, englisch und französisch: justice) erinnern schon daran, dass in dem Wort auch Justiz zu hören ist, also hat es etwas damit zu tun, dass durch Rechtsprechung auch Gerechtigkeit hergestellt wird. Dabei sehen wir, dass es wichtig sein kann, ein Wort in seiner Bedeutung zu untersuchen, denn dabei klingen schon unterschiedliche Bedeutungen an.
Weltweit wird sie als Grundnorm menschlichen Zusammenlebens betrachtet; daher berufen sich in allen Staaten Gesetzgebung und Rechtsprechung auf sie. Jedem kommt das Seine zu, also hat jeder die Möglichkeit, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und teil zu haben, an der Gestaltung des Lebens der Gesellschaft. Früher ging es dabei um kleine überschaubare Einheiten, heute können wir diese Ziele nur weltweit in den Blick nehmen. Globalisierung, weltwirtschaftliche Probleme, Klimawandel und demographische Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass neben Fragen innerstaatlicher sozialer Gerechtigkeit auch die nach Generationengerechtigkeit und nach einer gerechten Weltordnung in den Vordergrund rücken. Unter den sittlichen Tugenden ist Gerechtigkeit die höchste. Es gibt immer zwei Arten von Gerechtigkeit, die der Einzelnen zueinander und die soziale Form der Gerechtigkeit des einzelnen in der Gesellschaft bzw. der Glieder einer Gesellschaft zueinander.

John F. Kennedy, der 35. amerikanische Präsident (1961-63) sagte einmal "Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten." Ein bedenkenswerter Satz, denn manchmal ist Gerechtigkeit auch eine Frage der Perspektive. Mancher Wunsch nach Gerechtigkeit entspringt eigentlich dem Neid. Es geht um scheinbare Gleichbehandlung, aber in Wirklichkeit um die Angst, dass andere mehr bekommen, als man selbst. All dies meint das Wort Gerechtigkeit allerdings nicht, ich würde daher gern auf Spurensuche gehen, was das Wort biblisch bedeutet und was wir heute als Christinnen davon für unser Leben mitnehmen können.

Für das Judentum meint Gerechtigkeit (sedaka) sowohl die Bundestreue Gottes als auch den Gehorsam des Menschen, den er durch seine innere Einstellung wie auch durch sein äußeres Handeln zum Ausdruck bringt. Sie ist das personale Verhältnsi zwischen Gott und Mensch voraus, die beide zur Gerechtigkeit verpflichtet sind. In älteren biblischen Texten ging es dabei um Rechtsprechung, aber nie im griechischen Wortsinn für das Verurteilen eines Schuldigen. Eine lieblose, blinde mit verbundenen Augen agierende Gerechtigkeit wäre auf hebräisch ein Selbstwiderspruch, während sedaka, juristisch gesehen, eine Ungerechtigkeit zugunsten der Armen ist. Ungerechtigkeit ist alttestamentlich die Verurteilung eines Unschuldigen. Dabei ist nicht nur das Erfüllen der 10 Gebote, sondern eine grundsätzliche ethische Haltung gefordert: Das hebräische Wort sedaka/Gerechtigkeit ist eines der Schlüsselwörter des alten Testamentes, für viele alttestamentliche Theologen sogar das Schlüsselwort schlechthin. Eines der Lieblingszitate unseres Pfarrers ist Micha 6 "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: nichts anderes als Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott." (Micha 6, 8) Der hebräische Begriff sedaka ist eigentlich unübersetzbar und verbindet Gerechtigkeit, Güte und Liebe zu einer Einheit.

Schauen wir uns also einige alttestamentliche Stellen genauer an:

Beginnen wir vielleicht mit eingangs zitiertem Psalm 36
In Ps 36 hören wir es noch einmal deutlich: "Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn. Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes, deine Urteile sind tief wie das Meer. Herr, du hilfst Menschen und Tieren."
Gottes Urteil ist damit auch ein gerechtes Urteil, im Gegensatz zu dem, was der Mensch oft von den Menschen erwarten darf.

Jesaja Die Ankündigung des messianischen Reiches: 11,1-16
Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes. Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib. Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frißt Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
Gottes Gerechtigkeit wird wie ein Gürtel angezogen. Die Vision eines messianischen Reichs hat viel mit Gerechtigkeit zu tun. Dabei geht es auch um Zuwendung zu Armen und Hilflosen. Dies ist ganz wichtig für die biblischen Forderungen nach einem Leben in Gerechtigkeit.

Jer 33,15 f
15 In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich für David einen gerechten Sproß aufsprießen lassen. Er wird für Recht und Gerechtigkeit sorgen im Land. In jenen Tagen wird Juda gerettet werden, Jerusalem kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Jahwe ist unsere Gerechtigkeit.
Gottes Name ist also Gerechtigkeit, sie ist das, was er von uns erwartet, weil er selbst die personifizierte Gerechtigkeit ist.

Im christlichen Sinne entsteht Gerechtigkeit auch durch die Einhaltung der Gebote Gottes. Sie schließt die Barmherzigkeit aus Liebe mit ein. Dieser menschlichen Gerechtigkeit übergeordnet ist die Gerechtigkeit Gottes, durch dessen Handeln dem Menschen Gerechtigkeit als Gnade geschenkt wird, die aber zugleich als Gericht dem sündigen Menschen gegenüber tritt. Nach dem Alten Testament erweist sich Gottes "gerechtes" Tun in seinen Heilserweisungen gegenüber seinem erwählten Volk. Die Evangelien des Neuen Testamentes zeugen von der Verkündigung Jesu aus der gleichen Tradition. Die zahlreichen Heilungen lassen die rettende Zuwendung des "Vaters im Himmel" erkennen. Die Gleichnisse Jesu machen deutlich, dass jedem Einzelnen sein Leben in "gerechter" Weise gesichert wird. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt, 1-16) zeigt, dass es nach dem christlichen Gerechtigkeitsbegriff vor allem darauf ankommt, ohne Neid jedem Menschen gerecht zu werden. Nach Paulus ist Gottes Gerechtigkeit "offenbart aus Glauben zum Glauben" (Röm. 1, 17) Die Gerechtigkeit Gottes ist das Geschenk Gottes an die Welt und ermöglicht gerechtes Handeln der Menschen untereinander, Gerechtigkeit im praktischen diesseitigen Handeln. Weil Gerechtigkeit ein Leitbegriff in der Bibel ist, kam es in der Neuzeit mit Beschluss der VI. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Vancouver 1983 zur Einigung auf den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

So heißt es bei Mt 23,23-26
"Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und laßt das Wichtigste im Gesetz außer acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muß das eine tun, ohne das andere zu lassen."
Wie bei den alttestamentlichen Propheten geht es auch in diesem Abschnitt des Evangeliums um die Anklage, dass das Wesentliche nicht getan wird. Der Zehnt von Kräutern wird gegeben, sogar von Heilkräutern, aber das Wichtigste fehlt: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Jesus stellt sich hier in die Tradition der alttestamentlichen Propheten, die auch immer wieder genau diese Gerechtigkeit forderten.

Gott drückt hier seine Trauer darüber aus, dass die Propheten dem Volk immer wieder klar gemacht haben, worauf es eigentlich ankommt. Aber ihre Worte verhallten ungehört. Das Volk bricht trotz allem den Bund mit Gott, ein Vorwurf der das ganze erste Testament durchzieht. Jesus wird im Evangelium in eine Abstammungslinie mit den Propheten gestellt, er ist gewissermaßen deren Krönung. Gott sendet die Propheten und Jesus, um das Volk zur Umkehr zu Gerechtigkeit und zu einem gottgefälligen Leben anzuhalten.

Und bei Jesus können wir dies auch als zentrale Forderung finden. Ich denke nur an die Bergpredigt, in der wir die drei eingangs zitierten Begriffe Barmherzigkeit, Treue und Gerechtigkeit ebenso finden: Bei Mt 5 wird uns gesagt: "Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen." Gott hat die Propheten gesandt, um die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Auch Jesus wurde gesandt, um genau dieses Ziel zu verfolgen. Genau deswegen wird von uns heute Handeln im Sinne der Gerechtigkeit gefordert.

Ein weiterer wichtiger Beleg findet sich bei Matthäus 5,20-21
Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
D.h. Jesus erwartet von seinen Jüngern und damit auch von uns eine größere Gerechtigkeitsliebe als von den Pharisäern. Die Pharisäer orientieren sich bei der Frage nach Gerechtigkeit an Thora und Geboten. Die Thora ist Gesetz, dort findet sich Gerechtigkeit. Dort lag die Richtschnur für ihr Handeln. Jesus übergibt uns selbst jedoch die Verantwortung für unser Handeln. Wir orientieren uns an unserem Gewissen, nach Maßstäben, die aus unserem Inneren stammen und, ich denke, heute macht es einen guten Christen aus, wenn sie oder er fragt, wie würde Jesus handeln. Unsere Gerechtigkeit bezieht ihre Leitbilder aus Jesus selbst. Aber wir müssen dies in uns tragen und nicht als starres Gesetz betrachten.

Thomas von Aquin hat sich im hohen Mittelalter in der Scholastik auch mit dem Thema Gerechtigkeit befasst. Er sagt, dass Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit die Mutter der Auflösung sei, aber Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, so in seinem Kommentar zum Matthäus-Evangelium. Gerade im Matthäusevangelium finden wir viele Belege für das Thema Gerechtigkeit. Die Grenze der Gerechtigkeit ist die Liebe, denn wenn Menschen nur das Gebot der Gerechtigkeit einhalten, dann fehlt etwas Wesentliches. Barmherzigkeit, Zuwendung, Nächstenliebe, egal mit welchem der Begriffe wir es umschreiben, die Menschlichkeit gehört dazu. Es geht nicht darum, Leistungen zu erfüllen. Wenn z.B. Häftlinge im KZ sich nur dann um Kranke gekümmert haben, weil sie dann Anteil an deren Essensrationen hatten, dann ist das grausam, dann fehlt Mitmenschlichkeit, obwohl dieses Verhalten formal vielleicht als gerecht angesehen werden kann, weil derjenige, der krank ist, nicht arbeiten kann und daher weniger Kalorien verbraucht. Das bloße Berechnen dessen, was einem zusteht, ist unmenschlich. Thomas sagt ebenso: "Durch Gebote der Gerechtigkeit den Frieden unter den Menschen wahren zu wollen, ist unzulänglich, wenn nicht die Liebe unter ihnen Wurzel schlägt."

Von den Propheten des Alten Bundes an, über Jesus fordert Gottes Ruf nach sedaka, nach Gerechtigkeit uns bis heute zum Handeln auf. Er fordert von uns Gottesdienst und Menschendienst, untrennbar verbunden und als steten Ruf an uns Christinnen und Christen. Es wird uns verdeutlicht, woher wir den Antrieb für unseren Einsatz für Gerechtigkeit nehmen sollen.

Neben dem alten Testament und den Evangelien möchte ich in der Rückbesinnung auf biblische Gerechtigkeit selber auch im neuen Testament noch einen Blick auf Paulus werfen, der für mich auch eine ganz wichtige Stimme bei der Frage nach biblischer Gerechtigkeit ist.

Brief des Apostel Paulus an die Römer 4,1-8.
Müssen wir nun nicht fragen: Was hat dann unser leiblicher Stammvater Abraham erlangt? Wenn Abraham aufgrund von Werken Gerechtigkeit erlangt hat, dann hat er zwar Ruhm, aber nicht vor Gott. Denn die Schrift sagt: Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Dem, der Werke tut, werden diese nicht aus Gnade angerechnet, sondern er bekommt den Lohn, der ihm zusteht. Dem aber, der keine Werke tut, sondern an den glaubt, der den Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet. Auch David preist den Menschen selig, dem Gott Gerechtigkeit unabhängig von Werken anrechnet: Gottes Gerechtigkeit ist das Resultat von seiner Güte, Liebe und Barmherzigkeit.
Bei Paulus wird deutlich, wie schwierig das Thema Gerechtigkeit ist. Bei der berühmten Rechtfertigungslehre, die Katholiken und Protestanten seit Luther beschäftigt, geht es darum, dass Gott uns nach Paulus nicht aufgrund unserer Werke ein ewiges Leben verspricht, sondern aufgrund seiner Gnade. Wenn wir uns nur einer einzigen Verfehlung gegen seine Gebote schuldig machen, ist es genauso schlimm, als hätten wir einen ganzen Sündenkatalog. Wenn es nur darum ginge, könnte ein Fehler reichen, um seinen Anteil am Paradies verwirkt zu haben. Wir meinen jedoch oft, es ist gerecht, wenn Gott die Menschen zu sich holt, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und versuchen, ein ordentliches Leben zu führen. Aber bei dem Versuch bleibt es. Und, wer nur einmal beim Autofahren einen Fehler macht, kann genauso ein Kind überfahren wie der Verkehrsrowdy. Daher ist die Frage der Gerechtigkeit bei Paulus ein wirklicher Knackpunkt. Es geht um Gleichbehandlung aller aus Gnade und nicht darum, wie viel Gutes ich getan habe. Hier geht es um einen diesseitigen und jenseitigen Gerechtigkeitsbegriff. Die Kategorien mit denen wir ewiges Leben erlangen können, mögen nicht immer gerecht sein, denn es geht nicht um die Menge guter Werke sondern um Gnade. Diese Gerechtigkeit Gottes aufgrund von Glauben aus Gnade ist die höchste Form von Gerechtigkeit.

Seit die Moderne entstand, war die Forderung nach Gerechtigkeit, der Kampf darum, eine Bewegung, die die Menschen antrieb. Im Gegensatz zum mittelalterlichen Menschen, der sich in seinem Stand verhaftet sah und duldsam erlitt, wie sein Herr ihn behandelte, wollten und wollen die Menschen seit dem 18. Jahrhundert Gleichbehandlung, Chancengleichheit und die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens, Dinge, die für sie gerechte Forderungen sind. Soziale Gerechtigkeit und soziale Marktwirtschaft sind Schlagworte, die von Leistungen einer Politik, beginnend im 19. Jh., sprechen, die erkennt, dass der Mensch im Blick bleiben muss. Die Errungenschaften, die Deutschland seit dem Kaiserreich in diese Richtung erzielt hat, stehen in Gefahr durch Neoliberalismus und Globalisierung wieder preisgegeben zu werden. Die katholische Kirche hatte Anteil am Errichten dieser Formen von Wirtschaft. Menschen wie Franz Hitze, der erste Professor für christliche Gesellschaftslehre in Münster, der auch an den wirtschaftlichen Gesetzen der Weimarer Verfassung maßgeblich beteiligt war, Bischof Ketteler, Adolph Kolping und nach dem 2. Weltkrieg Menschen wie Oswald von Nell-Breuning, der das Ahlener Programm der CDU stark beeinflusst hat, waren Väter einer sozialen Marktwirtschaft, einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die das Wohl der Menschen im Blick hatte. Sie haben sich dabei am biblischen Gerechtigkeitsbegriff orientiert. Allerdings wurde dieser Begriff schon von den Philosophen zu allen Zeiten bedacht und war Gegenstand ihres Forschens. Wir haben Thomas von Aquin ja bereits zitiert. In einer heutigen demokratischen Gesellschaft wird Gerechtigkeit natürlich anders verstanden, als früher, der Begriff hat sich gewandelt. So haben auch katholische Soziallehrer nicht nur ein biblisches Verständnis gehabt, sondern auch ein modernes gesellschaftspolitisches. Wir müssen unseren Blick sogar weiten auf eine globalisierte Welt. Es reicht nicht, dass bei uns genug Arbeit für alle da ist, dass wir ein Einkommen haben und sozialversichert sind. Wir müssen auch dafür sorgen, dass dies nicht auf Kosten anderer Länder geschieht und neben Gerechtigkeit sind heute Bewahrung der Schöpfung und des Friedens Forderungen, die wir uns als Leitziele vornehmen sollten.

Die Prinzipien der christlichen Gesellschaftslehre sind Solidarität und Subsidarität. Das bedeutet, dass die Menschen für sich selbst sorgen müssen, nicht alles dem Staat überlassen können, aber diesen auch nicht aus der Verantwortung lassen können. Wir jedoch müssen auch unseren Teil übernehmen und uns um Schwächere kümmern, um die, die nicht können.

Wenn Geschwister untereinander um Gerechtigkeit kämpfen, dann meinen sie damit zumeist Gleichbehandlung. Sie wollen, dass jede und jeder den gleichen Anteil bekommt, egal, ob es um Essen, Geschenke, Zuwendung oder das Erbe geht.

Biblische Gerechtigkeit hingegen meint, dass durchaus der Schwächere, Ärmere, mehr Zuwendung erfahren darf, als diejenigen, die besser versorgt sind oder sich selbst besser helfen können. Das fällt und schwer. So denken wir modernen Menschen nicht, zumindest nicht, wenn es um uns selber geht. Aber wir müssen lernen, dennoch umzudenken und uns im biblischen Sinne anleiten zu lassen, Gerechtigkeit als stete Mahnung und als Auftrag Gottes an uns zu betrachten, uns stärker um Hinwendung zu den Schwächeren zu bemühen. Wir fragen oft, können die sich nicht selber helfen, wir müssen doch auch kämpfen, auch uns fällt ja das Leben nicht in den Schoß. Ich denke jedoch oft, vielleicht ist meine Stärke auch Auftrag Gottes an mich, Berufung, mich dadurch um die zu kümmern, die sie nicht besitzen. Die Jahreslosung in der evangelischen Kirche lautet dieses Jahr: "meine Kraft ist im Schwachen mächtig" aus dem Korintherbrief des Paulus. Jesus solidarisiert sich mit den Schwachen. Ich muss mich für die einsetzen, die es selbst nicht können. Das meint biblische Gerechtigkeit und sie ist eben immer nur im Einklang mit Liebe und Barmherzigkeit denkbar. Auch nach über 2000 Jahren ist dieser Gerechtigkeitsbegriff nicht überholt. Und wenn ich mit meinem Gott gehe und darauf achte, was er mir sagen will, dann geschieht dies meist durch meine Mitmenschen. Liebe und Gerechtigkeit sind göttliche, jesuanische Forderungen, die für mich Richtschnur sein müssen. Also sehe ich meine Nächsten, auch und gerade die Schwächeren mit Liebe an und habe ein offenes Herz für sie und ihre Anliegen und erfülle somit Gottes Auftrag aus dem Buch Micha: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: nichts anderes als Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott." (Micha 6, 8)

Ich weiß, dass ist manchmal viel verlangt und gelingt nicht jeden Tag, aber einen Versuch ist es wert.

(Marieluise Gallinat-Schneider)

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